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14:58 16.08.2020
Dr. Jörg Probst steht vor einem historischen Bild aus der Produktion der Eisengießerei Winter im Stadtmuseum. Foto: Michael Rinde
Dr. Jörg Probst steht vor einem historischen Bild aus der Produktion der Eisengießerei Winter im Stadtmuseum. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Bisher hat ihm jeder Tag etwas Neues gebracht. So schildert Dr. Jörg Probst, der Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ) und Stadtmuseums, seine ersten vier Wochen der Einarbeitung.

Probst ist der Nachfolger von Fritz Brinkmann-Frisch, der nach 25 Jahren in den Ruhestand verabschiedet worden war (die OP berichtete). Von seinem verdienten Vorgänger spricht Probst voller Respekt und Anerkennung für die wissenschaftliche Leistung. Im September wird das DIZ seinen langjährigen Leiter noch einmal mit einem Symposium würdigen.

Dass es im DIZ Veränderungen gibt, zeigt sich schon an der Internetseite, die ihr Äußeres verändert hat und um einige Rubriken Zug um Zug reicher werden soll. „DizCo“ heißt eine der Rubriken.

Unter dieser Überschrift finden Interessierte künftig Informationen über Kurzausstellungen, Vorträge und weitere Angebote. Sie alle sollen zeigen, was im Stadtmuseum am Ende ständig machbar wäre, wenn es denn vergrößert wird.

Ausstellungen sind in Planung

Es gibt hierzu eine Machbarkeitsstudie. Die städtischen Gremien wollen erst über inhaltliche Konzepte reden, bevor sie sich mit der Erweiterung befassen. Probst wird bis Jahresende ein Konzept entwickeln, was sich mit zusätzlichem Platz dauerhaft anfangen ließe.

Probst konzipiert bereits die ersten der geplanten „Kabinetts-Ausstellungen“. Die erste trägt bereits den Namen „Industrie-Dornröschen“. Dort wird es um das sich veränderte Frauenbild in Stadtallendorf gehen. Das will Probst anhand von Veröffentlichungen im Heft „Hallo Allendorf“, später kurz „Hallo“, herausarbeiten. Eine weitere wird sich dem Gästehaus widmen. Das erste moderne Nachkriegsgebäude sei damals keineswegs unumstritten gewesen, so Probst. Eine spannende Historie. „Wir wollen auch zeigen, was möglich wäre, wenn wir noch mehr Platz hätten“, sagt Probst.

„Todeslandschaft“ ist Thema

Im Gespräch ist deutlich zu hören, wie sehr Teile der Stadtallendorfer Stadtgeschichte Jörg Probst fesseln. Dass er täglich Neues entdeckt, meint er wörtlich. Allein die Baugeschichte dieser jungen Stadt fasziniert ihn. Probst erwähnt den Namen des Architekten Ruprecht Funke, der mit seinen Bauten einen Teil der neuen Stadtgeschichte mitgeprägt hat, etwa durch den Bau der einstigen Festhalle oder des Herwa-Kinos. Oder die teils noch heute genutzten früheren Produktionsgebäude des Sprengstoffwerkes der DAG.

Damit ist die Brücke zum DIZ wiederum geschlagen. Im Zusammenhang mit den Werken von DAG und Wasag verwendet Jörg Probst das Wort von einer „Todeslandschaft“, die entstanden sei und die bis in die Gegenwart hinein wirkt. Als Beispiel nennt er die immer noch laufenden Rüstungsaltlasten-Sanierungen. Besonders krass aus Probsts Sicht: „Noch heute müssen bisher bewohnte Häuser wegen Schadstoffbelastungen abgerissen werden.“

Probst: Geschichte, die sich zu erzählen lohnt

Nach wie vor arbeitet Probst auch als Hochschuldozent in Marburg. Diese Verbindung zur Philipps-Universität soll auch bei DIZ und Stadtmuseum Früchte tragen. So will Probst Praktika für einzelne Themen an Studierende vermitteln und so auch die Forschungsarbeiten zusätzlich beleben. Ein regerer Austausch zwischen Stadtallendorfs DIZ und Marburgs Uni deutet sich schon an. Probst setzt auf wechselseitige Impulse. Er denkt an die Themen Asyl und Flucht ebenso wie an architekturgeschichtliche Aspekte.

Vieles von dem, was er anstoßen möchte, soll auch im Netz sichtbar werden. Probst hat bereits Teile der Internetseite aktualisiert. „Wir können im Netz Menschen für Stadtallendorf interessieren und zugleich sichtbar machen, dass Stadtallendorf ein Brennpunkt der Zeitgeschichte war“, erklärt Probst die Hintergründe. Stadtallendorf habe eine Geschichte, die es allemal lohne, sie zu weiterzuerzählen.

Der neue Leiter des DIZ und Stadtmuseums hat aber den Aspekt der Erinnerung an die Leiden von Zwangsarbeitern und KZ-Insassinnen nie aus dem Auge verloren. Auch diese zentrale Aufgabe des Dokumentationszentrums soll weiterverfolgt und, wo sinnvoll, auch ausgebaut werden. Probst sieht zum Beispiel noch Nachholbedarf bei der Erhellung der Lebensumstände von Zwangsarbeitern in der Zeit bis 1945.

Von Michael Rinde

16.08.2020
14.08.2020