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Ostkreis Jeder Euro ist ein Hoffnungszeichen
Landkreis Ostkreis Jeder Euro ist ein Hoffnungszeichen
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17:55 01.10.2021
Pfarrerin Elke Smidt-Kulla (Dritte von rechts, hier im Kreis von Helfern vor Trümmern und einem der für die Region typischen Weinberge) wird die von Sebastian Sack (Dritter von links) gesammelten Spenden verteilen. 
Pfarrerin Elke Smidt-Kulla (Dritte von rechts, hier im Kreis von Helfern vor Trümmern und einem der für die Region typischen Weinberge) wird die von Sebastian Sack (Dritter von links) gesammelten Spenden verteilen.  Quelle: Privatfoto
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Momberg

Viermal war der Momberger Sebastian Sack bereits im Ahrtal, um Flutopfern zu helfen – zunächst als Sanitäter, um Erste Hilfe zu leisten, später dann gemeinsam mit Freunden, um eine Familie, deren Haus völlig zerstört wurde, bei den Aufräumarbeiten zu unterstützen. Die Bilder der Zerstörung, das Leid der Menschen, die Angst, aber auch der Mut, mit dem sie gegen Schlamm und Geröll ankämpfen, werden ihm immer in Erinnerung bleiben: „Ich habe nie etwas Eindrücklicheres, etwas Schrecklicheres gesehen. Es herrschen teilweise Zustände, wie man sie nur aus Filmen aus Kriegsgebieten kennt.“ In Dernau und Marienthal gehörte er zu den Ersten, die in den tagelang vom Wasser eingeschlossenen Ortschaften ankam: Dort behandelte Sack Verletzungen wie Schnittwunden, Brüche oder Herzkreislauf-Probleme, leistete psychologische Hilfe und half manchmal auch einfach nur mit einem warmen Essen. „Diese Bilder und der Geruch – eine Mischung aus Kloake, Heizöl und Verwesung – lassen einen nicht los“, sagt Sack, der entsprechend noch weitere Male ins Krisengebiet fuhr, um zu helfen.

Doch auch als er nach den Sommerferien in sein „normales Leben“ als Lehrer, Kommunalpolitiker und vielseitig ehrenamtlich engagierte Person zurückkehren durfte oder musste, wollte er den Flutopfern weiter helfen. Also begann er Spenden zu sammeln, die er am Sonntag übergibt: Innerhalb weniger Wochen sind mehr als 30 000 Euro zusammengekommen – von Privatmenschen, aber auch Vereinen und Organisationen: Der RSV Roßdorf übergab ihm die Einnahmen aus dem Rhiel-Cup und gesammelte Spenden, die Katholische Kirchengemeinde überreichte eine Kollekte und die Erlöse des Gemeindefestes, von der Katholischen Frauengemeinschaft St. Maria und der Evangelischen Kirchengemeinde Neustadt und dem Rotary-Club Stadtallendorf gab es ebenfalls vierstellige Beträge, und die Stadt Neustadt steuerte weitere rund 19 000 Euro bei, die bei einer Sammlung unter den Bürgern zusammengekommen waren. Er wisse, dass über Sebastian Sack und dessen Kontakte das Geld an die richtige Stelle und dort zum Einsatz komme, wo es dringend gebraucht werde, erklärt beispielsweise Bürgermeister Thomas Groll, warum die Kommune sich an dieser Spendenaktion beteilige und nicht einfach das deutschlandweite Spendenkonto nutze.

Opfer berichteten während Gottesdienst über ihr Leid

In Walporzheim hatte Sack an einem Gottesdienst teilgenommen, im Namen der Rettungskräfte eine Fürbitte gesprochen und Pfarrerin Elke Smidt-Kulla von der Evangelischen Kirche Bad Neuenahr kennengelernt. Es sei der wahrscheinlich emotionalste Gottesdienst gewesen, dem er je beigewohnt habe, erinnert sich der Momberger: Mehrere Opfer hätten ihre Geschichten erzählt, wie sie zunächst die Bedrohung unterschätzt hätten und dann auf einmal das Wasser angeschossen kam. Sie sprachen von blanker Angst – und auch darüber, dass sie nicht nur Hab und Gut, sondern auch Angehörige, Freunde oder Nachbarn verloren hätten. Und mittendrin habe die Pfarrerin gestanden – herzlich, tapfer, den Menschen Mut machend, die Gemeinde tragend. „Sie hat mich sehr beeindruckt“, berichtet Sack. Entsprechend sei ihm sofort klar gewesen, dass sie diejenige sein solle, die die gesammelten Spenden verteilen solle.

Das Überraschende: Es sei ein Gottesdienst gewesen, an den sie sich gerne zurückerinnere, sagt die Pfarrerin im Gespräch mit der OP. Trotz allem Erlebten hätten die Menschen Mut gezeigt und den festen Willen, ihre Heimat wieder aufzubauen. Allerdings, so gibt sie zu, sei zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß der Katastrophe auch noch nicht ganz klar gewesen. Inzwischen schwanke die Stimmung der Menschen im Krisengebiet, berichtet sie: Mal seien sie zuversichtlich, mal aber auch einfach hoffnungs- und ratlos.

Der Neuanfang ist ein Marathon – manchmal schwindet die Hoffnung

Zunächst sei es fast schon einfach gewesen, anzupacken: Schlamm schaufeln, zerstörtes Hab und Gut aus den Häusern tragen, aufräumen. „Aber inzwischen gibt es auch immer mehr Resignation. Vieles ist einfach komplett zerstört, und es fehlen beispielsweise die Handwerker, um die Orte wieder aufzubauen.“ Das fange damit an, dass es an vielen Stellen keinen Strom, keine Gasversorgung oder eine funktionierende Abwasserentsorgung gebe. „Und dann stehen wir natürlich vor der Frage, wie es mit Ahrweiler überhaupt weitergeht. Ein Drittel der Bürger ist nicht mehr vor Ort. Werden sie überhaupt wiederkommen?“ Davon sei natürlich auch die Infrastruktur abhängig, betont sie und zitiert ihren Präses: „Der Neuanfang ist ein Marathon, der fünf bis sechs Jahre dauern wird – und die Katastrophe liegt erst zwölf Wochen zurück.“

Positiv indes sei, dass sich das Menschenbild verändert habe: Sie sei sehr überrascht und sehr froh, wie groß die Hilfsbereitschaft in Deutschland ist. Menschen wie Sebastian Sack oder auch alle Spender seien „rettende Engel“, die Mut machten. Und während der Momberger die gesammelten 30 000 Euro zwar als tolle Summe bezeichnet, aber angesichts der Schäden in Milliardenhöhe befürchtet, sie seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so hat die Pfarrerin einen ganz anderen Blick: „Wir sind für jede Unterstützung dankbar – jeder Euro gibt ein Stück Hoffnung.“ Zahlreiche von der Flut betroffene Menschen seien nicht versichert gewesen, und bei einigen sei es auch noch zu einem Verlust des Jobs gekommen: „Wir befinden uns im stetigen Austausch mit den Familien und schauen nun, wo die Not am größten ist. Diese Menschen werden wir dann mit den überbrachten Spenden unterstützen“, sagt Smidt-Kulla und spricht allen Spendern ihren herzlichsten Dank aus: Dafür, dass sie mit den Geldern den Menschen helfen, aber auch dafür, „dass sie an uns denken. Damit setzen sie Hoffnungszeichen.“

Von Florian Lerchbacher