Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Kugel trifft Kaltblut statt Keiler
Landkreis Ostkreis Kugel trifft Kaltblut statt Keiler
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 13.04.2022
Ein Jagdpächter hat in der Nacht zum Sonntag versehentlich ein Pferd auf einer Weide in Wohratal erschossen. (Symbolbild)
Ein Jagdpächter hat in der Nacht zum Sonntag versehentlich ein Pferd auf einer Weide in Wohratal erschossen. (Symbolbild) Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Wohratal

Ein Jagdpächter hat in der Nacht zum Sonntag versehentlich ein Pferd auf einer Weide in Wohratal erschossen. Der Jäger sagte der Besitzerin, er habe das Tier mit einem Wildschwein verwechselt.

Die Nachricht überbrachte der Jäger der Besitzerin noch in der Nacht. Er habe am Sonntag gegen 1 Uhr geklingelt und sei über seinen Fehler selbst sichtlich schockiert gewesen, sagte die Frau auf Anfrage der OP. Bei dem Pferd handelt es sich um ein seltenes Tier der Rasse Rheinisch-deutsches Kaltblut. Die Rasse ist vom Aussterben bedroht und steht auf der Roten Liste der Nutztierrassen. „Das war auch der Grund, warum wir es gekauft hatten“, sagt die Frau. Betreut sowie zum Reiten und zum Ziehen einer Kutsche trainiert habe es ihre Tochter gemeinsam mit ihr.

Die Frau und ihre Tochter im Teenageralter sind schockiert und trauern um den zwölf Jahre alten Wallach, der seit etwa fünf Jahren in ihrem Besitz ist. „Er war ein Familienmitglied“, sagt die Frau den Tränen nahe. „Wir stehen alle unter Schock.“ Das Pferd stand nach Angaben der Frau mit Fjordpferden und einem weiteren Beistellpferd sowie einigen Ziegen auf einer Weide, etwa 100 bis 120 Meter von dem Hochsitz des Jägers entfernt.

Kaltblüter sind große und kräftige Pferde

Ein Rheinisch-deutsches Kaltblut ist ein großes und kräftiges Pferd. Das Stockmaß – also die Höhe von den Hufen bis zur Schulter – liegt laut Wikipedia zwischen 1,58 und 1,70 Metern. Ausgewachsene Tiere wiegen zwischen 720 und 850 Kilogramm.

Der Bruder der Frau ist selbst ein erfahrener Jäger. Er könne sich die Verwechslung nicht erklären, sagte er derb OP. Aus seiner Sicht handelte der Jäger, der die Jagdpacht in Wohratal noch nicht lange ausübte, grob fahrlässig.

Dies meint auch die zuständige Revierförsterin, die den Jagdunfall am Sonntag untersuchte. „Der Jagdpächter war noch nicht richtig vertraut mit dem Revier, sonst hätte er gewusst, dass auf dieser Weide immer Tiere stehen“, sagte sie der OP.

Es sei zudem in der Dunkelheit schwierig, die Entfernungen richtig abzuschätzen. Der Jäger habe wohl eine Wärmebildkamera genutzt.

Der Jäger habe offensichtlich, so die Revierförsterin und der erfahrene Jäger, zwei zentrale Regeln für einen Jäger missachtet: Er habe das Tier nicht richtig „angesprochen“ und den „Kugelfang“ nicht beachtet. Das „ansprechen“ bedeutet in der Jägersprache die präzise Beobachtung, Identifizierung und Beurteilung von Wild vor der Abgabe des Schusses.

Noch wichtiger ist der sogenannte Kugelfang, erklärt Michael Funk, Sachbearbeiter Jagd im Forstamt Burgwald. „Bei der Jagd ist der Kugelfang vorgeschrieben.“ Viele Kugeln aus Hochleistungs-Jagdgewehren durchschlagen die Tiere und fliegen noch hunderte Meter weiter.

Ähnliche Jagdunfälle

Jagdunfälle sind angesichts der hohen Zahl von mehr als 400 000 Jagdscheininhabern in Deutschland ausgesprochen selten. Im Jahr 2021 gab es keinen einzigen tödlichen Unfall durch Jagdwaffen. Zudem hat es in den vergangenen drei Jahren nach Auskunft des Deutschen Jagdverbands keinen tödlichen Jagdunfall mit Menschen mit Schusswaffen in Deutschland gegeben. Selten sind auch Fälle wie der aktuelle Jagdunfall in Wohratal:

Am 30. Juli 2021 hat ein Jäger in Usingen nachts ein Quarterhorse-Pferd auf einer Weide erschossen. Er hatte es mit einem Wildschwein verwechselt.

Nahe Wertheim in Baden-Württemberg hat ein Jäger im Oktober 2021 versehentlich zwei Pferde statt zweier Wildschweine erschossen. Der Jäger wollte ein bewirtschaftetes Feld vor Schäden durch Wildschweine schützen und verwechselte die Tiere.

Ähnliche Vorfälle ereigneten sich 2011 und 2017 in Rheinland-Pfalz. In einem Fall musste der Jäger seinen Jagdschein abgeben, im anderen wurde er zu 10 000 Euro Geldstrafe verurteilt.

Weit tragischer war ein Jagdunfall im September 2012 im Landkreis Wunsiedel in Oberfanken: Ein Jäger erschoss versehentlich einen 26-jährigen Spaziergänger. Der Jäger hatte ihn in der Nacht mit einem Wildschwein verwechselt.

Noch schlimmer wäre es, wenn ein Jäger vorbeischieße. Diese Kugeln könnten kilometerweit fliegen. Deshalb sei es von essenzieller Bedeutung bei der Jagd, dass die Kugel hinter dem Wild in gewachsene Erde einschlage, um niemanden zu gefährden. Auch dies hatte der Jäger wohl nicht beachtet. Wie die Revierförsterin erklärte, habe der Jäger vom Hochsitz herab in ein Gefälle geschossen. Die nächste Erderhebung, die als Kugelfang hätte dienen können, sei etwa 300 bis 400 Meter entfernt gewesen.

Es ist ein tragischer Jagdunfall gewesen. Der Jäger zeige sich sehr kooperativ, kommuniziere mit ihnen, sagte die Besitzerin des Wallachs, die gleichwohl einen Anwalt eingeschaltet hat. Für den Jäger geht es einmal um eine Schadensersatzforderung. Das Töten des Pferdes wird rechtlich als Sachbeschädigung betrachtet.

Zum anderen geht es um seinen Jagdschein. Die Untere Jagdbehörde, die in der Kreisverwaltung angesiedelt ist, entscheidet darüber, ob und wie lange der Jagdschein entzogen wird. Der Vorfall ist der Unteren Jagdbehörde bekannt. Er werde derzeit geprüft, teilte die Behörde mit.

Sie stehe in Kontakt mit dem Jäger. „Zum Einzelfall können wir aus datenschutzrechtlichen Gründen und weil es sich um eine laufende Prüfung handelt, keine weiteren Mitteilungen geben“, teilte die Untere Jagdbehörde in ihrer Stellungnahme gegenüber der OP mit.

Allgemein stehe es einem Jäger grundsätzlich frei, seinen Jagdschein freiwillig abzugeben. „In diesem Fall wäre eine behördliche Entziehung eines Jagdscheins nicht erforderlich. Die spätere Neuerteilung eines Jagdscheins wäre dadurch nicht ausgeschlossen“, so die Behörde.

Dies hat der Schütze nach OP-Informationen getan. Wie lange der Jagdschein einbehalten wird, ist offen und abhängig von der Prüfung.

Von Uwe Badouin

13.04.2022
12.04.2022
Ostkreis Neues Projekt - Ab in den Garten
12.04.2022