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Ostkreis In der Bewegung liegt die Kraft
Landkreis Ostkreis In der Bewegung liegt die Kraft
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11:58 15.06.2021
Klaus Weber, Christel Herz, Björn Borgmann, Lea Schwarz, Dr. Constanze Schul und Rolf Reul stellten das Forschungsvorhaben im Haus Kirchhain vor.
Klaus Weber, Christel Herz, Björn Borgmann, Lea Schwarz, Dr. Constanze Schul und Rolf Reul stellten das Forschungsvorhaben im Haus Kirchhain vor. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Wie bewegen sich Seniorinnen und Senioren eigentlich und wie können sie zu mehr Bewegung animiert werden, um ihre Gesundheit in vielerlei Hinsicht zu fördern?

So lauten zwei zentrale Fragen, denen die Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck, das Gesundheitsamt und das Haus Elisabeth nachgehen wollen – und zwar am Beispiel des Kirchhainer Altenhilfezentrums, das als eine von bundesweit 20 Pflegeeinrichtungen für das Projekt „PfleBeO“ ausgewählt wurde. Ziel ist, die Alltagsaktivitäten der Bewohnerinnen und Bewohner nachhaltig auszubauen und zu stabilisieren, indem Bewegungsförderung im pflegerischen Alltag zu einem zentralen Thema wird.

Bewegung und Eigenständigkeit seien zwei Begriffe, die Hand in Hand gehen, betont Erster Kreisbeigeordneter Klaus Weber und freut sich über die Initiative des Gesundheitsamtes, den Landkreis sozusagen in das Projekt einzubinden: „Wer beweglich ist, braucht keine zusätzlichen Hände.“ Entsprechend sei es wichtig und sinnvoll, auf das Thema Bewegung ein Hauptaugenmerk zu legen. Wissenschaftliche Studien belegten, dass systematisch angelegte Angebote und Programme zur Bewegungsförderung bei Pflegebedürftigen positive körperliche, psychische und soziale Effekte erzielten.

„Eine Steigerung der körperlichen Aktivität erhöht die Selbsthilfefähigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner sowie damit ihre Selbstständigkeit bei der Durchführung alltäglicher Aktivitäten. Dies wiederum kann sich positiv auf ihre Lebensqualität auswirken“, erläutert Dr. Constanze Schul, die stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes.

Es gelte also, Bewegung zu fördern – beziehungsweise Anreize zu schaffen, um Bewegung einen Sinn zu geben und die Seniorinnen und Senioren zu motivieren. „Aufstehen und schöne Momente mit anderen erleben“, sei ein zentraler und wichtiger Ansatz, erklärt Björn Borgmann, Pflegerische Gesamtleitung im Evangelischen Altenhilfezentrum Haus Elisabeth.

Die Motivation muss

von innen kommen

Das funktioniere natürlich nur, wenn die Motivation von innen kommt und nicht aufgesetzt wird. Der positive Aspekt liege aber auf der Hand, denn durch mehr Bewegung würden Selbstständigkeit und Lebensqualität gefördert. „Selbstverständlich werden wir mit jemanden, der überwiegend im Bett liegt, keinen Marathon laufen – aber auch in solchen Fällen möchten wir Ansätze finden, damit die Menschen wieder zurück zur Bewegung finden.“

Die Menschen mitnehmen, damit sie bewältigbare Ziele angehen – und dabei den Sinn dahinter sehen. Das sei ein zentraler Ansatz, so Rolf Raul von der Geschäftsstelle „Gesundheit fördern – Versorgung stärken“.

Die kommenden Wochen stehen im Haus Elisabeth zunächst im Zeichen der Analyse. Vier Themen finden dabei besondere Beachtung: Die Umgebung wird betrachtet, um zu sehen, inwieweit Bewegung sicher möglich ist. Es geht aber auch um Pflege und Tagesstruktur und die Frage, wo Bewegung einfließen kann. Außerdem sollen die Angebote unter die Lupe genommen werden, die bereits existieren.

Die Kirchhainer Einrichtung nahm zum Beispiel jüngst an einem Rikscha-Projekt teil – was ein Anreiz war, sich zu bewegen, so Borgmann: Nicht, weil die Seniorinnen und Senioren selber in die Pedale treten mussten, sondern einfach schon, weil es galt, nach unten zu kommen, um sich in die entsprechenden Listen für bestimmte Fahrer einzutragen: „Es gibt also Maßnahmen, die schon funktionieren – aber wir brauchen noch weitere Impulse.“ So stelle sich zum Beispiel die Frage, wie sich der Außenbereich der Einrichtung umgestalten lässt, um zu Bewegung zu animieren.

Beim Brainstorming von 15 Mitarbeitenden, die an dem Projekt mitwirken wollen, seien zum Beispiel die Ideen Sinnesparcour und Barfußpfad aufgekommen. Und vielleicht ließen sich solche Besonderheiten auch ins Quartier einbetten, also mit den Nachbarn teilen, wirft Einrichtungsleitung Christel Herz ein.

Bei der „Kickoff-Veranstaltung“ (also dem Auftakt) sei es nicht um die Frage der Finanzierbarkeit gegangen, sondern einfach nur um das Sammeln von Ideen. Der Gedanke eines eigenen Schwimmbades verschwand dennoch direkt wieder in der Schublade – daraus entstand aber der Ansatz, Senioren Ausflüge ins Freibad anzubieten. „Mal sehen, wer sich eine Teilnahme vorstellen könnte“, so Borgmann. Weitere Ideen betrafen einen Kiosk im Haus, aber auch den Aufbau einer Werkstatt, berichtet Ergotherapeutin und Projektleiterin Lea Schwarz.

„Bewegung eine Chance geben“, ist ein Motto, so Reul. Und manchmal reiche es eben auch, die Menschen wieder in den Alltag oder den Haushalt einzubinden, um sie in Bewegung zu halten, fügt Herz zu: Manchen helfe es zum Beispiel, einfach wieder beim Abdecken des Tisches, beim Spülen oder Wäschezusammenlegen mitzumachen.

Gerade neuen Bewohnerinnen und Bewohnern müsse gezeigt werden, dass das Leben nicht vorbei ist, wenn der Umzug in Seniorenanlagen ansteht. Und er habe schon oft erlebt, dass Menschen liegend oder im Rollstuhl in die Einrichtung zogen, und sich nach einiger Zeit wieder fast selbstständig mit dem Rollator bewegen konnten, freut sich Borgmann.

Weitere Informationen zum Projekt gibt es online unter www.pflebeo.de

Von Florian Lerchbacher