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Ostkreis Sehr viel Arbeit und noch mehr Vergnügen
Landkreis Ostkreis Sehr viel Arbeit und noch mehr Vergnügen
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10:56 07.10.2020
Unter Anleitung von Marie Bretschneider (rechts) schrauben Soey (8) und Paul (7) eine der neuen Attraktionen des Spielplatzes zusammen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Mengsberg

„Das macht Spaß“, freut sich Julius, der während der Spielplatz-Sanierung in Mengsberg das erste Mal mit einem Presslufthammer arbeiten darf.

Ein wenig mulmig sei ihr ja schon, gibt Kathy Grass zu, deren Tochter Soey (8) sich ebenfalls in das Projekt einbringt und mit Schleifmaschine und Bohrer hantieren darf – allerdings nicht einfach so und unbeobachtet, sondern unter ständiger Anleitung und Beobachtung durch die Handwerkspädagogen der Alea GmbH aus Marburg.

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„Das beruhigt schon, denn ich habe den Eindruck, dass die Kinder gut betreut werden“, ergänzt die Mutter, die ebenfalls mitwerkelt – schließlich ist es ja irgendwie auch „ihr Spielplatz“‘, da sie oft genug am Rand der Anlage sitzt, während die Kinder am Spielen sind.

Und in Mengsberg ist der Spielplatz sogar noch mehr der Spielplatz der Bürger als andernorts, denn vor rund zehn Jahren hatten selbsternannte „Rüstige Rentner“ aus dem Dorf das kleine Kinderparadies neben dem Feuerwehrgerätehaus in Eigenregie und -leistung gebaut.

Alea und BSJ im Boot

Nun hat der Zahn der Zeit jedoch etwas an den Geräten genagt, was bei der Stadt Neustadt zu der Entscheidung führte, erneut ein Spielplatzprojekt mit Alea umzusetzen – das vierte im Stadtgebiet insgesamt. Und die „Rüstige-Rentner-Gang“ finde das klasse, betont Ortsvorsteher Karlheinz Kurz. Einer habe gleich zu Beginn der Arbeiten mit großen Augen am Rande der Anlage gestanden, sich über die herumwuselnden Kinder gefreut und bedauert, dass er nicht mehr mitwirken könne.

„Die ‚Rüstigen Rentner‘ sind nun eben wirklich Rentner“, erklärt Kurz – was die Männer aber nicht davon abhalte, sich trotzdem für den Fortschritt der Arbeiten zu interessieren. Einer von ihnen lasse sich beispielsweise telefonisch auf dem Laufenden halten.

Einst waren es Rentner, die den Spielplatz bauten, heute sind es vornehmlich Kinder und ihre Eltern, die sich mit Unterstützung der Handwerkspädagogen um die Erneuerung kümmern. 10 bis 15 Projekte dieser Art setze die Alea GmbH, die vor 25 Jahren aus dem in Neustadt an vielen Stellen engagierten Marburger Verein BSJ erwuchs, um, berichten die „Bauleiter“ Jakob Deppert und Holger Buntzen.

Unter fachkundiger Anleitung durch die Handwerks-Pädagogen von Alea haben Groß und Klein den Spielplatz in Mengsberg umgestaltet.

Das Projekt in Mengsberg, wo traditionell großer Wert auf Eigenleistung gelegt wird, sei aber dennoch ein besonderes, betonen sie: Meist liege der Fokus auf den Kindern, im „Golddorf“ sei aber eine generationenübergreifende Anlage geplant – mit Spielgeräten und einem kleinen Parcours fürs Fahrradfahren dazwischen, aber eben auch mit einer Boulebahn und einem Pavillon für gesetztere Besucher.

Noch dazu sei die Begeisterung groß, mit der sich die Kinder einbringen – und der Fortschritt und die Stimmung seien super. „Nicht zu vergessen ist die Zusammenarbeit mit dem Bauhof, die super funktioniert und keine Selbstverständlichkeit ist. Die Mitarbeiter haben tolle Vorarbeit geleistet, und wir arbeiten sehr vertrauensvoll zusammen“, hebt Deppert hervor.

„Die Kinder sind sehr eifrig“

„Mir haben andere Kinder erzählt, was hier passiert und wie viel Spaß es macht, also wollte ich unbedingt helfen“, erklärt Ida (9) ihr Engagement. Enttäuscht worden sei sie auch nicht. Sie genieße das Werkeln am eigenen Spielplatz, insbesondere das Bohren von Löchern habe sie sehr gern gemacht.

„Die Kinder sind sehr eifrig. Als ich sie das erste Mal mit Schleifmaschinen, Akkuschrauber und anderen Geräten hantieren sah, dachte ich: ,Das gibt’s doch gar nicht.‘ Aber: Die Mitarbeiter von Alea passen sehr gut auf und erklären alles ganz genau, da kann eigentlich nichts schiefgehen“, kommentiert Kurz und freut sich, dass auch Erwachsene sich einbringen. Marco Dank verbringt beispielsweise seinen Urlaub mit dem Spielplatzprojekt. Er finde die Idee schön, dass Menschen aus dem Dorf die Anlage gestalten.

„Außerdem ist es mal etwas anderes, mit Werkzeug dieser Art zu arbeiten“, ergänzt der dreifache Vater, der sonst als Psychiatriepfleger tätig ist. Bisher habe er nie mit „riesigen Bohrmaschinen“ gearbeitet oder eine Bank gebaut: „Kleine Projekte im Haus habe ich schon umgesetzt, aber jetzt bin ich am Überlegen, für zu Hause auch mal eine Bank zu bauen.“ Inzwischen könne er das ja, erklärt er schmunzelnd – auf die Bauanleitung mit Informationen zu Schraubenlänge und Ähnlichem könne er aber trotzdem nicht verzichten.

Eröffnung mit Fest am Freitag

Für Ernst Spannknebel ist es eine Selbstverständlichkeit, sich einzubringen: „Das wird schließlich eine Platz für alle Mengsberger“, erklärt er – und freut sich schon jetzt, dort viele Stunden mit Enkelkindern (von denen es sieben gibt) zu verbringen. Nicole Schmitt, mit der er Zaunbretter abschliff, ergänzt mit einem Augenzwinkern, dass sie es genieße, sich als Handwerkerin auszuprobieren. Zu Hause seien Arbeiten dieser Art Männersache – aber vielleicht ja in Zukunft nicht mehr ausschließlich.

Noch bis zum Donnerstag, 8. Oktober, bauen die Mengsberger zwischen 8 und 18 Uhr ihren eigenen Spielplatz. Zwischen 20 und 25 Kinder helfen mit – 13 davon sind über die von BSJ beziehungsweise Stadtjugendpfleger Philipp Berg organisierten Ferienspiele mit dabei. Ein paar mehr Erwachsene könnten es schon sein, stellt der Ortsvorsteher heraus. Selbst wer nur ein paar Stunden Zeit habe oder glaube, über keinerlei handwerkliche Fähigkeiten zu verfügen, könne sich einbringen.

Die Aufgaben auf dem Spielplatz sind vielfältig, so müssen beispielsweise noch jede Menge Zaunlatten neu gestrichen werden. Und wer sich so etwas gar nicht zutraut, der kann auch die Mitglieder des Frauenstammtischs unterstützen, die sich um die Verpflegung der fleißigen Handwerker kümmern. Am Ende der Woche nimmt dann der TÜV die neu gestaltete Anlage ab, die am Freitagmittag, 9. Oktober, mit einem bunten Fest eingeweiht wird – für das natürlich, wie auch für die Arbeiten, die Corona-Vorschriften gelten.

Von Florian Lerchbacher