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Ostkreis Storch Alex wächst im Garten auf
Landkreis Ostkreis Storch Alex wächst im Garten auf
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20:58 25.09.2021
Der Storch Alex wuchs in einem Horst in einem Garten in Kleinseelheim auf.
Der Storch Alex wuchs in einem Horst in einem Garten in Kleinseelheim auf. Quelle: Foto: Gerhard Köster
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Kirchhain

Nach einem Sommer fast ohne Hitzewellen, nach dem Ende der Brutsaison zieht Winfried Kräling eine erste Bilanz für das Storchenjahr. Kräling ist seit 2007 Storchenbeauftragter der Naturschutzorganisation Nabu und Storchenexperte der Staatlichen Vogelschutzwarte. Es ist ein Jahr der Rekorde geworden. In 52 Nestern sind 118 Jungstörche flügge geworden. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 gab es 40 Nester und 86 Jungstörche, die flügge wurden, sprich zu ihrem Jungfernflug gestartet sind.

Storch Alex ist in einem Horst in einem Garten in Kleinseelheim aufgewachsen. 

Für die Weißstörche bleibt die Radenhäuser Lache bei Kirchhain ein zentrales Brut- und Aufzuchtgebiet. Mittlerweile hat sich das Gebiet auch hessenweit einen Namen gemacht. Allein in diesem Rekordjahr befanden sich 42 Horste im Amöneburger Becken.

In ganz Hessen geht der Nabu in diesem Jahr von etwa 950 Brutpaaren aus, Tendenz weiter steigend, wie die Deutsche Presse-Agentur in diesen Tagen berichtet. Die Zahlen aus den verschiedenen Regionen werden derzeit noch ausgewertet.

Ein ganz besonderes Erlebnis hatte das Ehepaar Christiane Köster-Combé und Gerhard Köster in den zurückliegenden Monaten. Seit März vergangenen Jahres gibt es in ihrem Garten ein Storchennest, montiert auf drei gekürzten Zierpappelstämmen in acht Metern Höhe. Und in diesem Jahr haben sich dort Anton und Anne angesiedelt, ein Storchenpaar. In der ersten Aprilwoche hatte sich ein junges Storchenpaar zunächst des Nestes angenommen. Vorher hatten sich bereits Störche dort Nistmaterial ausgeliehen. Doch das junge Paar wurde letztlich von Storch Anton vertrieben. Dann gesellte sich dessen Partnerin Anne hinzu. Beide bauten das Nest auf einen Umfang von 125 Zentimetern aus, wie Gerhard Köster der OP berichtet. Und schließlich kam am 23. Mai dann Alex (oder Alexandra) zur Welt. Inzwischen hat Alex den Horst verlassen, ebenso wie seine Eltern. Und das Ehepaar Köster hofft schon jetzt darauf, dass es zumindest mit Anton und Anne im nächsten Frühjahr ein Wiedersehen gibt.

Für das Ehepaar Köster waren das besondere Wochen und Monate. Beide sind Natur- und Vogelfreunde, ihr Garten ist wild gewachsen. „Das war ein Gottesgeschenk“, sagt Gerhard Köster über diese Zeit mit den drei Störchen. Im Nest ist eine Kamera versteckt, sodass die Kindheit von Alex bis zum Jungfernflug sehr gut dokumentiert ist.

Eltern waren anfangs scheu

Die Storcheneltern Anton und Anne waren zu Beginn ihrer Zeit in dem Kleinseelheimer Garten noch sehr scheu. Sie mussten sich langsam an die Menschen in ihrer Umgebung gewöhnen. Etwa drei Wochen lang ging das Ehepaar Köster am Anfang nicht in den Garten. An das Rasenmähen gewöhnte Gerhard Köster die Tiere ganz allmählich. „Am Schluss hat es sie nicht mehr gestört, wenn ich direkt unter ihrem Nest gemäht habe“, sagt Köster. Auch die Nachbarn hielten bei Beginn Ruhe, um das zunächst doch scheue Storchenpaar nicht aufzuscheuchen.

Eine gefährliche Situation für Alex (oder Alexandra) gab es im Juni während der Hitzephase. Zwei Tage kamen Anne und Anton nicht zum Nest, das Jungtier hatte nichts zu Fressen oder zu Trinken. Das Ehepaar Köster half Alex, in dem es ihn mit geeignetem Futter versorgte. Alex überlebte und seine Eltern kehrten auch wieder zurück und kümmerten sich sofort wieder um ihn.

Am 26. Juli hatte Alex seinen Jungfernflug, er war an diesem Tag zunächst mit seinem Vater Anton in der Luft, wie Köster erzählt. Seit 27. August sind nun auch die beiden älteren Störche nicht mehr am Nest gewesen.

Zurück zur Gesamtbilanz für die Region. „Die Jungstörche in unserer Region haben sich inzwischen alle auf den Weg in ihre Winterquartiere gemacht“, berichtet ein sehr zufriedener Winfried Kräling aufgrund seiner Beobachtungen. Auf Landesebene wurde die Sorge laut, dass in den nächsten Jahren die Revierkämpfe zunehmen könnten, wenn die Zahl der Tiere immer weiter ansteigt. Diese Sorge hat Kräling für den Kreis Marburg-Biedenkopf nach wie vor noch nicht. Dass sich Störche um Horste streiten, ist dabei Alltagsgeschehen für den erfahrenen Storchenbeobachter. „Wir haben genug Futter, um noch mehr Tiere wenn nötig zu versorgen“, sagt Kräling. Da Wiesen häufiger als in der Vergangenheit gemäht werden, finden die Störche auch genug Nahrung, wie etwa Würmer oder kleine Nagetiere.

Ein Problem bleiben die Storchenpaare, die in Strommasten ihre Nester bauen und dort brüten (die OP berichtete). Vor wenigen Tagen kam ein Storchenpaar aus Niederwetter offenbar durch einen Stromschlag ums Leben. Stromversorger und Naturschützer wollen jetzt gemeinsam versuchen, die Tiere künftig von den Starkstrommasten und Leitungen fernzuhalten. Mehr dazu im Frühjahr.

Wie viele Tiere am Ende den Winter in der Region verbringen werden, lässt sich noch nicht sagen. Im vergangenen Jahr überwinterten einige von ihnen bei Büttelborn, wie sich anhand von beringten Störchen nachweisen ließ. „Es werden immer weniger, die nach Afrika ziehen“, sagt Storchenbeobachter Kräling.

Von Michael Rinde