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Ostkreis Ein Prozesstag ganz ohne Angeklagte
Landkreis Ostkreis Ein Prozesstag ganz ohne Angeklagte
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00:17 15.05.2019
Richter, Ankläger, Anwalt und Akten waren da, der Angeklagte nicht. Doch ein Flaschenwerfer wurde in Kirchhain schriftlich verurteilt. Quelle: Bernd Settnik/dpa
Kirchhain

In Teilen unserer Gesellschaft bewegt sich der Respekt untereinander nahe der Nulllinie. ­Angriffe auf Polizeibeamte, Rettungssanitäter 
und Feuerwehrleute im Einsatz sind Beleg dafür.

Selbst die Judikative, eine unserer drei Staatsgewalten neben der Legislative und der Exekutive, bekommt das zunehmend zu spüren. So gab es in den vergangenen Wochen am Amtsgerichts Kirchhain kaum einen Sitzungstag, an dem nicht mindestens ein Prozess ausfiel, weil Angeklagte, Zeugen oder gar beide Gruppen unentschuldigt Hauptverhandlungen fern blieben.

U-Haft bis zum Verhandlungstermin

Ein säumiger Angeklagter hat es zuletzt so toll ­
getrieben, dass das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft Haftbefehl erließ, wie diese ­Zeitung berichtete. Das bedeutet: Sobald der Mann von der Polizei ­festgenommen wird, kommt er in Untersuchungshaft. Diese kann andauern, wenn das Gericht keinen zeitnahen neuen Verhandlungstermin findet.

Auch am jüngsten Verhandlungstag herrschte Flaute im Gerichtssaal. Von vier öffentlichen Verhandlungen fand nur eine statt. Und die auch nur, weil Oberamtsanwältin Tina Grün beantragte, den fehlenden Angeklagten über ein Strafbefehlsverfahren zu verurteilen. Der Grund: Der Angeklagte hatte im Vorfeld der Hauptverhandlung sämtliche Termine ignoriert.

Remmidemmi in Gladenbach

Die Erfolgsaussichten, den heute in Kirchhain lebenden jungen Mann im Gerichtssaal zu sehen, schätzten Staatsanwaltschaft und Richter Joachim Filmer als gering ein. Pech für die beiden aus Biedenkopf und Marburg als Zeugen angereisten Polizeibeamten, die unverrichteter Dinge wieder abzogen. Einer der Beamten opferte für das Erscheinen vor Gericht seinen freien Tag.

Angeklagt wurde der Delinquent wegen versuchter schwerer Körperverletzung, begangen am Abend des 2. September vergangenen Jahres in Gladenbach. An diesem Abend herrschte richtig Remmidemmi in der Kirschenmarktstadt. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun.

Delinquent ist mit 120 Tagessätzen vorbestraft

Als zwei Beamte damit beschäftigt waren, eine andere Person festzunehmen, soll der zur Tatzeit 20 Jahre alte Angeklagte mit einer vollen 800-ml-Senfflasche nach den Beamten geworfen haben. Nach den Feststellungen der Polizei stand der Werfer zur Tatzeit unter Einfluss von Alkohol und Amphetaminen.

Verurteilt wurde der Angeklagte wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu einen Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen à 20 Euro. Damit ist er vorbestraft. Dieses Urteil kann der Mann nicht mehr einfach so aussitzen. Zahlt er den Geldbetrag nicht, droht ihm eine Freiheitsstrafe. Das wären 120 Hafttage, die er ersatzweise zu der Geldstrafe verbüßen musste. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Matthias Mayer