Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Ilka Bonacker leitet „Kunterbunt“ in Schweinsberg
Landkreis Ostkreis Ilka Bonacker leitet „Kunterbunt“ in Schweinsberg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 28.01.2021
Ilka Bonacker strahlt. Sie ist (vorerst) noch kommissarisch die neue Leiterin der Grundschule Kunterbunt in Schweinsberg.
Ilka Bonacker strahlt. Sie ist (vorerst) noch kommissarisch die neue Leiterin der Grundschule Kunterbunt in Schweinsberg. Quelle: Uwe Badouin
Anzeige
Schweinsberg

Es gibt Jobs, um die sich viele Lehrer nicht gerade prügeln. Schulleitungen gehören dazu. Warum? „Ganz viel Verwaltung“, sagt Ilka Bonacker spontan. Das schreckt so manchen Pädagogen ab. Die Folge: Nicht zuletzt wegen der Bürokratie sind viele Schulleiterpositionen in Hessen vor allem in Grundschulen nicht besetzt.

Die 48-Jährige schrecken Verwaltungsaufgaben aber nicht ab. „Ich mache das gerne, ich habe früher in meinen Ferienjobs schon oft in Büros gearbeitet“, sagt sie. Seit Sommer 2020 ist sie die neue Leiterin der Grundschule Kunterbunt in Schweinsberg – vorerst aber noch kommissarisch. Das ist üblich an Schulen.

63 Kinder, darunter fünf Kinder mit besonderem Förderbedarf, besuchen die schmucke, kleine Dorfschule. Betreut werden sie in vier Klassen von fünf Lehrerinnen, zwei Förderschullehrerinnen, zwei Betreuungskräften und einer Sozialpädagogin, die eine Halbtagsstelle hat.

In den Arbeitsgruppen an Nachmittagen helfen weitere Honorarkräfte an der Schule aus, die ihrem Namen alle Ehre macht: Alles ist wahrlich kunterbunt, selbst die Treppe ist leuchtend blau gestrichen.

8 bis 16 Kinder pro Tag im Unterricht

Wir sitzen im kleinen Lehrerzimmer der Schule, wo normalerweise ein Kaffee oder Tee getrunken wird, wo Planungen, Ideen und Konzepte diskutiert werden: Wie soll es mit der Schule weitergehen? Wo setzen wir Prioritäten in der Entwicklung unserer Schule? Was wollen wir sein? All dies liegt im Moment ein Stück weit auf Eis.

Ilka Bonacker hat ihre Stelle mitten in der Corona-Pandemie angetreten, die den Alltag der Menschen weltweit seit fast einem Jahr dramatisch verändert hat. Auch den Schulalltag. „Jede Woche reagieren wir auf neue Bestimmungen, versuchen sie umzusetzen“, sagt die Schulleiterin.

Derzeit sind die Schulen wieder geschlossen. Wie lange, weiß aktuell niemand. Ganz zu ist die Grundschule Kunterbunt natürlich nicht. Zwischen 8 und 16 Kinder kommen pro Tag in den Unterricht. Ihre Eltern arbeiten überwiegend in systemrelevanten Jobs. Der Rest wird mittels „Padlet“ beschult: Jede Klassenlehrerin übermittelt digital Aufgaben in allen Fächern. Wer möchte, bekommt Ausdrucke der Aufgaben. Selbst an Sport wird gedacht.

„Es herrscht Ausnahmezustand“

In der Corona-Krise kommen Ilka Bonacker ihre IT-Kenntnisse zu Gute. In vielen ihrer bisherigen Lehrerstationen sei sie IT-Beauftragte gewesen. „Ich bin wirklich für den Einsatz der neuen Medien, aber nicht als alleiniges Lern- und Lehrmedium, sondern als zusätzliches“, sagt sie. Wenigstens hinsichtlich der IT-Ausstattung an Schulen hat Corona einiges bewegt, was sonst in Deutschland vermutlich sehr viel länger gedauert hätte. Tablets und Computer halten Einzug an deutschen Schulen.

Dennoch: Corona hat erhebliche Auswirkungen für die Kinder. „Es herrscht ja die ganze Zeit Ausnahmezustand“, sagt Ilka Bonacker. „Die Schulgemeinschaft, das Schulleben ist zum Erliegen gekommen.“ Etwa Theateraufführungen, die in Schweinsberg zum Schulalltag gehörten, sind derzeit nicht möglich.

Welche Auswirkungen Corona auf die seelische und schulische Entwicklung der Kinder hat, ist noch gar nicht abzusehen. Ilka Bonacker denkt nicht zuletzt an die sozialen Kontakte. „Den Kindern fehlt der Austausch mit anderen Kindern“, sagt sie. Und sie weiß: „Je länger die Schulschließungen dauern, desto kritischer kann es für manche Kinder dauern. Generell aber läuft es an unserer Schule gerade wirklich gut.“

Wohnung in Homberg/Ohm

Ilka Bonacker wurde 1972 in Biedenkopf geboren und wuchs in Wallau auf. Nach dem Abitur in Bad Laasphe studierte sie an der Justus-Liebig-Universität Gießen Grundschullehramt mit den Fächern Kunst, Mathematik und Deutsch, sattelte später ein Zusatzstudium für Haupt- und Realschulen mit dem Fach Germanistik drauf. Ihr Referendariat machte sie an der Stadtschule Butzbach. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Homberg/Ohm.

Ilka Bonacker hat an verschiedenen Grundschulen als Lehrerin und an der Justus-Liebig-Universität als pädagogische Mitarbeiterin unterrichtet. Zuletzt war sie in Homberg/Ohm tätig. Als eine ihrer wichtigsten beruflichen Stationen bezeichnet sie die Gießener Sophie-Scholl-Schule, die integrative Grundschule der Lebenshilfe Gießen.

Dort hat sie von 1998 bis 2000 gearbeitet, hat die Schule mit aufgebaut, war stellvertretende Schulleiterin. Die Arbeit dort mit Kindern mit unterschiedlichsten Behinderungen hat ihre Haltung zur Inklusion nachhaltig geprägt. Ihr Unterrichtsmotto lautet auch für Schweinsberg: „So viel gemeinsam wie möglich, so viel individuell wie nötig.“

Differenzierung ist das Zauberwort

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört, egal, wie man aussieht, welche Sprache man spricht oder ob man eine Behinderung hat. Für Schulen bedeutet dies unter anderem: Kinder mit und ohne Behinderung lernen zusammen.

Ilka Bonacker sagt es so: „Jeder Mensch ist gleich, jeder Mensch ist anders. Ich schaue, welches Kind welche Förderung braucht.“ Differenzierung ist das Zauberwort. Das bedeutet: Aufgaben werden nach der Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler vergeben, so wie es etwa in Skandinavien schon lange mit Erfolg praktiziert wird. Das bedeutet mehr Arbeit für die Lehrkräfte, die auch gegenseitigen Respekt vermitteln müssen.

Aber die Arbeit lohnt sich. Es gebe nichts Schöneres, sagt Ilka Bonacker, als „das Glänzen in den Augen der Kinder, wenn es Klick macht und sie lesen können“. Jetzt hofft sie, dass „das kleine Gewusel“, das ihren Beruf so schön macht, bald wieder zurück ist in der Grundschule Kunterbunt.

Von Uwe Badouin