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Ostkreis Warnstreik vom Sofa aus
Landkreis Ostkreis Warnstreik vom Sofa aus
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21:38 04.03.2021
Die IG-Metall hatte gestern zum Warnstreik aufgerufen. In Stadtallendorf bei der Eisengießerei Fritz Winter legten viele um zwölf Uhr ihre Arbeit nieder.
Die IG-Metall hatte gestern zum Warnstreik aufgerufen. In Stadtallendorf bei der Eisengießerei Fritz Winter legten viele um zwölf Uhr ihre Arbeit nieder. Quelle: Nadine Weigel
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Stadtallendorf

Die IG-Metall hatte zum Warnstreik aufgerufen – aber vor der Werkseinfahrt der Eisengießerei Fritz Winter versammelten sich Donnerstagmittag gerade einmal eine Handvoll Leute.

Aus gutem Grund: „Aufgrund der Pandemie werden wir heute nicht in Massen durch die Stadt ziehen. So verrückt sind wir nicht“, erklärte René Müller, freigestellter Betriebsrat bei Winter und Ortsvorstand der IG Metall Mittelhessen. Statt einer Demo hatten die Gewerkschafter zu einer sogenannten „Frühschluss-Aktion“ aufgerufen. „Ihr könnt jetzt einfach nach Hause gehen und vom Sofa aus streiken“, rief Müller den Kolleginnen und Kollegen zu, die um 12 Uhr dem Streikaufruf folgten und die Arbeit niederlegten.

Auch ohne große Demo und Kundgebung war es laut vor den Werkstoren des Unternehmens. Mit einem Megaphon in der Hand verkündete René Müller die Forderungen: „Wir wollen vier Prozent mehr Entgelt, die Übernahme der Auszubildenden ohne Bedingungen und eine Sicherung der Beschäftigung“, so Müller.

Die Auftragsbücher bei Winter seien voll, das Unternehmen mit seinen 3 300 Beschäftigten sei genau wie viele andere der Metall-und Elektroindustrie vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Aus diesem Grund sei es auch an der Zeit, dass die Arbeitgeberseite nun auf die Beschäftigten zugehe.

Tarifverhandlungen stocken

Doch die Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie verharren auf der Stelle: Mitte Februar war die dritte Verhandlungsrunde ohne Ergebnis abgebrochen worden. „Die wollen eine Nullrunde und sagen, sie seien schwer gebeutelt von der Pandemie, aber das stimmt nicht. Die Metall- und Elektro-Industrie ist ein Nutznießer der Krise“, betonte Müller und bekam dabei Unterstützung von Mario Wolf, Zweiter Bevollmächtigter und Geschäftsführer der IG Metall Mittelhessen. „In Mittelhessen haben wir keine Firmen, die einen relevanten Anteil von Kurzarbeit haben“, so Wolf. Die wirtschaftliche Lage habe sich erholt. Das zeige auch die Erwartungshaltung vieler Unternehmen für die kommenden Monate.

„Die Probleme, die aktuell noch vorhanden sind, hat es schon vorher gegeben und sie haben nichts mit der Corona-Krise zu tun“, sagte Wolf und nannte als Beispiele Digitalisierung und Transformation. Gerade deshalb fordere die Gewerkschaft eine Zukunftsvereinbarung, damit der Wandel begleitet werden könne. „Wir brauchen verbindliche Rahmen, dass es eine Qualifizierung gibt für Beschäftigte, die vom Wandel betroffen sind und deren Stellen vielleicht wegfallen. Da muss es Perspektiven geben“, mahnte Wolf. Die IG Metall schlägt zudem unter anderem ein Modell der Arbeitszeitabsenkung vor.

Fakt sei auch, dass es seit dem letzten Tarifabschluss im Jahr 2018 keine Entgelterhöhung mehr gegeben habe. Zwar seien von Arbeitgeberseite einmalige Zahlungen geflossen, es habe aber keine tabellarische Erhöhung auf die Entgelte gegeben. Genau das brauche es aber in der derzeitigen Situation. „Wenn die Wirtschaft kränkelt, darf man nicht noch anfangen, den privaten Konsum zu beschneiden“, betonte Wolf. „Man darf doch nicht bei den Leuten sparen, die ihr Geld auch hier in der Region ausgeben. Das wäre volkswirtschaftlich falsch.“

Weitere Streiks geplant

Laut IG Metall Mitte legten am Donnerstag mehr als 1 300 Beschäftigte aus 20 Betrieben in Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen die Arbeit zeitweise nieder. Es fanden Warnstreiks von Continental-Beschäftigten in Karben und Frankfurt statt, genauso wie von Beschäftigten von Carl Zeiss in Jena. Nach Angaben der Gewerkschaft nahmen insgesamt rund 350 Beschäftigte bei den Warnstreiks bei Fritz Winter und auch beim Stadtallendorfer Nachbar-Unternehmen Federal Mogul Deva teil. Beim Hersteller von Gleitlager waren rund 80 Kolleginnen und Kollegen zum Warnstreik aufgerufen. „Die Forderungen der IG Metall sind absolut berechtigt“, befand Winfried Görge, Betriebsratsvorsitzender von Federal Mogul Deva.

Insgesamt haben sich IG Metall-Angaben zufolge seit dem 1. März rund 40 000 Beschäftigte in Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen an Aktionen und Warnstreiks beteiligt. Die rege Teilnahme zeige, dass die Beschäftigten hinter den Forderungen stünden, sagte der Sprecher der IG Metall Bezirk Mitte, Uwe Stoffregen, zur dpa. „Das ist ein Erfolg. Wir werden weitermachen“, kündigte er an. Auch kommende Woche seien Warnstreiks zu erwarten.

Von Nadine Weigel