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Ostkreis „Wir ertrinken geradezu in Aufträgen“
Landkreis Ostkreis „Wir ertrinken geradezu in Aufträgen“
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20:58 04.07.2021
Wolf Hoppe, Vorstand der HOPPE AG, erläutert im Gespräch mit der OP die Probleme von immenser Nachfrage und drastisch gestiegenen Rohstoffpreisen.
Wolf Hoppe, Vorstand der HOPPE AG, erläutert im Gespräch mit der OP die Probleme von immenser Nachfrage und drastisch gestiegenen Rohstoffpreisen. Quelle: Andreas Schmidt
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Eigentlich könnte Wolf Hoppe, Vorstand der HOPPE AG, hochzufrieden sein. Denn die Nachfrage nach Fenstergriffen und Türbeschlägen der Unternehmensgruppe steigt. Das wirkt sich auch auf das Umsatzwachstum aus: Es liegt im ersten Halbjahr „bei einer Steigerung von mehr als 20 Prozent. Und wir sehen nicht, dass das abreißt“, erläutert Wolf Hoppe im Gespräch mit der OP.

„Wir ertrinken geradezu in Aufträgen“, sagt er. Was sich so positiv anhört, ist jedoch auch Teil eines Problems. Denn, so verdeutlicht Hoppe: „Wir haben unendlich mehr Aufträge, als der Marktbedarf es rechtfertigen würde.“

Eine hohe Nachfrage

Zum Wachstum trägt auch der weiter anhaltende Neubau auf hohem Niveau bei. „Der Bau geht gut und es gibt eine hohe Nachfrage“, sagt Hoppe. „Aber es wurden früher auch schon wesentlich mehr an Fenstern ge- und verbaut.“ Und er relativiert das geflügelte Wort „Bauboom“ weiter. Es seien in Deutschland 2020 „etwas mehr als zwei Prozent neue Wohnungen genehmigt worden und knapp fünf Prozent mehr Wohnungen fertiggestellt worden als im Vorjahr.“

Letztlich gebe es einen Überhang von 780.000 Wohnungen – die also genehmigt, aber noch nicht fertiggestellt seien. „An eine Genehmigung können Sie jedoch noch keinen Türgriff schrauben“, sagt der Unternehmer. Von einer Baugenehmigung bis zur Fertigstellung gebe es, je nach Bautyp, einen zeitlichen Verzug von sechs bis zwölf Monaten.

Renovierung macht gut die Hälfte des Absatzes aus

Fünf Prozent mehr fertiggestellte Wohnungen korrelieren also nicht mit einem 20-prozentigen Umsatzwachstum. Doch nicht nur Neubauten sind für HOPPE interessant: Vielmehr machen Renovierungen und energetische Sanierungen mittlerweile „etwas mehr als die Hälfte des Absatzes“ aus. Insgesamt produziert das Unternehmen „über 40.000 technische Varianten an Tür- und Fenstergriffen“, sagt Hoppe.

Dabei sei man Volumenhersteller, „wir wollen nicht drei Stück in einem besonders verrückten Design produzieren, sondern große Stückzahlen“. Die Individualisierung komme dabei nicht zu kurz – zum Beispiel durch das Material oder Varianten in Matt oder Glänzend oder auch die Kombination von Griff mit Schild oder Rosette. Was „Volumen“ heißt, verdeutlicht Hoppe mit einer Zahl: Von einem Design – das es für Tür- und Fenstergriffe gebe – „haben wir mehr als 210 Millionen Stück verkauft“.

Breites und tiefes Sortiment

Und von den Top-5-Serien seien bis Ende vergangenen Jahres knapp eine dreiviertel Milliarde produziert worden. Das breite und tiefe Sortiment sei durchaus auch eine Herausforderung für die Fertigung.

Es gebe – neben der unnatürlich hohen Nachfrage – „einige Stolpersteine“, wie Wolf Hoppe verdeutlicht. Einer davon: Die Materialsituation. „Die Preise für einige der Rohstoffe sind je nach Material zwischen 15 und 113, für Container, und damit Seetransporte, sogar um 430 Prozent gestiegen.“ Aluminium, „von dem wir jedes Jahr Tausende Tonnen benötigen“, wurde binnen Jahresfrist um 54 Prozent teurer, Edelstahl um 39 Prozent.

Vor Verknappung verschont

HOPPE sei von der Verknappung bisher zum Glück vergleichsweise verschont, „unsere Versorgung ist dank der sehr gut funktionierenden und langen Partnerschaften noch weitestgehend sichergestellt“. Auch die Stahlpreise seien explodiert, mit einer Teuerung von bis zu 113 Prozent bei einer Lieferzeit von sechs bis acht Monaten. „Wir bestellen jetzt beispielsweise bestimmte Mengen für das erste Quartal kommenden Jahres, allerdings ohne eine Preisbindung zu haben“, verdeutlicht Wolf Hoppe.

Selbst verschiedene Schrauben seien mittlerweile nur schwer auf dem Markt zu bekommen – und auch nur zu horrend gestiegenen Preisen zwischen 30 und 60 Prozent.

Gründe für Rohstoffknappheit

Ein Grund für die Probleme bei Seetransporten sind immer noch die Auswirkungen der zeitweisen Blockade des Suez-Kanals. „Mittlerweile befindet sich der Stau der Containerschiffe nicht mehr am Kanal, sondern vor den großen Welthäfen, wo die Ladung gelöscht werden soll.“

Doch sei dies nicht die einzige Ursache der derzeitigen Rohstoffknappheit: Auch die Pandemie trage dazu bei. „Weltweit wurden die Kapazitäten vergangenes Jahr zunächst zurückgefahren – weil Mitarbeiter erkrankt waren und weil Unternehmer verunsichert waren, wie es weitergeht“, sagt Hoppe. So seien beispielsweise auch Metallhütten heruntergefahren worden.

Hohe Nachfrage in Asien

„Und das wieder Hochfahren etwa einer Aluminium-Hütte dauert Monate.“ Die Auswirkungen seien heute noch spürbar. Die „erste Lücke“ sei schon dadurch entstanden, dass China sich recht schnell von der Pandemie erholt habe und die Nachfrage in Asien stark gestiegen sei. „Die Weltkonjunktur mit China als großem Vorreiter ist wieder angesprungen, die Rohstoffe waren jedoch bereits knapp“.

In der Konsequenz komme es derzeit zu Angstkäufen. „Wir leiden zurzeit am ‚Toilettenpapier-Syndrom‘“, sagt Wolf Hoppe. Und verdeutlicht: „Beim Kauf kommt der psychologische Faktor hinzu: Man braucht von etwas 100 Stück, weiß, dass die Ware knapp ist und bestellt 150 – in der Hoffnung, 90 zu bekommen.“

Der Facharbeitermangel

Das sei auch bei HOPPE Thema. Beispielsweise bei einem für die Produktion wichtigen Kunststoff, „von dem wir derzeit auf dem Weltmarkt alles kaufen, was wir bekommen können“. Es herrsche eine große Ungewissheit, „und das bei dem höchsten Bedarf aller Zeiten, den wir haben“.

Es gibt noch einen weiteren Stolperstein, den Wolf Hoppe ins Feld führt: Den Facharbeitermangel. Es sei schon eine schwierige Situation, dass Unternehmen womöglich Kurzarbeit trotz übervoller Auftragsbücher anmelden müssten, „weil das Material fehlt“. Aber es gebe auch Probleme, weil es – eben wegen des Facharbeitermangels – „zu wenig Mitarbeiter gibt, die die Aufträge abarbeiten“.

Zwei wichtige Fragen

Und als ob diese Hürden nicht hoch genug seien, führt der Unternehmer auch die immer noch ungewisse Situation durch die Pandemie ins Feld. Auch, wenn die Inzidenzen derzeit sänken: „Niemand weiß, was morgen ist. Egal, ob die Varianten Delta oder später einmal Omega heißen werden.“ Bei HOPPE gelte weiterhin die Maßgabe, Maske zu tragen und äußerst vorsichtig zu sein, „wir fahren weiterhin eine sehr strikte Corona-Politik“.

Zwei Fragen treiben den Unternehmer derzeit um: „Wann sind die weltweiten Lieferketten wieder intakt – und wann geht es wieder runter auf Normalniveau bei den Aufträgen?“

500 neue Mitarbeiter in knapp einem Jahr

Beides könne wahrscheinlich nur der Blick in die Glaskugel verraten. HOPPE begegnet der außergewöhnlich hohen Nachfrage nach seinen Produkten indes nicht nur mit der Erhöhung der Mitarbeiterzahl um mehr als 500 seit Juli vergangenen Jahres auf aktuell über 3.100, sondern auch „mit geänderten Schichtmodellen, Wochenendarbeit und hohen Investitionen in die Ausweitung der Maschinenkapazitäten“.

Dennoch komme es zu Auslieferungsverzögerungen, auch, weil die Kunden mehr bestellten, als sie eigentlich brauchten – auch hier also Angstkäufe „Wir müssen einen unechten Marktbedarf mit echten Mehrkosten zu bedienen versuchen. Und das in Erwartung einer ‚Delle der Normalisierung‘ – die uns dann mit unseren enorm ausgeweiteten Kapazitäten treffen wird“, fasst Wolf Hoppe zusammen.

Von Andreas Schmidt