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Ostkreis Holzstämme fallen auf Polizisten
Landkreis Ostkreis Holzstämme fallen auf Polizisten
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19:21 23.11.2020
Ein Höhenretter der Polizei erklettert einen Baum im Camp „Morgen“ im Dannenröder Forst.
Ein Höhenretter der Polizei erklettert einen Baum im Camp „Morgen“ im Dannenröder Forst. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Dannenrod

Wieder stand gestern ein Camp von A-49-Gegnern im Dannenröder Forst im Fokus, das Camp mit dem Namen „Morgen“ im südlichen Teil des Waldes. Die Arbeiten verliefen weitgehend ohne Zwischenfälle – aber eben nur weitgehend. Gegen Mittag teilte die Polizei über den Nachrichtendienst Twitter mit, dass ein leerer Konstrukt, ein sogenannter „TwoPod“ plötzlich zusammengefallen und auf Polizeibeamte gefallen sei.

Auch am Montag (23. November) gingen die Arbeiten zum Weiterbau der Autobahn 49 im Dannenröder Forst weiter. Die Polizei räumte das Baumhausdorf "Morgen" im Süden des Waldes. 

Ein „TwoPod“ ist ein Gestell aus zwei Baumstämmen. Die Polizeibeamten konnten den Stämmen ausweichen und blieben unverletzt. Allerdings hat die Polizei den ernsten Verdacht, dass das Konstrukt bewusst zum Zusammenfallen gebracht wurde. Die Umgebung wurde zum Tatort erklärt, offenbar gibt es einen konkreten Tatverdacht gegen eine bestimmte Person. Sollte sich der Verdacht bestätigten, so wäre das wieder ein Beweis für die hochgradig anspannte Lage im Dannenröder Forst. Ein Waldbesetzer erklärte gegenüber der OP, während er auf einem mit Seilen gesicherten Stamm saß, dass er zwar Angst habe. Er bleibe aber trotzdem, weil er das für seine Pflicht halte – auch wenn er nicht davon ausgeht, dass die Waldbesetzer sich am Ende durchsetzten.

Appell der Polizei zur Sicherheit im Wald

Neuigkeiten zu den Ermittlungen rund um den Unfall einer Frau am vergangenen Samstag gab es gestern nicht. „Die Ermittlungen dauern an“, so ein Sprecher. Wie die OP berichtete, war eine A-49-Gegnerin aus vier bis sechs Metern Höhe gestürzt, als ihre Plattform (ein „SkyPod“) in Schieflage kam. Sie wurde schwer verletzt. Beamte des Landeskriminalamtes und des Polizeipräsidiums Westhessen hatten den Ort des Ereignisses untersucht. Unter anderem „Wald statt Asphalt“, ein Bündnis von A-49-Gegnern, hatte der Polizei gegenüber schwere Vorwürfe erhoben. Beamte sollen ein Halteseil niedergetreten haben, was die Plattform in Schieflage brachte.

Die Polizei reagierte gestern grundsätzlich auf die Ereignisse vom Wochenende. Sie formulierte einen Appell in Richtung der Ausbaugegner. Komplexe Befestigungen und Seilverbindungen seien bei den einzelnen Konstruktionen schwierig nachvollziehbar und sogar teilweise verdeckt. Diese selbstgebauten Konstruktionen in großen Höhen stellten oftmals allein aufgrund ihrer Bauweise eine erhebliche Gefahr dar. Insofern können sowohl Einsatzkräfte, Ausbaugegner oder auch Wildtiere Auslöser für eine Beschädigung sein, so die Polizei in einer Erklärung. Die Polizei beklagte außerdem, dass sie sich bei gravierenden Vorfällen „reflexartig“ in den sozialen Netzwerken mit ungeprüften Vorwürfen konfrontiert sehe.

Klares Werben für eine Pause

Sie forderte die Waldbesetzer dazu auf, mitzuwirken und damit Leib und Leben der Personen in den Konstruktionen zu schützen. Alle Konstruktionen sollten entsprechend kenntlich gemacht werden. In den vergangenen Wochen sei es der Polizei gelungen, in Hunderten Fällen Menschen wieder zu Boden zu bringen, teilweise gegen erhebliche Gegenwehr.

Dass am vergangenen Wochenende, insbesondere am Totensonntag, im Dannenröder Forst weitergearbeitet wurde, hat viele Menschen nicht nur in dem betroffenen Homberger Stadtteil bewegt. Die Polizei hatte am Sonntagmorgen zwar einen Rodungsstopp für diesen Tag verkündet. Die Entscheidung sei kurzfristig am Samstag gefallen, hatte Polizeisprecher Jochen Wegmann am Sonntag erläutert. Gearbeitet wurde teilweise aber doch. Auch eine große Kundgebung fand statt. Die evangelischen Landeskirchen hatten sich im Vorfeld für eine Beachtung der Sonntagsruhe eingesetzt – insbesondere im Hinblick auf den „stillen Feiertag“ Totensonntag. Der ist gesetzlich besonders geschützt.

Helmut Wöllenstein, Propst der evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck mit Sitz in Marburg, sprach gestern gegenüber der OP denn auch von einer „halben Pause“. Er macht sich weiter für einen Ruhetag an Sonntagen stark. Auch mit Blick auf die beginnende Adventszeit. Warum? „Eine Atempause wäre gut und sinnvoll, auch um die Situation zu reflektieren“, sagt Wöllenstein. Diese Pause dürfe dann aber auch nicht zu einem neuen Barrikadenbau genutzt werden. Es gehe darum, herunterzukommen und auf beiden Seiten auch Stress abzubauen.

Von Michael Rindeund Tobias Hirsch