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Ostkreis Auf Eheschließung folgt Schlägerei
Landkreis Ostkreis Auf Eheschließung folgt Schlägerei
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16:00 09.01.2020
Der Täter soll über den Streitschlichter gesprungen sein  und mit einem Glas zugeschlagen haben – auch im Spielzeugland eine Höchstleistung. Quelle: Florian Lerchbacher
Stadtallendorf

Ein bisschen erinnert es an den Film „Memento“, was sich in den vergangenen Wochen am Kirchhainer Amtsgericht abspielte. Die dortigen Strafrichter arbeiten einen Tag aus dem Juli 2018 in Erksdorf auf – der für ein Ehepaar der glücklichste in ihrem Leben sein dürfte, für einige Männer jedoch ein paar Nachwirkungen hat.

Grob gesagt war es zum Streit zwischen einer Gruppe ungebetener Gäste und dem Bruder des Bräutigams gekommen, der am Ende zu Boden ging. Die Gäste machten sich aus dem Staub, woraufhin sich eine weitere Gruppe in zwei Autos auf Verfolgungsjagd begab. Diese endete vor der Stadtallendorfer Wache in einer Massenschlägerei, zu deren Beendigung nicht nur die heimischen Polizisten sorgen mussten, sondern auch Kollegen aus Marburg, Schwalmstadt und Alsfeld anrückten.

Zunächst war vor Gericht die unter Alkoholeinfluss geschehene Verfolgungsjagd zur Verhandlung gekommen. Ein Fahrer wurde wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, fahrlässiger Trunkenheit (er hatte zum Tatzeitpunkt einen Blutalkoholwert von 1,2 Promille) sowie Nötigung mit einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 25 Euro bestraft. Das Verfahren gegen seine Beifahrer wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Übersetzungsprobleme sorgen für Missverständnis

Nun kam die Schlägerei zur Verhandlung, die alle Aufregung ausgelöst hatte. Auf der Anklagebank saß ein 38-Jähriger, der den Bruder des Bräutigams mit beiden Fäusten ins Gesicht geschlagen haben soll. Er gab an, er habe eine verbale Auseinandersetzung – die nach gegenseitigen Beleidigungen auszuarten drohte – schlichten wollen und den Bräutigam-Bruder gezogen und geschoben, aber nicht geschlagen. Dies sei ein Anderer gewesen, der aber „wohl abgeschoben wurde“, wie Richter Joachim Filmer sagte. „Während ich den Bruder des Bräutigams wegzog, sprang er über mich drüber und schlug zu“, berichtete der Angeklagte von der Tat seines Bekannten. So weit er sich erinnere habe er dabei ein Weinglas genutzt, das er in der Hand hatte – und das an der Stirn seines Opfers eine Wunde hinterließ.

Das Opfer wiederum konnte vor Gericht keine Aussage machen. Der Mann sei wie vom Erdboden verschluckt, erklärte Filmer. Und so bezogen zwei weitere Männer Stellung, die den Angeklagten an dem Abend begleitet hatten. Sie bestätigten die Aussage des 38-Jährigen, dass erwähnter vierter Mann den Schlag mit dem Glas gesetzt habe. Einer der beiden Zeugen geriet noch in Erklärungsnöte, weil er bei der polizeilichen Vernehmung gesagt haben soll, dass der Angeklagte mit beiden Fäusten zugeschlagen habe. Wahrscheinlich war das aber nur ein Missverständnis: Angeklagter und Zeugen stammen aus Rumänien und benötigten während der Verhandlung einen Dolmetscher. Ein solcher hatte einst bei der Polizei aber nicht zur Verfügung gestanden. Aus diesem Grund übernahm die Lebensgefährtin des einen Zeugen die Übersetzung – und war dabei wohl ungenau. Der Zeuge jedenfalls untermalte seine Aussage mit Handbewegungen: Und so, wie er das Wegschieben des Opfers demonstrierte, ließen sich seine Bewegungen für das Gericht auch als Schlag mit zwei Fäusten interpretieren.

Das Warum ließ sich nicht klären

Wieso es überhaupt zu der Auseinandersetzung gekommen war, ließ sich vor Gericht nicht klären. Wahrscheinlich lag es daran, dass die aus vier Männern bestehende Gruppe bei der Hochzeit ihrer Landsleute nicht eingeladen war. Sie seien eben angetrunken gewesen, meinte der eine Zeuge noch und analysierte messerscharf: Das Opfer habe zwar ebenfalls ein Glas in der Hand gehabt, er glaube aber nicht, dass es sich selber verletzt habe – weshalb nur sein einer Begleiter als Täter infrage ­komme. Genau aufklären lasse sich der Sachverhalt wohl nicht, resümierte Richter Joachim Filmer und stellte das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und des Angeklagten letztendlich ein.

von Florian Lerchbacher