Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Das Ohmbecken läuft wohl nicht über
Landkreis Ostkreis Das Ohmbecken läuft wohl nicht über
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 05.08.2021
Kirchhain hat leidvolle Erfahrungen mit Unwettern – nur aufgrund von Starkregen und Gewittern, jedoch nicht, weil Flüsse massiv über die Ufer treten.
Kirchhain hat leidvolle Erfahrungen mit Unwettern – nur aufgrund von Starkregen und Gewittern, jedoch nicht, weil Flüsse massiv über die Ufer treten. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Kirchhain

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz kam es zu einer Flutkatastrophe, die bis dato für unvorstellbar gehalten wurde – und die in keiner Prognose in dieser Weise im Vorfeld erfasst wurde. Das führt auch in Kirchhain, der Stadt an Ohm und Wohra, zum Nachdenken, was den Hochwasserschutz angeht. „Wir sollten das, was wir haben, jetzt noch einmal überprüfen“, sagt beispielsweise Reiner Nau (B 90/Die Grünen). Er hat beispielhaft die noch offene Deichsanierung bei Niederwald und auch den Schutz durch das Ohmrückhaltebecken und seine Deichanlagen im Blick. Beides hängt miteinander zusammen.

Auch im Kirchhainer Magistrat war der Hochwasserschutz gleich nach der Flutkatastrophe Thema, wie Bürgermeister Olaf Hausmann im Gespräch mit der OP erklärt. Dort gab es dann eine Reaktion: Bis zum 30. August will die Stadtverwaltung jetzt einen Sachstandsbericht geben und im Fachausschuss Umwelt, Mobilität und Infrastruktur vorstellen.

Doch einiges ist bereits jetzt klar. Zunächst zur Situation beim Niederwälder Deich. Die Ausgangslage: Im Sommer vor vier Jahren hatte das Stadtparlament sich auf eine „kleine Lösung“ für den sogenannten Deich 4104 bei Niederwald festgelegt. Jener Deich schützt vor allem landwirtschaftliche Flächen, Bauherr war die Stadt Kirchhain, und zwar für einen „Regelbetrieb des Ohmrückhaltebeckens“, wie das Regierungspräsidium (RP) Gießen auch noch einmal gegenüber der OP erläuterte. Jener Deich ist also keine „zweite Verteidigungslinie“ zum Schutz vor Überflutungen, wie der ein oder andere schon mal mutmaßte. Mit ihrem Beschluss vor vier Jahren ersparte sich die Stadt Kirchhain einen hohen sechsstelligen Betrag, die Rede war 2015 von weit über 700 000 Euro. Die geplante Deichsanierung in der „kleinen Lösung“, die nach wie vor offen ist, kostet jetzt voraussichtlich rund 85 000 Euro, wie Bürgermeister Hausmann (SPD) erklärt. Nach langwierigen Gesprächen einigten sich Stadt und Aufsichtsbehörden auf eben jene „kleine Lösung“.

Hausmann warnt vor Panik

Reicht die immer noch aus angesichts des Klimawandels und seinen Folgen, den immer extremer werdenden Starkregenereignissen und Überflutungen? Bürgermeister Hausmann warnt bei seiner Antwort: „Wir sollten jetzt nicht in Panik geraten und alles in Frage stellen, was wir mal nach sorgfältiger Prüfung beschlossen haben.“ Nach dem jetzigen Kenntnisstand gebe es keinen Grund für neue Planungen. Was ist geplant? Etwa 400 Meter Deich müssen saniert werden, etwa 1 200 Meter bisheriger Deich sollen nicht mehr für den Hochwasserschutz eingeplant werden, so der damalige Beschluss im Kern. In diesem oder im nächsten Jahr spätestens soll die geplante Sanierung nun erfolgen, nachdem auch ein ausstehendes naturschutzfachliches Gutachten vorliegt. Geld ist im Haushalt bereitgestellt – auch beim Wasserverband Lahn-Ohm, dessen Vorsteher Hausmann aktuell ist.

Das Sperrwerk bei Schönbach ist entscheidend für den Hochwasserschutz in der Region - vor allem für Marburg.  Quelle: Florian Lerchbacher

Das Regierungspräsidium macht aber auch deutlich, wann es für Niederwald wirklich gefährlich werden könnte in Sachen Überflutung: bei einem Hochwasser, wie es statistisch gesehen nur alle 100 Jahre vorkommt – das wird als „HQ100“ bezeichnet. Wenn dann am Ohmrückhaltebecken, auch Hochwasserrückhaltebecken Kirchhain genannt, rechnerisch eine Wassermenge von 260 Kubikmeter pro Sekunde abgegeben wird, dann wäre die Ortslage Niederwald von Überschwemmungen betroffen. Das RP bezieht sich dabei auf schon Jahre bekannte Simulationen aus der Hochwassergefahrenkarte oder der Hochwasserrisikokarte. Jene Daten stammen aus dem Jahr 2015.

Mit Unwetterkatastrophen hat Kirchhain bereits leidvolle, weitreichende Erfahrungen gemacht. Am 7. Juli 2018 fielen in der Ohmstadt bei einem Unwetter etwa eine Stunde lang Regenmengen von etwa 150 Litern je Stunde – mit den bekannten Konsequenzen und schweren Schäden an vielen Gebäuden in der Kernstadt wie auch in einzelnen Stadtteilen.

Kein Szenario für den Überlauf

Zum Ohmrückhaltebecken. Gibt es ein Szenario für die Folgen eines Überlaufs des Beckens bei extremen Unwettern oder Überflutungen? Nein, ein solches Szenario existiert nicht, weil der Fall – rein statistisch gesehen – wohl nicht eintreten kann. Denn dazu wäre ein Hochwasser erforderlich, das einem Ereignis entspräche, das nur alle 10 000 Jahre eintritt. So die Aussagen von Thorsten Haas, stellvertretender Pressesprecher des RP. Das Auslass- oder Sperrwerk bei Schönbach sei so dimensioniert, dass ein solches Hochwasser problemlos abgeleitet werden könnte und die Hochwasserschutzdämme nicht überspült werden. Klar ist aber: Bei einem so extremen Ereignis verlöre das Becken jede Schutzwirkung für Unterlieger – wie zum Beispiel die Universitätsstadt Marburg an der Lahn.

  • Der Ausschuss für Umwelt, Mobilität und Infrastruktur tagt am 30. August ab 18.30 Uhr im Bürgerhaus Kirchhain.

Von Michael Rinde