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Ostkreis Stiftschüler packen im Ahrtal mit an
Landkreis Ostkreis Stiftschüler packen im Ahrtal mit an
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08:00 15.11.2021
Stiftsschüler räumten im Katastrophengebiet im Ahrtal auf. Sie beseitigten Schutt, Müll und Baumstämme.
Stiftsschüler räumten im Katastrophengebiet im Ahrtal auf. Sie beseitigten Schutt, Müll und Baumstämme. Quelle: Foto: Stiftsschule St. Johann
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Amöneburg

Am Ortseingang standen vor und an vielen Häusern große Plakate. Auf ihnen fand sich vor allem ein Wort: „Danke“. Das war der erste Eindruck von Tabea Siemens, als sie und ihre Mitschüler mit dem Bus im Ahrtal ankamen. Das war vor wenigen Tagen.

Sehen, selbst mit anpacken, Helfen in der Not, für andere da sein. Um all das geht es beim Sozialpraktikum „Compassio“, das eigentlich ein fester Teil der Stiftsschul-Laufbahn ist. Doch die Corona-Pandemie machte das bei der aktuellen Jahrgangsstufe 12 (Q1) zunächst unmöglich, wie es vor wenigen Wochen noch schien.

Eltern brachten darum die Idee auf, die Jugendlichen doch für einen Hilfseinsatz im Ahrtal zu gewinnen. Die Region Deutschlands, die zum Schauplatz einer beispiellosen Flutkatastrophe wurde und die für lange Zeit noch sehr breite Unterstützung brauchen wird. Nach dem Anstoß ging alles andere dann schnell. „Wir brauchten keinen langen Planungsvorlauf“, sagt Teilnehmer Leonard Hahne. In der Jahrgangsstufe seien sehr viele sofort für diese besondere Tagestour gewesen. 60 Schüler und Lehrer einschließlich Schulleiter Björn Mayr trafen sich morgens vor 7 Uhr auf dem Berg zur gemeinsamen Abfahrt. Mit dabei war auch Lehrer Paul Lang. Vor der Tour gab es den obligaten Corona-Schnelltest bei jedem.

Ankunft am Eingang des Ahrtals. Treffpunkt war ein Zeltlager des „Helfer-Shuttles“. Dort versammeln sich alle Ehrenamtlichen, die die Betroffenen mit ihrer Arbeit unterstützen wollen, wie Björn Mayr berichtet. Dort gehen auch die Hilfsanfragen von Katastrophenopfern aus der Region ein. Diesen Anlaufpunkt hatten die Organisatoren ausgesucht. Das Einsatzziel für die Amöneburger Schüler war ein Abschnitt des Flusstales zwischen Rech und Mayschoß.

„Es tat gut, helfen zu können“

Auf dem Weg zum Helfercamp hatten die Schüler erste Spuren der Verwüstung zu sehen bekommen. Brückenreste und Trümmer und als scharfen Kontrast dazu den seit Monaten wieder normal vor sich hinziehenden kleinen Fluss, der solche zerstörerische Gewalt entwickeln konnte. „Ja, es ist etwas ganz anderes, so etwas vor sich zu sehen und nicht aus der Ferne im Fernsehen“, sagt Annika Schlitt rückblickend einige Tage später im Gespräch mit der OP.

Material gab es am „Helfer-Shuttle“, vor allem Handschuhe, Gummistiefel und zum Teil auch Wathosen. Die Schüler übernahmen Aufräumarbeiten am Flusstal. Müll, Holzreste, Metallschrott, Dreck, aber auch Dinge des täglichen Lebens finden sich. Gemeinsam schleppen Schüler schon zerlegte Baumstämme beiseite. „Es tat gut, helfen zu können“, sagt Teilnehmerin Tabea Siemens.

Die Schüler organisierten sich selbst. Am Ort des Einsatzes entstand eine lange Kette, der gesammelte Müll ging teilweise von Hand zu Hand. An anderer Stelle, so beschreiben es Tabea Siemens, Annika Schlitt und Leonard Hahne, war dann auch mal ein Baumstamm gemeinsam zu schultern. Ein Betreuer aus der Region begleitete Jugendliche und Lehrer bei ihrer Gemeinschaftsarbeit.

Zerrissene Kleidung liegt im Dreck

Es gab auch ganz persönliche Erlebnisse. Annika Schlitt etwa fand zerrissene Kleidung und eine größere Menge Legosteine. Beides hatte irgendwann mal jemandem gehört. „Ein Kind hat damit mal gespielt und jemand hat diese Hosen auch mal getragen. Das hat mich schon berührt“, sagt die angehende Abiturientin.

Der Einsatz der 60 Helfer aus Amöneburg an diesem Novembertag dauerte bis etwa 16 Uhr. Nach der Rückkehr auf den Berg hatte der Förderverein der Stiftsschule ein gemeinsames Pizzaessen organisiert. Es seien alle zusammengeblieben, keiner habe gleich nach Hause gewollt, berichtet Björn Mayr. Seiner Wahrnehmung nach hat die Gemeinschaft in der Jahrgangsstufe 12 seit diesem besonderen Tag noch einmal deutlich zugenommen. Er habe mit Freude gesehen, wie sich die Schüler selbst gekümmert und organisiert hätten während des Arbeitseinsatzes. Und auch die Rückmeldung ihrer Betreuerin vor Ort sei sehr positiv gewesen, was ihn als Schulleiter natürlich stolz mache. „Alle zogen an einem Strang, das war toll“, sagt er.

Bleibt etwas für das weitere Leben? Für die Schüler ist das schwer zu beantworten – natürlich nach nur wenig Abstand zu dieser besonderen Fahrt. „Das war in jedem Falle prägend“, antwortet Leonard Hahne für sich selbst. Zum Beispiel das gute Gefühl, geholfen zu haben. Annika Schlitt haben ihre Eindrücke nachdenklich gestimmt. „Wir leben in einer Welt, die sehr viel hat und jammern gerne auf hohem Niveau.“

Stiftsschüler räumten im Katastrophengebiet im Ahrtal auf. Sie beseitigten Schutt, Müll und Baumstämme.  Quelle: Stiftsschule

Eines fehlte an diesem Tag. Organisatorisch war das wohl nicht anders zu lösen und vor allem dem Einsatzort geschuldet. Gespräche der Schüler mit Betroffenen gab es bei diesem Arbeitseinsatz leider nicht.

Aber es gibt Gedanken daran, möglicherweise privat für die Flutopfer noch etwas zu tun. Wenn die Stiftsschule St. Johann in der Vergangenheit Hilfsaktionen gestartet oder unterstützt hat, so hat sie dies immer langfristig getan. Das will Schulleiter Mayr auch jetzt nicht ausschließen. Er sieht aber auch, dass im Ahrtal nun mehr denn je Profis beim Wiederaufbau gefragt sein werden. „Wir werden uns Gedanken machen“, sagt er.

Von Michael Rinde