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Ostkreis Hilfe per WhatsApp und Smartphone
Landkreis Ostkreis Hilfe per WhatsApp und Smartphone
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15:58 12.02.2021
Anke Jüngst telefoniert mit Schülerin Petra, die einen Text laut vorliest.
Anke Jüngst telefoniert mit Schülerin Petra, die einen Text laut vorliest. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Jan und seine Familie leben in einer kleinen Wohnung. Der Junge wünscht sich nichts mehr als einen Hund. Ähnlich wie die Grundschülerin Petra aus dem Ostkreis. Deshalb hat Anke Jüngst vom Verein Bipoli die Geschichte von Jan und dem Hund „Maxi“ ausgewählt. Petra liest die Zeilen laut und flüssig vor. Das Besondere: Anke Jüngst und Petra telefonieren miteinander. Jüngst hilft der Zweitklässlerin, die zu Hause unterrichtet wird, dabei, das Lesen zu üben.

„Weißt Du denn, was das Wort Trotten bedeutet?“, fragt Jüngst in einer kurzen Pause. Nein, gibt Petra zu. Es geht bei diesen Telefongesprächen nicht nur um das Handwerk, die richtige Betonung. Sondern auch um Textverständnis.

Bei Petra sei zu merken, dass ihr das Lesen in der Klasse sehr fehlt. „Seit dem Lockdown hat sie es schwerer“, sagt Anke Jüngst. Um so wichtiger ist die Hilfe von Bipoli, dem Verein, der seit Jahrzehnten Hausaufgabenhilfe und Lernunterstützung in Kleingruppen anbietet. Lockdown und Kontaktbeschränkung machen das aber zurzeit unmöglich.

Also musste sich Bipoli bereits beim ersten Lockdown neu erfinden. Denn klar ist: Gerade die Kinder, die die Hausaufgabenhilfe erhalten, brauchen Unterstützung im Schul- und Lernalltag. Jetzt noch mehr denn je. „Zuerst mussten wir die Frage klären, was bei den Familien an Technik überhaupt vorhanden ist“, sagt Peter Thoene, der Geschäftsführer der „Bildungspolitischen Initiative (kurz Bipoli)“. Schnell zeigte sich, dass die Grundschüler und Schüler fünfter und sechster Klassen am Besten über Telefon, Videoanruf und Messenger-Dienste wie WhatsApp zu erreichen sind. Oder damit am einfachsten zurechtkommen.

Videos statt Bewegungsspielen

„Eigentlich leben wir von der Präsenz und der Arbeit in der Gruppe bis hin zum spielenden Lernen“, sagt Anke Jüngst. Die Stadtallendorferin leitet die Hausaufgabenhilfe in dem gemeinnützigen Verein. Die Erfahrung von Bipoli ist sehr eindeutig: Viele der von ihnen betreuten Kinder haben große Probleme mit dem Unterricht daheim, dem „Home-Schooling“. Deshalb haben sich die mittlerweile 29 Mitarbeiter aus der Hausaufgabenhilfe und Lernunterstützung zunächst darauf konzentriert, den Kindern zu helfen, ihre Tage zu strukturieren.

Dabei helfen die fest vereinbarten Termine für Telefonanruf oder Video-Call, aber auch gemeinsam mit den Lehrern aufgebaute Stundenpläne. Die Kinder haben auch die Möglichkeit, ihre Trainer direkt anzurufen, wenn es aktuelle Fragen gibt. Peter Thoene erklärt, wie schwierig es an mancher Stelle ist, alleine mit dem Lehrbuch zu arbeiten.

Materialien perKurznachricht

„Wir merken, da fehlt den Kindern nach mehreren Lockdown-Wochen teilweise einiges“, so Thoenes Zwischenfazit. Von den Eltern gebe es sehr viele Rückmeldungen, berichten Anke Jüngst und der Bipoli-Geschäftsführer. Dass Grundschüler ein eigenes Mobiltelefon besitzen, ist die Ausnahme. Deshalb organisieren es die Familien so, dass eines der elterlichen Geräte verfügbar ist, wenn der Hilfs-Anruf von Bipoli kommt. Noch etwas kam auch für den Verein überraschend. Tabletcomputer, Laptop oder PC sind die Ausnahme in den jeweiligen Familien.

So drängte sich der Handyeinsatz auf. Dank WhatsApp und Co. lassen sich Materialien einfach hin- und herschicken. Der Zettel wird abfotografiert und dem Kind geschickt.

Das wiederum erledigt seine Hausaufgaben, macht ein Bild davon und schickt es an seinen Betreuer. „Zwischen der Nachricht und der Antwort liegen dann mitunter nur ein paar Minuten“, berichtet Peter Thoene.

Im „Normalbetrieb“ an den Schulen gehören Spiele und Bewegung fest zum Ablauf der Hausaufgabenhilfe. Auch das fällt flach.

Oder doch nicht? Bipoli-Mitarbeiter haben Bewegungsvideos gedreht, die sie den Kindern über das Smartphone schicken. Es gibt einfache Koordinationsübungen zu sehen, die sich alleine nachmachen lassen. Beispielsweise etwa das Stehen auf einem Bein bei gleichzeitigem Bewegen von Armen und Kopf.

„Wir wissen, dass viele unserer Kinder Probleme mit der Motorik haben“, sagt Anke Jüngst. Dass die Betreuer eigene Videos drehen, hängt auch damit zusammen, dass viele Eltern Bedenken bei You-Tube-Videos haben. „Für sie ist die viele Werbung einfach problematisch“, sagt Thoene.

Von Michael Rinde

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