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Ostkreis Die Kinder einfach purzeln lassen
Landkreis Ostkreis Die Kinder einfach purzeln lassen
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10:00 27.05.2021
Einfach mal purzeln: Janne macht zum Welttag des Purzelbaums einen Purzelbaum.
Einfach mal purzeln: Janne macht zum Welttag des Purzelbaums einen Purzelbaum. Quelle: Tobias Hirsch
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Kirchhain

Einfach mal purzeln, das finden schon die kleinsten Kinder toll. Auf einer Wiese durch das Gras, auf dem weichen Bett oder eine Turnmatte – der Untergrund ist dafür eigentlich egal. „Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang“, sagt Gabi Lesch-Sewing, Vorsitzende der Turnabteilung des TSV Kirchhain und Organisatorin des Kinderturnens: „Manche können einen Purzelbaum direkt nachmachen, wenn sie ihn sehen. Andere müssen die Bewegung erst lernen – aber generell gilt: Kinder können heutzutage noch Purzelbäume schlagen, man muss sie aber auch machen lassen.“

Studie: Kinder bewegen sich erheblich weniger

Das „Machen lassen“ ist zu Zeiten der Corona-Pandemie eine große Schwierigkeit und einer der Punkte, in dem zahlreiche Experten eine Gefahr für die Zukunft sehen: Gemäß einer Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) bewegten sich Kinder und Jugendliche im zweiten Lockdown erheblich weniger als noch im vergangenen Frühjahr. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Kinder und Jugendliche täglich mindestens 60 Minuten körperliche Aktivität bei moderaten bis hohen Intensitäten. Durchschnittlich 75 Minuten am Tag waren die an der KIT-Studie beteiligten Kinder zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs, joggten oder nahmen Internet-Fitnessangebote wahr. Zu ihren körperlichen Aktivitäten befragt hatte das KIT im Februar dieses Jahres 1700 junge Menschen im Alter von 4 bis 17 Jahren.

„Für das Erlernen motorischer Grundlagen gibt es ein goldenes Lernalter, das sich nicht einfach verschieben lässt“, sagte die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderturn-Stiftung Kerstin Holze in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom vergangenen Samstag.

Man habe, so Holze, den Kindern die Bewegung, die sie zur gesunden Entwicklung brauchen, aus guten Gründen vorenthalten. Aber „Sport ist Grundlage für weiterführende Fähigkeiten. Wenn Kinder nicht komplexe Bewegungsabläufe lernen – und sie lernen diese durch qualifizierte Sportangebote, wie zum Beispiel Kinderturnen –, werden sie sich später schwerer tun mit komplexen Denkvorgängen, mit schwierigen Zusammenhängen“, betonte Holze, die auch Kinderärztin ist.

Diese Defizite seien nicht einfach so auszugleichen: „Das wird sich nicht einfach zurechtruckeln“, so Holze. Auch vor Corona seien die Bedingungen für bewegtes Aufwachsen nicht optimal gewesen, und die Pandemie habe das verstärkt. „Wenn wir dorthin zurückkehren, wo wir vorher waren, werden nicht wenige Kinder das nicht aufholen können“.

Kinder bewegen sich mit Kindern anders als mit Eltern

Das sieht Gabi Lesch-Sewing ähnlich. „Wer beweglich im Körper ist, ist auch beweglich im Denken“, beschreibt die Kirchhainerin, warum Bewegung für Kinder egal welchen Alters so wichtig ist. Die verschiedenen Bewegunserfahrungen in jungen Jahren führten später zu einer entsprechenden Gehirnleistung. Seit Mitte April hat sie deshalb wieder mit dem Kinderturnen in Kirchhain begonnen. „Wir mussten seit Herbst wegen Corona pausieren und sind nun mit den Übungsstunden an der frischen Luft und in kleinen Gruppen wieder mit den Kindern aktiv“, berichtet sie. Für die Kinder sei es toll, endlich wieder gemeinsam mit anderen Kindern toben und turnen zu können. „In einer Gruppe bewegen sich Kinder ganz anders, als alleine oder im Beisein der Eltern“, hat Lesch-Sewing festgestellt.

Auf Spielplätzen, dem Grundschulhof in Kirchhain und auch in der freien Natur ist die Übungsleiterin des TSV Kirchhain deshalb derzeit mit den Kinderturn-Kindern unterwegs, um die Freude an der Bewegung wieder zu vermitteln. Denn die Turnhalle und damit die typischen Geräte für das Kinderturnen dürfen aufgrund der Corona-Regeln derzeit noch nicht genutzt werden. „Ich sehe die Einschränkungen jetzt aber auch als eine Chance, den Kindern den Bewegungsraum Natur wieder näherzubringen. Denn viele sind noch nie über eine Wiese gekullert.“ In der Turnhalle würden die Mädchen und Jungen immer direkt auf die Geräte, Klettergerüste und Matten losstürmen, „denn da wissen sie, wozu diese da sind. Draußen sind viele Kinder eher zurückhaltend und müssen ermutigt werden, den Stein zu erklettern, auf dem Ast zu balancieren oder den Hügel hinunterzurollen“.

Lesch-Sewing appelliert daher auch an die Eltern: „Lassen Sie Ihre Kinder zu Hause purzeln – auf dem Bett kann man toll Purzelbäume machen, wenn der Boden vielleicht zu hart ist.“ Und ob der Purzelbaum nun turnerisch korrekt oder schief und krumm ist, „das spielt keine Rolle – Hauptsache ist, die Kinder haben Freude an der Bewegung“.

Hintergrund

Der Purzelbaum heißt im Bodenturnen eigentlich Rolle vorwärts und ist ein standardisierter Bewegungsablauf.

Das Wort Purzelbaum setzt sich zusammen aus den Wörtern „purzeln“, was „stürzen“ bedeutet, und „baum“, was von „(auf)bäumen“ kommt. Es beschreibt demnach eine Bewegung, die sich aus dem Hinfallen und wieder Aufstehen zusammensetzt.

Ins Leben gerufen hat den Welttag des Purzelbaums verschiedenen Quellen zufolge der evangelische Theologe und Pfarrer Jörg Wilkesmann-Brandtner im Jahr 2009. Er postete an jenem 27. Mai ein Gedicht von Christian Morgenstern und überschrieb es mit dem Titel „Welttag des Purzelbaums“ – und schon war der Aktionstag ins Leben gerufen, den mittlerweile Vereine und Institutionen dazu nutzen, um für mehr Bewegung im Alltag zu werben.

Und so geht er, der perfekte Purzelbaum:

aus dem Stand in die Hocke gehen, die Hände dabei nach vorne strecken.

Hände schulterbreit auf dem Boden aufsetzen, während die Beine gestreckt sind.

Kopf auf die Brust legen, Rücken runden und Arme zunächst gestreckt lassen.

Körperschwerpunkt nach vorne verlagern, Beine weiter strecken.

Mit dem Aufsetzen des Nackens beginnt die Rollbewegung, bei der die Beine in sauberer Ausführung gestreckt sind.

Rücken runden, Hände vom Boden lösen und nach vorne bringen, um rasch aufstehen zu können.

Kurz bevor der Po den Boden berührt, Beine anwinkeln, sodass die Rollbewegung auf den Füßen stehend beendet werden kann.

Von Katharina Kaufmann-Hirsch und unserer Agentur