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Ostkreis „Herr Bachmann und seine Klasse“ feierte Premiere
Landkreis Ostkreis „Herr Bachmann und seine Klasse“ feierte Premiere
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09:48 14.07.2021
Sie sind groß geworden, die Schülerinnen und Schüler aus der 6b der Stadtallendorfer Georg-Büchner-Schule von Dieter Bachmann (2. Reihe, 2. von links), die die Regisseurin Maria Speth (vordere Reihe mit Kleid) für den preisgekrönten Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ porträtiert hat.
Sie sind groß geworden, die Schülerinnen und Schüler aus der 6b der Stadtallendorfer Georg-Büchner-Schule von Dieter Bachmann (2. Reihe, 2. von links), die die Regisseurin Maria Speth (vordere Reihe mit Kleid) für den preisgekrönten Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ porträtiert hat. Quelle: Uwe Badouin
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Stadtallendorf

Es gibt Filme, die sind so besonders, so anders, dass sie ihre Zuschauerinnen und Zuschauer packen. „Herr Bachmann und seine Klasse“ ist so ein Film. Es ist ein Dokumentarfilm von der Berliner Regisseurin Maria Speth und Kameramann Reinhold Vorschneider über den Lehrer Dieter Bachmann und seine Klasse 6b der Stadtallendorfer Georg-Büchner-Schule – auf den ersten Blick abschreckende dreieinhalb Stunden lang.

Doch dieser ruhig erzählte Film, der ganz ohne Erläuterungen aus dem Off auskommt, ist ungemein fesselnd – und dies liegt an den Darstellern: Den Schülerinnen und Schülern aus der 6b und den Lehrern Dieter Bachmann, Önder Cavdar und ihrer Kollegin Aynur Bal, die mit viel Einfühlungsvermögen zeigen, wie anders Schule auch sein kann.

„Herr Bachmann und seine Klasse“ hat bei der diesjährigen Berlinale den Preis der Jury und damit den Silbernen Bären gewonnen. Das ist für eine Doku schon bemerkenswert.

Noch bemerkenswerter ist jedoch, dass der Film trotz seiner Länge auch den Publikumspreis des Festivals gewonnen hat. Am Montagabend fand in der Stadtallendorfer Stadthalle die Premiere des Films statt – vor etwa 100 geladenen Gästen, ein Dankeschön an die Stadt, die Schule und die Kinder.

Vor der Schule stehen Teenager, 15, 16, 17 Jahre alt. Sie alle haben gerade die 10. Klasse an der Gesamtschule hinter sich gebracht, wollen ihr Fachabitur machen wie Ayman Aouani (17) oder auf ein Gymnasium wechseln wie Thea Lucia Becker (15) oder werden eine Ausbildung beginnen. Sie sind die eigentlichen Protagonisten des Films.

Vier Kameras im Klassenzimmer

Vor vier Jahren hat Maria Speth sie mit ihrem Kamerateam im Unterricht und in der Freizeit begleitet, sechs Monate lang von Dezember bis in den Frühsommer. Sie haben bis zu vier Kameras im Klassenzimmer aufgebaut, die Lehrer wurden verkabelt. „Am Anfang war es sehr gewöhnungsbedürftig, aber man hat sich schnell daran gewöhnt. Es wurde Alltag“, sagen Ayman und Thea Lucia.

Zwar steht die Klasse 6b im Zentrum des Films, doch gibt es immer Exkurse in die Vergangenheit Stadtallendorfs, wo die Nazis Sprengstofffabriken und Lager für Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter errichteten. Nach dem Krieg entstanden Industrien. Die Eisengießerei Fritz Winter und Ferrero brauchten Arbeiter und lockten Italiener und Türken nach Stadtallendorf. Heute leben dort Menschen aus 70 verschiedenen Nationen, wie Bürgermeister Christian Somogyi erklärt. Auch dieses multikulturelle Stadtallendorf bildet der Film ab.

Die Klasse 6b besuchen Schülerinnen und Schüler aus völlig unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Religionen und Bräuchen. Fast alle haben einen Migrationshintergrund.

Sie kommen aus Italien, aus Bulgarien, aus Kasachstan, aus Russland oder aus der Türkei. Manche sprechen Deutsch, andere lernen die schwierige Sprache gerade. Mittendrin hockt als Ruhepol der erfahrene Lehrer Dieter Bachmann, der stets eine auffällige Kopfbedeckung trägt. Er macht seinen Schülern mit ungewöhnlichen Methoden Mut, versucht Defizite abzubauen, Stärken zu betonen. Oft, aber nicht immer mit Erfolg. In der Klasse stehen Gitarren, ein Schlagzeug, ein Keyboard. Wann immer möglich, macht er Musik gemeinsam mit der Klasse. Das lockert Spannungen, fördert Talente.

„Stadtallendorf ist eine Insel“

Dieter Bachmann ist seit zweieinhalb Jahren in Pension. Doch das Verhältnis zu seinen Schülerinnen und Schülern ist noch immer ungemein herzlich.

Das wird am Montagabend mehr als deutlich. 19 Jahre hat er in Stadtallendorf an der Georg-Büchner-Schule unterrichtet, ist jeden Morgen von seinem Wohnort Oberrosphe nach Stadtallendorf gefahren und nach dem Unterricht, nach Konferenzen und Elterngesprächen zurück. Doch wie ist die Wahl für den Film auf Stadtallendorf und die Klasse 6b gefallen? Das waren persönliche Kontakte. Dieter Bachmann kennt Kameramann Reinhold Vorschneider von seinem Studium in Berlin.

Immer wieder habe er ihnen von Stadtallendorf und der Schule erzählt, sie neugierig gemacht, erklärt Maria Speth. „Stadtallendorf ist eine Insel“, sagt Bachmann. Er meint diese besondere Stadt mit der besonderen Geschichte mit ihrer besonderen Kultur mitten zwischen oberhessischen Dörfern.

Bürgermeister Somogyi sagte in seiner Begrüßung: „Es macht Stadtallendorf stolz, dass diese Doku hier entstanden ist und dieser Stadt ein Denkmal setzt, einer Stadt, die wie kaum eine andere sich zusammensetzt aus vielen unterschiedlichen Kulturen.“ In einer „Welt der Ausgrenzung und des Hasses“ sei dieser Film ein Plädoyer für Toleranz.

Und was hat Regisseurin Maria Speth mitgenommen aus Stadtallendorf neben vielen, vielen Metern Filmmaterial? „Die Dreharbeiten waren eine ganz besonders intensive Zeit für mich und mein Team.“ Sie dankte „diesen wunderbaren Kindern aus der 6b und 6f, die die Helden des Films sind“, den Eltern, der Schule und dem Dokumentations- und Informationszentrum. „Stadtallendorf hat gezeigt, dass es eine offene, herzenswarme Stadt ist“, sagte sie. Und genau so ist „Herr Bachmann und seine Klasse“ geworden.

Von Uwe Badouin

13.07.2021