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Ostkreis Wenn ein Helfer plötzlich allein dasteht
Landkreis Ostkreis Wenn ein Helfer plötzlich allein dasteht
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17:58 15.07.2021
Ein Senior fühlt sich von Polizeibeamten im Stich gelassen (Themenfoto).
Ein Senior fühlt sich von Polizeibeamten im Stich gelassen (Themenfoto). Quelle: Thorsten Richter
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Neustadt

Seine Hilfsbereitschaft kam einen fast 90-jährigen Mann teuer zu stehen vor einigen Tagen. An einem Sonntagmorgen (11. Juli) entdeckte der Senior einen aus seiner Einschätzung heraus orientierungslosen und hilflos wirkenden Mann. Dessen Fahrrad lag an einer Mauer. Er half ihm, so die Schilderung seines Schwiegersohnes, der außerhalb lebt und im Nachhinein davon erfuhr.

Angesichts der Hilflosigkeit rief der Senior zunächst den Rettungsdienst. Der konnte, so weit stimmen auch alle Schilderungen überein, aber keinen medizinischen Notfall erkennen und verwies den besorgten älteren Neustädter an die Polizei. Eine Streifenwagenbesatzung traf ein. Auch sie erklärte sich angesichts der Situation für nicht zuständig – und das empört seinen Schwiegersohn letztlich. Er reichte eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen jene beiden Beamten ein. Denn die hätten seinen offenkundig mit der Situation und den Problemen überforderten Schwiegervater letztlich hilflos allein gelassen.

Senior zahlt auch das Taxi

Die Geschichte dieses Zusammentreffens ist aber noch nicht zu Ende. Denn der Senior wollte in jedem Falle helfen und rief dem für ihn weiterhin hilflos wirkenden Mann ein Taxi nach Großalmerode. Dabei war sich der Mann aber nicht darüber im Klaren, wie weit das von Neustadt entfernt liegt. Am Ende kamen Taxikosten von 150 Euro zusammen. Die Mutter des jungen Mannes weigerte sich dann auch noch, diesen Betrag zu übernehmen. Letztlich blieb auch das noch an dem Senior hängen, er war formal der Auftraggeber.

Nach einem Telefongespräch vom Schwiegersohn mit dem Polizeipräsidium Mittelhessen erklärte sich die Polizei bereit, das Fahrrad eben jenes jungen Mannes zumindest abzuholen. Er konnte sich sein Rad dann in der Polizeistation mitnehmen.

Gibt es Zwänge für die Polizei?

Die Polizei reagiert auf eine Nachfrage der OP zu diesem Vorfall vom 4. Juli in Neustadt. Demnach hat der junge Mann, um den sich der Senior ernsthaft gesorgt hat, gegenüber Rettungsdienst und Polizei jede Hilfe abgelehnt, sogar verweigert. Welchen Zwängen unterliegt die Polizei in solchen Situationen, wollte die OP wissen?

Muss sie nicht sogar helfen, in diesem Fall dem Neustädter Senior beim Umgang mit der Situation? Die Polizei prüfe grundsätzlich die tatsächliche Hilflosigkeit der gemeldeten Person zum Beispiel durch genaue Inaugenscheinnahme und entsprechende Gespräche und, soweit notwendig, durch Hinzuziehung von Rettungswagen oder gar Notarzt, erläutert Polizeisprecher Martin Ahlich. Ergäben sich Anhaltspunkte für eine Hilflosigkeit, sei die Polizei zum Handeln verpflichtet. Offenbar kamen die Beamten vor Ort zu gänzlich anderen Einschätzungen als der hilfsbereite ältere Herr.

Mann lehnte Hilfe ab

Doch hätte die Polizei nicht trotzdem handeln müssen oder zumindest handeln können? Verlange der Betroffene, in Ruhe gelassen zu werden oder lehne er Hilfe ab und es läge keine Hilflosigkeit vor, so habe die Polizei keine Ermächtigung zum Einschreiten, antwortet die Polizei. Und noch eine Frage steht im Raum. Hätte die Polizei nicht die Möglichkeit gehabt, den Mann nach Hause zu bringen?

Auch dazu gibt es ein klares Nein. Zum einen habe der Mann jede Hilfe abgelehnt. „Wenn kein polizeilicher Grund vorliegt, dürfen wir niemanden mitnehmen“, sagt Polizeisprecher Ahlich, nicht zuletzt aus versicherungsrechtlichen Gründen. Über die Dienstaufsichtsbeschwerde gibt es noch keine Entscheidung.

Verärgerter Schwiegersohn

Der Schwiegersohn kommt nach all diesen Ereignissen und ihren Folgen ernüchtert und verärgert zu einem klaren Fazit: „Es wäre Sache der Polizisten gewesen, sich um den jungen Mann zu kümmern, statt den alten Mann mit dem Problem allein zu lassen“. Die Polizei als Freund und Helfer habe an dieser Stelle versagt.

Von Michael Rinde