Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Heinz Immel pflegt seit 20 Jahren seine Frau
Landkreis Ostkreis Heinz Immel pflegt seit 20 Jahren seine Frau
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:48 06.01.2020
Das Pflegen seiner an Demenz erkrankten Frau Gerhild bezeichnet Heinz Immel als 24-Stunden-Job – den er aber gerne ausübt. Jüngst feierte das Paar Goldene Hochzeit. Quelle: Florian Lerchbacher
Hatzbach

In Deutschland gibt es rund 3,4 Millionen Menschen, die auf Pflege angewiesen sind. Meistens übernehmen Angehörige diese Aufgabe – selten sind es jedoch Männer, die sich um die Pflege kümmern. „In der Regel hat das berufliche Gründe“, weiß Heinz Immel (76), der aus Erfahrung spricht. Als seine Frau vor rund 20 Jahren die Diagnose „Demenz“ bekam, entschloss er sich recht bald, seine Hobbys aufzugeben, in Altersteilzeit zu gehen und sich um „seine“ Gerhild zu kümmern. „Weil ich sie lieb habe – in guten wie in schlechten Zeiten“, erklärt er seine Entscheidung, als sei sie selbstverständlich. Was sie aber nicht ist, wie Hans Loock, der Geschäftsführer der Tagespflegeeinrichtung Aura, betont: „Er war ein gestandener Kerl, der mitten im Leben stand und dieses dann komplett verändern musste. Vor allem musste er aber auch die Erkrankung seiner Frau annehmen und damit umgehen.“

Inzwischen ist sie (69) bettlägerig und komplett auf die Pflege durch ihre Familie angewiesen. Früher jedoch, da sei sie aktiv, fröhlich, hilfsbereit und liebenswert gewesen, erinnert sich Immel. Mit etwa 50, also recht früh, sei sie immer vergesslicher geworden – was zunächst ihren Freundinnen auffiel. „Das ist nicht untypisch. Zuhause hält meistens die Fassade“, kommentiert Ursula Pellens, die stellvertretende Pflegedienstleiterin der Aura.

Die Immels gingen zum Arzt – und bekamen die Diagnose, die ihr Leben veränderte. Heinz Immel entschloss sich, nichts zu verheimlichen, sondern offen mit der Krankheit umzugehen und die Nachbarn zu informieren. Zum einen, um „Gerede“ zu verhindern, zum anderen, um seiner Frau zu helfen. Nicht selten verlieren Demenzkranke die Orientierung und finden sich auch in heimischer, eigentlich vertrauter Umgebung nicht mehr zurecht. Entsprechend ist es gut, wenn die Nachbarn Bescheid wissen und auf ungewöhnliche Situationen mit dem notwendigen Hintergrundwissen reagieren können. 

Menschen mit Demenz lernen nicht mehr dazu

Aber auch für Heinz Immel galt es, sich umzustellen: „Man muss vor allem akzeptieren, dass man Demenzerkrankten nichts Neues mehr beibringen kann, sondern man selber dazulernen muss.“ Der Hatzbacher machte sich außerdem an den Umbau des Hauses, verbreiterte Türen, erstellte Rampen. „Ich hätte auch einen Antrag stellen können und Geld dafür bekommen können“, betont er – aber er sei eben leidenschaftlicher Bastler.

Nichtsdestotrotz animiert er dazu, sich gerade in der Anfangszeit so viel kompetente Hilfe wie möglich zu holen, beispielsweise bei Pflegestützpunkten oder der Alzheimergesellschaft – alleine schon, um einen Überblick zu bekommen über die Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung und die Krankheit an sich. Für Heinz Immel besonders lehrreich waren zudem drei Aufenthalte im Alzheimer-Therapiezentrum in Bad Aiblingen. 

76-Jähriger gibt sein Wissen als Referent weiter

Ein wichtiges Thema sind außerdem Patientenverfügungen beziehungsweise Vollmachten. Und manchmal müssen Entscheidungen getroffen werden, die man eigentlich gar nicht treffen will. Bei Frontotemporaler Demenz, unter der Gerhild Immel leidet, kommt es rasch zu Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens. Recht schnell begann bei der Hatzbacherin eine sowohl körperlich als auch verbal aggressive Phase.

„Meine Tochter meinte, dass wir das nicht weiter schaffen“, erinnert sich Heinz Immel. Aus diesem Grund hätten sie sich für eine medizinische Behandlung entschlossen und die Ehefrau beziehungsweise Mutter in die Klinik gebracht. Der Anblick, als sich hinter ihr die Türen schlossen, geht dem 76-Jährigen nicht aus dem Gedächtnis. „Wir mussten einen geliebten Menschen einsperren. Ich darf gar nicht daran denken.“ Nichtsdestotrotz sei die Entscheidung richtig gewesen.

In den folgenden Jahren kümmerte sich Heinz Immel weiterhin liebevoll um seine Frau, deren Demenzerkrankung Stück für Stück schlimmer wurde. 15 Jahre lang gab es drei Tage die Woche ein wenig Entlastung: Dann besuchte Gerhild Immel die damals noch in Roßdorf ansässige Tagespflegeeinrichtung Aura – was inzwischen auch nicht mehr möglich ist. Die Verbundenheit zur Aura ist aber geblieben: „Ich bin dankbar, dass es Einrichtungen wie diese gibt“, hebt Heinz Immel hervor, der jüngst mit seiner Frau Goldene Hochzeit feierte. Das Paar verzichtete auf Geschenke, bat um Geld und spendete nun 600 Euro an die Tagespflegeeinrichtung.

„Ich war stets bemüht, mit Situationen fertig zu werden – aber es geht nicht immer ohne Hilfe“, fasst Heinz Immel zusammen, dem seine Tochter und seine Nichten bei der Pflege zur Seite stehen. Er rät dazu, keine Scheu zu haben und sich Unterstützung zu suchen. Ganz in diesem Sinne ist er seit vielen Jahren in Selbsthilfegruppen der Alzheimergesellschaft aktiv und hält Vorträge: „Ich versuche denen zu helfen, die nicht so gut klarkommen.“

Er habe schließlich einstmals auch nicht gedacht, sein komplettes Leben ändern zu können: „Aber es geht. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich zu verändern. Ich habe auch keine Last mit meiner Frau – auch wenn sie mir mehr Arbeit macht. Ich pflege sie gerne – und vor allem mit Liebe.“

von Florian Lerchbacher