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Ostkreis 15 Tabletten – aber keine Schokolade
Landkreis Ostkreis 15 Tabletten – aber keine Schokolade
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20:00 13.07.2019
Heinrich Keßler ist Dialyse-Patient und wartet auf ein Spenderorgan. Um sich fit zu halten fährt er am liebsten Fahrrad.  Quelle: Katja Peters
Erfurtshausen

Bis zu 15 Tabletten nimmt Heinrich Keßler täglich. „Wenn ich die alle mit Wasser eingenommen habe, dann habe ich meinen Flüssigkeitsbedarf schon gedeckt“, sagt der 64-Jährige. Heinrich Keßler war krebskrank und ist noch immer nierenkrank. Er darf nur etwa einen Liter am Tag trinken, muss drei Mal in der Woche zur Dialyse. Fünf Stunden liegt er dann dort, während sein Körper entgiftet wird.

Mitte der 1980er-Jahre, während seiner Krebserkrankung, hatte ein Arzt auffällige Nierenwerte festgestellt. Es wurden weitere Untersuchungen angeordnet. Diagnose: Zystennieren, eine unheilbare Krankheit. Nur eine Transplantation ist lebensrettend. Zystennieren sind die häufigste lebensbedrohliche Erbkrankheit beim Menschen und eine der Hauptursachen für chronisches Nierenversagen.

Zwei seiner vier Geschwister haben auch Zystennieren, sein Vater ist früh verstorben. Auch hier wird vermutet, dass er nierenkrank war. „Damals war die Medizin ja noch nicht so weit“, erklärt der Erfurtshäuser. Sein Bruder bekam mittlerweile eine Lebendspende, weil beide Nieren durch die Zysten so in Mitleidenschaft gezogen waren, dass sie entfernt werden mussten.

"Bananen, Schokolade - alles tabu"

Heinrich Keßler wurde vor zwei Jahren eine Niere entnommen – aus Platzgründen. Mittlerweile arbeitet die andere aber gar nicht mehr, hat sich quer gelegt und ist stark vergrößert. Auch die Nebenschilddrüsen wurden ihm schon entfernt, um den Kaliumhaushalt besser in den Griff zu bekommen.

Durch die Entgiftung alle zwei Tage muss der Kaliumspiegel niedrig gehalten werden. „Bananen, Schokolade – alles tabu. Kartoffeln gibt es nur gewässert. Ich bin schon eingeschränkt. ­Alles was gut schmeckt, darf ich nicht mehr essen“, erklärt Heinrich Keßler.

Schon seit 2014 muss er zur Dialyse. Jeden Montag, jeden Mittwoch und jeden Freitag – ohne Ausnahme. Fünf Stunden werden dann die Giftstoffe aus dem Körper gespült. Notwendig ist dafür ein sogenannter Shunt im Oberarm. Denn für die Dialyse ist ein großvolumiges Gefäß notwendig. Auch während dieser Prozedur gibt es wieder Medikamente.

Und Heinrich Keßler verliert bis zu 4.000 Gramm Flüssigkeit. Denn über die zwei Tage hat diese sich in seinem Körper angesammelt. „Deswegen darf ich auch nicht so viel trinken“, erklärt er noch einmal und ergänzt lachend: „Ich fange mit 75 Kilogramm an und verlasse die Praxis mit 70 Kilogramm.“ Zurück zu Hause gibt es erst einmal was zu essen und dann Ruhe auf dem Sofa.

Täglich ist er im Dorf unterwegs

Er resigniert nicht. Auch nicht, als vor einem halben Jahr der entzündete Dickdarm entfernt werden musste und er sieben Tage im Koma lag. Durch den künstlichen Ausgang kann er nun auch wieder Flüssigkeit ausscheiden. „Der Lebensgeist ist noch voll intakt“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Jammern nützt ja nichts, man muss es so nehmen, wie es ist.“

Durch die Dickdarm-Operation steht er derzeit nicht mehr auf der Transplantationsliste, obwohl er dringend eine Niere benötigt. Wenn die Narben verheilt sind, dann wird er wieder aufgenommen. Die Diskussion, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angeregt hat, findet er gut, „weil die Aufklärung fehlt. Es ging mir auch so. Als ich noch nicht Betroffener war, kannte ich mich auch nicht aus.“

Heinrich Keßler hat sich arrangiert. Er bucht als erstes die Feriendialyse, wenn es in den Urlaub geht, dann das Hotel. Er fährt viel Fahrrad, einmal die Woche mit seiner „Rentnertruppe“ bis zu 60 Kilometer. Täglich ist er im Dorf unterwegs. Immer so, wie es sein Allgemeinzustand zulässt. Für das Nahwärmenetz Erfurtshausen kümmert er sich um die Öfen. „Ich gucke regelmäßig nach ihnen und füttere sie mit den Hackschnitzeln“, erklärt der gelernte Rohrschlosser.

„Ich habe eine Aufgabe, werde gebraucht. Das hilft.“ Auch die Treffen beim Förderverein Organspende helfen ihm. Einmal im Monat, jeden zweiten Donnerstag, treffen sich im „Anglerheim“ an der Goßfeldener Straße in Marburg Nierenkranke oder Transplantierte, um zu reden oder zuzuhören. Auch seine Ehefrau ist immer mit dabei.

von Katja Peters