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Ostkreis „Sportlich sportlich, Herr Doktor!“
Landkreis Ostkreis „Sportlich sportlich, Herr Doktor!“
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12:55 25.07.2020
Mit dem Fahrrad zum Hausbesuch: Internist Dr. Alexander Kauka aus Großseelheim (links) schaut bei Heinrich Tobelander vorbei. Quelle: Ina Tannert
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Großseelheim

Wenn sich Dr. Alexander Kauka morgens auf den Weg zur Arbeit macht, dann packt er platzsparend: Alternative Arzttasche, medizinische Utensilien, Fahrradhelm, fertig.

Der Wagen bleibt stehen, der Autoschlüssel liegen. Zumindest wenn die Wetter-App keinen Sturm vorhersagt. Denn der „Radel-Arzt“ aus Großseelheim fährt so oft es geht Fahrrad, sowohl zur örtlichen Hausarztpraxis in seinem Wohnort als auch zu Hausbesuchen bei seinen Patienten.

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Das macht der 52-Jährige seit knapp einem Jahr, und das Bild vom radelnden Arzt gehört in Stadtteil und Umgebung schon fast zum Alltag: „Sportlich, sportlich, Herr Doktor!“, ruft ein Patient lachend, der gerade die Praxis verlässt, als sich Kauka mal wieder aufs Rad schwingt.

Das hört der Mediziner oft und grinst zurück. Er ist glücklich mit der Entscheidung, weitestgehend auf das Auto verzichten zu können – würde sich aber auch wünschen, dass dies nichts Besonderes mehr wäre.

Damit liegt er voll im Trend einer wachsenden Radler-Bewegung, auch auf dem Land. Doch schon während seiner Studentenzeit in Marburg fuhr Kauka gerne Rad, nahm dann im letzten Jahr am Stadtradeln teil. Das war die „Initialzündung“ dafür, auch beruflich im wahrsten Wortsinn umzusatteln.

Alternative zur Arzttasche war Durchbruch

Seit 2007 führt er gemeinsam mit Kollegin Dr. Ortrud Laudenbach die Praxis, wohnt nur etwa einen Kilometer entfernt, bis August letzten Jahres war der Internist dennoch stets mit dem Auto unterwegs. Das vor dem Hintergrund, schnell zu den Patienten zu kommen und den sperrigen Arztkoffer transportieren zu können.

Der Wunsch nach mehr „Pferdestärken“ per elektronischem Helfer war mit einer Aufrüstung seines Fahrrads zum E-Bike schnell erledigt – er wolle ja auch nicht verschwitzt beim Patienten ankommen. Der obligatorische Koffer als maßgeblicher Begleiter jedes Hausarztes war dann tatsächlich das Hauptproblem, als es daran ging, weg vom Auto zu kommen: Wie bekommt man die Vielzahl an medizinischen Hilfsmitteln – vom Blutdruckmessgerät bis zur Akte – in die Fahrradtasche?

Daran arbeitete Kauka, den Ausschlag gab dann die zündende Idee eines Bekannten, der ihm quasi einen mobilen Organizer fürs Rad empfahl. Seitdem hängen drei wohl geordnete Taschen mit Sortierfächern am E-Bike, alles was der Internist für seine verschiedenen Patienten benötigt, passt dort hinein.

„Bin kein Hardliner und kein Heiliger“

Auf diesem Weg legte er in den letzten zehn Monaten insgesamt rund 3.000 Kilometer per Rad zurück, auf beruflichen wie privaten Touren. Daran ändern will Kauka nichts, im Gegenteil. Das Rad als Fortbewegungsmittel – neben den Füßen – ist für ihn zu einer Leidenschaft geworden. Er entwickelte ein Bedürfnis, „nicht immer nur nach Schema F zu handeln“, nicht immer nur Auto zu fahren: Jeden Morgen wirft er im Vorbeigehen einen Blick auf seinen Wagen, genießt es regelrecht, den zu ignorieren, erzählt er grinsend.

Als Vorbild will er sich dabei nicht platzieren, auch nicht predigen. „Ich bin kein Hardliner und kein Heiliger, und auch nicht so missionarisch, dass ich sage, alle müssen aufs Rad wechseln“, betont er. Dennoch rät er seinen Patienten natürlich zu möglichst viel gesunder Bewegung, welcher Arzt tut das nicht? Und das Fahrradfahren biete dafür beste Voraussetzungen, seinem Herzkreislaufsystem, dem ganzen Körper nachhaltig etwas Gutes zu tun.

Gute Gesundheit und gutes Gewissen

Auch bei anderen ein Bewusstsein für eine bedachte Nutzung von Verkehrsmitteln zu wecken, das ist ihm ein Anliegen. Er macht es vor, wenn auch nicht gezielt für andere, sondern für sich selber, für die eigene Gesundheit, das eigene Gewissen. Das Umsteigen aufs Rad ist sein persönlicher Beitrag zu Umwelt- und Klimaschutz.

Neben der körperlichen Betätigung ist es die CO2-Ersparnis, die ihn antreibt. Kein Motorenlärm, kein Gestank aus dem Auspuff, keine Schlüsselsuche, einfach aufs Rad und fertig, „es ist sehr angenehm, viel flüssiger, fast schon logisch“, sinniert er. Ein bedachtes, reflektiertes Handeln, das in der heutigen Zeit mehr als angebracht sei.

95 Prozent aller Hausbesuche per Rad

Und das zeige durchaus Wirkung, komme gut bei den Patienten an, von denen sich noch keiner beschwert hat, den Umstieg aufs Rad eher befürworten. Auch ein weiterer Kollege der Praxis fährt bereits mehr mit dem Rad zu Hausbesuchen, nun da das Platzproblem gelöst werden konnte.

Das sei auch in anderen Berufen machbar, wenn auch nicht in allen. In seinem Alltag durchaus, wenn auch mit gewisser Vorbereitung: Meist bricht Kauka jeden Montagmorgen zu einem knappen Dutzend Hausbesuchen auf, verbindet verschiedene Stationen zu einer Tagesroute.

So radelt er zu seinen meist älteren Patienten im Radius von etwa acht Kilometern, in Großseelheim, Bauerbach, Schröck, Moischt, Kirchhain, Anzefahr oder Amöneburg. Rund 95 Prozent aller Hausbesuche absolviert er zu Rad, „nur strömender Regen hält mich davon ab“, sagt er.

Hoffnung auf nachhaltige Wende

Die Hausbesuche umfassen dabei natürlich keine Notfälle, sondern Routinekontrollen, die zwar an diesem Tag nötig sind, aber eben nicht auf die Minute genau zu erfolgen haben. Von Blutdruckmessungen bis zu Diabetes-Tests.

Tritt vor Ort ein Notfall ein und er ist gerade unterwegs, sind die motorisierten Kollegen in der Praxis zur Stelle, beziehungsweise wird dann sowieso ein Notarzt gerufen. „Die Flexibilität ist für mich natürlich wichtig, das ist der Vorteil einer Gemeinschaftspraxis“, sagt Kauka.

Ebenso wie die ländliche Umgebung, in der Stadt hätte er da vielleicht mehr Stress. Er kennt die Debatten, die Konflikte zwischen Radlern und Autofahrern: „Städte sind für Autos gebaut, die Radfahrer wurden lange nur stiefmütterlich versorgt und die Enge führt nun zu Konflikten“, fasst er zusammen. Nun stehe die Politik in der Pflicht, für alle Seiten – Auto-, Rad- und Fußverkehr – eigene Strukturen zu schaffen und in einer „Zeit des Wandels“ nachhaltig für Mensch und Umwelt zu handeln.

Von Ina Tannert