Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis „Ärgere mich, dass ich nicht durfte“
Landkreis Ostkreis „Ärgere mich, dass ich nicht durfte“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:58 31.03.2021
Hausärzte bereiten sich auf den Impfstart vor.
Hausärzte bereiten sich auf den Impfstart vor. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Ostkreis

Er kenne bisher keinen Kollegen im Landkreis, der nicht gegen das Coronavirus impfen wolle und werde, sagt Dr. Ortwin Schuchardt, Hausarzt in Stadtallendorf und zugleich Pressesprecher der Ärztegenossenschaft „Prima“. Seit Freitagnachmittag (26. März) wissen seine Kollegen und er, dass die Hausärzte ab 7. April aktiv werden dürfen. Da kam die offizielle Mitteilung der Kassenärztlichen Vereinigung per E-Mail. „Wir sind alle froh, dass wir nun dürfen“, sagt er mit Blick auf die bisherigen Rückmeldungen aus seinem Kollegenkreis.

Zusatzaufgabe ist zu bewältigen

In der Praxis von Schuchardt arbeiten bis zu vier Medizinerinnen und Mediziner. Personell ist die Zusatzaufgabe aus Sicht des Allgemeinmediziners bei ihm also machbar. Auch, was das nötige Material angeht, sieht er derzeit keine Schwierigkeiten. „Das Material soll mitgeliefert werden, außerdem haben wir in der Praxis derzeit genügend Vorrat, auch an sehr feinen Nadeln“, sagt Schuchardt. Sehr feine Nadeln sind für das Ziehen von bis zu sechs Impfrationen aus den Dosen erforderlich.

Am gestrigen Dienstag (30. März) haben die impfbereiten Ärzte ihre ersten Bestellungen bei den jeweiligen Apotheken für die nächste Woche aufgegeben. Wann genau der Impfstoff bei den Hausärzten eintrifft, lässt sich nicht auf die Stunde genau vorhersagen, wahrscheinlich zwischen Dienstagnachmittag und Mittwochmittag, also zum oder mit Ende der meisten Sprechstunden. Organisatorisch werde es noch ein Herantasten geben, sagt der Prima-Sprecher. Deshalb wird er für die ersten beiden Impftage wohl nicht die maximal mögliche Menge anfordern.

Priorisierung im Blick

Patienten müssen angesprochen werden, zum Beispiel die, die bettlägrig sind. Andere müssen gezielt angesprochen werden, ob sie bereits geimpft sind, ob sie registriert sind bei der zentralen Terminvergabe. Alles das spielt sich im Patientenkreis ab, der zur Prioritätengruppe II bei der Corona-Impfverordnung gehört. Die Priorisierung will Schuchardt einhalten, aber selbst im Blick behalten, wer aus dieser Gruppe wann einen Termin bekommt. „Das wird auch nach pragmatischen Gesichtspunkten zu behandeln sein“, so der Mediziner.

Den Umgang mit Biontech-Impfstoff hält der Stadtallendorfer Arzt für unproblematisch. Er könne in einem für Impfstoff geeigneten Kühlschrank gelagert werden. Nach dem Ansetzen der Impflösung kann der Stoff sechs Stunden lang verimpft werden.

In Deutschland, nicht in Israel

Es geht dabei auch um ganz praktische Fragen: Derzeit überlegen Schuchardt und seine Kollegen in der Praxis, wie sie verhindern, dass bei Terminabsagen Impfdosen verloren gingen.

Möglicherweise, indem sie eine kleine Gruppe an Reservepatienten im Blick halten, die ganz kurzfristig verfügbar wären? Das ist zumindest eine Option. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hatte in einer Rundmail an ihre Mitglieder das Thema Verwaltungsaufwand mit Ironie thematisiert. „Da wir uns in Deutschland und nicht in Israel befinden, liegt auf der korrekten Dokumentation offenbar immer noch mehr Wert als auf der Geschwindigkeit“, heißt es darin unter anderem.

Zusätzlicher Verwaltungsaufwand

Den zusätzlichen Verwaltungsaufwand durch die Corona-Impfungen in der Praxis hält Schuchardt für beherrschbar. Es gibt ohnehin eine tägliche Meldung über die Zahl der Schnell- und PCR-Tests in der Praxis.

Jürgen Böhm, ebenfalls ein seit Jahrzehnten erfahrener Hausarzt aus Kirchhain, antwortet auf die Frage, ob er sich freut, impfen zu dürfen, unmissverständlich: „Mich ärgert, dass ich bisher nicht impfen durfte.“ Das Impfen sei von je her eine Kernaufgabe von Hausärzten. Eine formale Zusage, dass er tatsächlich impfen darf, hat Böhm nach eigener Aussage bisher nicht erhalten. Vorbereitet ist er dennoch, die Absprachen mit seinem Apotheker hat er getroffen.

Höchste Priorität hat, wer noch nicht geimpft ist

Auch Böhm hält sich an die Vorgaben der Priorisierung. Er will aber keine Patienten direkt ansprechen. „Denn die Patienten melden sich bei uns von selbst zuhauf“, sagt er. Im Blick hat er besonders Patienten der höchsten Priorität, die aus welchem Grund auch immer noch nicht geimpft sind. Ein Punkt ist für Jürgen Böhm auch die Gruppe von Impfkandidaten, die Hochrisikopatienten pflegen.

„Von denen wissen wir Hausärzte natürlich am ehesten“, sagt Böhm. Innerhalb der für die Impfung zugelassenen Gruppen seien die Mediziner relativ flexibel, erklärt auch der Kirchhainer Hausarzt.

Hintergrund

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es rund 120 Hausarztpraxen, die zumindest theoretisch ab dem 7. April impfen dürfen. Ob sie tatsächlich alle ab dem ersten Tage auch impfen können, hängt von der Impfstoffauslieferung ab. Zunächst sind nur Bestellungen von 18 bis 50 Dosen des Impfstoffes von Biontech/Pfizer je Woche möglich. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung weist ihre Mitglieder in einer Veröffentlichung auf ihrer Internetseite vorsorglich darauf hin, dass sie zumindest am Anfang möglicherweise weniger Impfdosen als bestellt erhalten werden.

Von Michael Rinde

Ostkreis Zwischen Bracht und Schönstadt - Lastwagen überschlägt sich
29.03.2021
28.03.2021
28.03.2021