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Ostkreis „Wir alle waren wie gebannt“
Landkreis Ostkreis „Wir alle waren wie gebannt“
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15:59 21.07.2019
„Projekt Apollo“ heißt der 1969 erschienene Bildband, in den Dieter Erber noch heute gern hineinschaut. Quelle: Marcello Di Cicco
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Hatzbach

Dieter Erber aus Hatzbach erinnert sich noch genau an die kleine Wohnstube in seinem Elternhaus im münsterländischen Saerbeck.

Gute zwölf Quadratmeter war sie groß, auf einem Schrank in der Ecke stand der Schwarz-Weiß-Fernseher, der zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 1966 hatte sich die Familie das gute Stück angeschafft.

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In den frühen Morgenstunden des 21. Juli 1969 lief allerdings kein WM-Endspiel zwischen Deutschland und England auf der Mattscheibe im Hause Erber, nicht das legendäre „Wembley-Tor“ in dieser Partie erhitzte die Gemüter.

Papa weckte Dieter mitten in der Nacht

Mit seinem Vater und seinem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder saß Dieter Erber als damals 13-Jähriger vor dem TV-Gerät – „voller Anspannung“, wie er sich erinnert. Kein Wunder, denn: „Was damals geschah, war einmalig. Das fühle ich heute noch“, sagt er.

Die drei US-Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins waren am 16. Juli mit der Apollo-11-
Mission zum ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung gestartet. Am 21. Juli um 3.56 Uhr deutscher Zeit erreichte die Mission ihren Höhepunkt: Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. „Mein Vater hatte uns vorher wachgemacht“, erinnert sich Erber – und daran, dass von Müdigkeit in der kleinen Familienrunde keine Spur war.

„Die Astronauten waren für mich Helden“

„Wir waren alle hellwach, angespannt am ganzen Körper. Es gab kein Gespräch, wir alle waren wie gebannt“, erzählt Erber – und schiebt hinterher: „Dies war einer der Momente, die man nie vergisst und bei denen man noch genau weiß, wo man während des Geschehens war.“ Laut Schätzungen verfolgten 500 bis 600 Millionen Menschen weltweit dieses epochale Ereignis im Fernsehen.

Unter „die Hoffnung, dass alles gut geht“ (Erber) mischte sich auch immer wieder Angst, dass den Astronauten etwas zustößt. „Die Astronauten waren für mich Helden“, sagt der heute 63-Jährige, „schon allein, weil sie ein solches Wagnis eingingen und ein so großes Vertrauen in die Technik hatten“. Technik, die im Vergleich zu heute bei weitem nicht so weit entwickelt gewesen war, gibt Erber zu bedenken.

Mondlanung war Dauerthema

Zahlen, Daten und Fakten von der Mission – der Hatzbacher hat einige davon noch heute sofort parat. Was ihn besonders beeindruckt: „Die Saturn-Rakete war sozusagen die größte und kräftigste Maschine, die jemals gebaut worden war. Wenn man die Leistung ihrer acht Triebwerke umrechnet, hätte damit das Gewicht von knapp 36.000 Menschen nach oben befördert werden können – einfach unglaublich“, leuchten Erbers Augen, wenn er vorrechnet. „Darüber hinaus müssen so viele Dinge im richtigen Verhältnis zueinander stehen: Wasserstoff, Kerosin, Sauerstoff und vieles mehr.“

Verwundern mag es nicht, dass sich die Begeisterung für dieses Ereignis schnell in Erbers Alltag umschlug. „Die Mission war in den Tagen vor der Mondlandung stetiges Thema – in der Schule, unter Freunden“, erinnert sich der Vater eines Sohnes und Großvater von drei Enkelkindern. Beim Spielen im Freien sei der Blick oft gen Himmel gegangen in der Hoffnung, etwas zu sehen – wohlwissend, dass es vergebliche Mühe ist.

Bildband liegt im Nachttischschrank

Wie gut, dass es da noch den Flimmerkasten im Wohnzimmer gab. „Von den vorbereitenden Apollo-Flügen haben wir auch mal die Starts und die Landung gesehen“, erzählt Erber, der heute als Vertriebsleiter in einem Unternehmen in Rosenthal arbeitet und dessen Passion dem Fußball gilt. 16 Jahre lang war der kaufmännische Angestellte Vorsitzender des SSV Hatzbach, dessen Ehrenpräsident er auch ist.

Doch wo andere Kinder den Traum des Fußballprofis hegen, hatte Erber in jungen Jahren eine andere Leidenschaft gepackt: die Raumfahrt. „Natürlich wollte ich damals auch Astronaut werden“, sagt er schmunzelnd. Und weil das Interesse dafür so groß war und Erber immer wieder Fragen an seine Eltern hatte, schenkten sie ihm 1970 ein Bildband über die Apollo-11-
Mission.

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„Darüber habe ich mich riesig gefreut“, sagt Erber, der das Buch seit 50 Jahren hegt und pflegt und von Zeit zu Zeit darin herumblättert, denn: „Es liegt in meinem Nachttischschrank“, verrät der 63-Jährige.

Verschwörungstheorien, die Jahre später aufkamen und die erste bemannte Mondlandung nur als inszeniert abtaten, „habe ich nie geglaubt“, sagt Erber, „so viele Menschen haben bei dieser Mission mitgewirkt – Techniker, Konstrukteure. Wie hätten die eine Inszenierung bis heute geheim halten sollen?“, fragt er und nimmt sogleich seinen Bildband in die Hand. Sobald er diesen aufschlägt, macht es sofort „klick“ in seinem Kopf.

von Marcello Di Cicco