Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Grüne und FDP wollen „Campus“ in Kirchhain
Landkreis Ostkreis Grüne und FDP wollen „Campus“ in Kirchhain
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 31.07.2019
Uli Balzer (kleines Foto, von links), Reiner Nau, Dr. Christian Lohbeck und Angelika Aschenbrenner stellten den Antrag der Grünen und der FDP vor einen Campus der Technischen Hochschule (THM) Mittelhessen in Kirchhain zu eröffnen. Quelle: Marcello Di Cicco
Kirchhain

Nach einer ersten Beratung am 12. August im Ausschuss für Umwelt, Wirtschaft und Verkehr werden die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und FDP in der nächsten Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kirchhain am 26. August einen gemeinsamen Antrag einbringen, wonach der Magistrat einen Standort der THM in Kirchhain prüfen soll. Ziel soll es sein, einen Studiengang „Studium plus am Campus Kirchhain“ zu schaffen – analog zum THM-Standort Biedenkopf.

„Dieses Thema hat eine besondere Bedeutung“, hebt der Grünen-Fraktionsvorsitzende Reiner Nau im Gespräch mit der OP hervor. „Es gibt bei den großen und mittelständischen Unternehmen im Ostkreis einen enormen Bedarf an Fachkräften auf Bachelor-Ebene“, führt der FDP-Stadtverordnete Dr. Christian Lohbeck aus. Die THM indes sieht die Region mit ihren Standorten „schon sehr gut abgedeckt“ und will jene nicht schwächen, indem weitere Standorte geschaffen werden.

Großes Einzugsgebiet

Die beiden Fraktionen sind ­jedoch überzeugt: Was seit 2012 in Biedenkopf funktioniert, würde auch für den Ostkreis ein Erfolgsmodell werden, denn: „Hier leben 70.000 Menschen – mit den Nachbarkreisen ergibt sich ein riesiges Einzugsgebiet“, rechnet Lohbeck vor, der Kirchhain als „den Bildungsstandort im Ostkreis“ bezeichnet und exemplarisch die Beruflichen Schulen und die Alfred-Wegener-Schule nennt. „Dort könnte man wunderbar andocken“, meint Lohbeck und sieht in dem Projekt „das nächste Niveau der dualen Facharbeiterausbildung auf das duale Hochschulstudium“ – „auf Bachelor-Ebene“, ergänzt seine Ehefrau Angelika Aschenbrenner, Fraktionsvorsitzende der Freidemokraten.

Fachkräftemangel entgegenwirken

Den Vorteil und die Chancen des Standorts benennt der Grünen-Stadtverordnete Uli ­Balzer: „Hier besteht ein Potenzial durch die Größe der Gesamtschule. Junge Leute könnten Berufe wählen und eine Karriere machen und wären nicht ­gezwungen, aus der Gegend wegziehen zu müssen.“ Das Problem des Fachkräftemangels sei bereits „an allen Ecken und Enden“ zu spüren, klagt die frühere Unternehmerin Angelika Aschenbrenner. Für Nau würde im „Campus Kirchhain“ die perfekte Symbiose geschaffen. „Wir haben viele Fachbetriebe, die spezielle Angebote benötigen. Das passt wunderbar mit der THM zusammen, da sie Dinge praktisch umsetzt.“ Berufliche Differenzierung erfordere spezialisierte Fachkräfte, heißt es in der Begründung des Antrags. Dafür sei das duale Studium die geeignete Ausbildungsform.

Hoffen auf breite Mehrheit für die Prüfung

Gespräche mit den ­anderen Fraktionen habe es im Vorfeld nicht gegeben. Dennoch herrscht in beiden Fraktionen großer Optimismus bezüglich der politischen Umsetzung. „Ich gehe davon aus, dass wir für diese Idee eine breite Mehrheit bekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand etwas dagegen hat“, sagt Nau und hofft auf ein „möglichst einstimmiges Votum“ in der Stadtverordnetenversammlung. Dies wäre ein gutes Signal, so Nau.

Lohbeck erinnert derweil an die Worte von Dr. Thomas Schäfer bei der Einweihung des THM-Standortes Biedenkopf. Der hessische ­Finanzminister habe sich damals dafür ausgesprochen, mit dem Projekt in die Fläche zu gehen. „Ich bin mir sehr sicher, dass er und die hessische Landesregierung einer solchen Initiative positiv gegenüberstehen würden. Denn hier entsteht ja keine Konkurrenzsituation, sondern ein weiterer Mosaikstein in der Bildungslandschaft.“

THM hat Option bereits intern erörtert

Offizielle Gespräche mit der THM, ob überhaupt Interesse an der Eröffnung eines „Campus Kirchhain“ besteht, seien im Vorfeld nicht geführt worden, aber: „Wir wissen, dass die THM ein Interesse hat, diese Art von Ausbildung zusammen mit den Betrieben zu machen“, sagt Nau. Bewusst habe man sich aber gegen eine vorherige Sondierung bezüglich des Interesses der Hochschule entschieden. „Das Heft des Handelns muss bei den politisch verantwortlichen Personen liegen. Denn sie sollen ja dann mit den verschiedenen Akteuren handeln“, gibt Nau zu bedenken.

Die THM begrüßt das Interesse aus der Kirchhainer Politik. Gerne stehe man für Gespräche zur Verfügung, wenn das Stadt­parlament dies beschließe, heißt es auf Anfrage der OP.

Doch ob es selbst im Falle eines breiten parlamentarischen Konsenses zur Umsetzung kommt, scheint aus THM-Sicht doch fraglich. Auf ­OP-Anfrage teilt die THM schriftlich mit, dass die Möglichkeit einer „StudiumPlus“-Außenstelle im näheren Umkreis von Marburg bereits in der Vergangenheit intern ausführlich erörtert wurde.

THM bräuchte rund 100 Studierende

„Insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir bereits vor sechs Jahren überlegt hatten, mit ­einem medizinpflegerischen dualen Studiengang auf die Lahnberge in Marburg zu gehen. Leider konnte dieses Vorhaben seinerzeit nicht realisiert werden“, erinnert Professor Harald Danne, Leitender Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums Duales ­Hochschulstudium (ZDH), in der Stellungnahme der THM.

Gegen die Platzierung weiterer Studiengänge in der Region Marburg sprächen laut Danne „leider einige grundsätzliche Überlegungen“. So sei die Region Marburg-Biedenkopf mit den Standorten Wetzlar, Frankenberg und Biedenkopf „schon sehr gut abgedeckt“. „Insbesondere sind unsere Standorte Biedenkopf und Frankenberg jeweils nur zirka 30 Minuten per Auto von Kirchhain entfernt, sodass wir diese bereits bestehenden Außenstellen schwächen würden“, begründet Danne.

Für die Einrichtung einer neuen Außenstelle müsste die THM mit „mindestens 100 zusätzlichen Studierenden planen, die wir in der Region momentan nicht sehen“, erläutert Danne.

Hintergrund

Die Technische Hochschule Mittelhessen bietet gemeinsam mit mehreren Hundert Partnerunternehmen duale Studiengänge an. Das heißt:Der Absolvent erhält sowohl eine fachliche betriebliche Ausbildung als auch eine wissenschaftlich qualifizierte mit entsprechendem Abschluss. Einen „StudiumPlus“-Campus in Form von Außenstellen der THM gibt es unter anderem bereits in Biedenkopf und Frankenberg.

von Marcello Di Cicco