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Ostkreis Eine große Chance für die Ohmtalbahn
Landkreis Ostkreis Eine große Chance für die Ohmtalbahn
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10:59 27.11.2021
Derzeit wird ein Teil der Strecke weiter für den Güterverkehr genutzt.
Derzeit wird ein Teil der Strecke weiter für den Güterverkehr genutzt. Quelle: Michael Rinde
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Ostkreis

Gibt es eine realistische Chance, dass in einem Jahrzehnt möglicherweise wieder Personenzüge von Kirchhain bis Burg- und Niedergemünden fahren? Ja, die gibt es offensichtlich! Eine Vorstudie, finanziert vom Kreis Marburg-Biedenkopf und dem Zweckverband Oberhessische Versorgungsbetriebe (ZOV) ist jedenfalls deutlich besser ausgefallen, als es vor allem die Skeptiker erwartet haben.

Bei der Prüfung, ob sich stillgelegte Bahnstrecken reaktivieren ließen, gibt es eine Art Punktewertung. Und dort kommt der Gutachter zu einem Wert, der nur zwei Punkte unter einer Wirtschaftlichkeit bleibt. Dies berichtet der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow der OP. Entscheidend wird aber sein, so der Gutachter, dass es auf der Vogelsbergbahn zu Verbesserungen kommt. Denn dann entstünde mit der Ohmtalbahn zusammen eine sehr attraktive Ost-West-Verbindung von Marburg nach Fulda oder Gießen-Fulda. Zachow nennt es das „Hessen-Y“. Aber: „Ohne eine leistungsfähigere Vogelsbergbahn wäre die Ohmtalbahn nicht lebensfähig“, spitzt es Zachow zu.

80 Prozent in „Topzustand“

Die Vorstudie geht dabei davon aus, dass die Züge der Ohmtalbahn zwischen Marburg und Burg dann künftig durchgängig verkehrten, also ein Umstieg in Kirchhain nicht nötig wäre.

Da gibt es zumindest eine sehr gute Nachricht. Stand jetzt soll in die Vogelsbergbahn Geld fließen, um sie attraktiver zu machen und vor allem pünktlicher. Grund ist die geplante Einführung des Deutschlandtaktes. „Im Gespräch sind hohe Beträge, so die Signale. Und das wäre dann eine historische Chance“, ist sich Zachow zum jetzigen Zeitpunkt sicher.

Das große Plus bei einer möglichen Wiederbelebung der 1980 stillgelegten Ohmtalbahn ist die Tatsache, dass ziemlich genau 12 Kilometer der einst 20,1 Kilometer langen eingleisigen Strecke weiter für den Güterverkehr genutzt werden. Ganz aktuell investiert die Bahn AG wieder in Gleise und Signaltechnik auf der Strecke, weshalb etwa der Bahnübergang in Schweinsberg gesperrt ist. „Bis Nieder-Ofleiden ist die Strecke in Topzustand“, unterstreicht Zachow. Doch der Vizelandrat wie auch die Studie verweisen auf die Probleme. Und die liegen im stillgelegten Teil der Trasse im benachbarten Vogelsbergkreis: So planen die Stadt Homberg (Ohm) und die Gemeinde Gemünden (Felda) einen Fernradweg auf der Trasse. Außerdem ist ein Trassenstück bei Wäldershausen Teil eines FFH-Gebietes. Und außerdem sind 75 Meter frühere Trasse an die Firma Kamax verkauft worden.

Unlösbar ist das alles aus Zachows Sicht nicht, wenn es auch langwieriger Analysen und vor allem Verhandlungen bedürfen dürfte. Doch er stellt auch klar, dass einige Zeit notwendig ist, bis es die nächsten Schritte geben wird, das wäre die Machbarkeitsanalyse im Zusammenspiel mit einer Aufwertung der Vogelsbergbahn.

Zahlen und Fakten

Einige Zahlen rund um die Ohmtalbahn und ihre mögliche Reaktivierung: Die frühere Strecke der Ohmtalbahn war exakt 20,1 Kilometer lang; Aktuell sind davon vier Kilometer stillgelegt und weitere knapp vier Kilometer sogar entwidmet, also rechtlich auch keine Trasse mehr.  Kosten der Wiederinbetriebnahme (Schätzung nach Baukostenindex der Bahn): 26,4 Millionen Euro, wobei auf dem stillgelegten Teil auch Brücken neu gebaut werden müssen.  Aktuell werden auf dem Teil, der weiterbetrieben wird, jährlich etwa 250 000 Tonnen Material transportiert, vor allem Schotter aus dem Steinbruch der Mitteldeutschen Hartsteinindustrie. Bis zu drei Güterzüge nutzen die Strecke täglich. 

Amöneburg wäre großer Gewinner

Die Vorstudie listet örtliche Vorteile einer Reaktivierung der Ohmtalbahn auf: Beispiel Amöneburg: Dort leben in einem Umfeld von 500 Metern des früheren Bahnhaltes inzwischen etwa 55 Prozent der Kernstadtbewohner. Der Bahnhof liegt deutlich zentraler als noch 1980.

Beispiel Schweinsberg: Für Schweinsberg entstünde eine Art Drehkreuz mit dem Busverkehr, vor allem zur Linie MR85. Schweinsberg werde bei einer Reaktivierung der Strecke zum wichtigsten Umsteigepunkt im Ohmtal.

Beispiel Homberg (Ohm): Denkbar ist dort zum Beispiel ein Haltepunkt an der Stadthalle und damit direkt an landesweit beliebten Wanderwegen wie der „Schächerbachtour“.

Eine der Triebfedern für die jetzt abgeschlossene Vorstudie war seinerzeit Reinhard Heck und die Partei Die Linke in Kirchhain. Zachow hebt das bei seiner eigenen Einordnung ausdrücklich hervor. Heck selbst zeigt sich mit dem Ergebnis der Vorstudie, deren Qualität er lobt, sehr zufrieden. Er bringt einen weiteren Aspekt bei den nächsten Schritten ins Spiel. „Wir müssen jetzt die Menschen für die Strecke begeistern“. Das könne beispielsweise mit einer Zugsonderfahrt zu gegebener Zeit passieren, so, wie es eigentlich vor Ausbruch der Pandemie schon geplant war. Denkbar wäre dies für Heck ab Frühjahr, wenn es Corona zulässt.

Das sagen die Ostkreis-Bürgermeister

Vor allem Amöneburgs Bürgermeister Michael Plettenberg reagiert äußerst positiv auf die Ergebnisse der Vorstudie: „Ich bin regelrecht begeistert davon und mache mich dafür stark, dass es weitere Studien und Analysen gibt“. Für ihn wäre eine Reaktivierung der Bahnstrecke im Verbund mit einer qualitativ verbesserten Vogelsbergbahn eine große Chance für die gesamte Region – auch mit Blick auf die nötige Verkehrswende. „Es wäre so dumm, das jetzt nicht weiterzuverfolgen“, wird er deutlich. Er verweist auf die Reisezeiten nach Fulda, die sich so deutlich verkürzen ließen. Ebenso wirbt Plettenberg dafür, die Bevölkerung für das Thema Ohmtalbahn deutlich mehr zu begeistern. In einem ersten Schritt soll es Informationen für die Amöneburger, Stadtallendorfer und Kirchhainer Parlamentarier geben.

Sein Kirchhainer Kollege Olaf Hausmann ist ebenfalls positiv gestimmt: „Das Ergebnis der Vorstudie ermutigt, an der Idee der Revitalisierung der Ohmtalbahn festzuhalten und vertiefend zu prüfen“. Insbesondere, wenn man die Initiative in Verbindung mit der Vogelsbergbahn sieht. Wir haben in Kirchhain eine gute Nord-/Südverbindung über die Main-Weser Bahn. Eine Verbindung in Richtung Fulda eröffnete den Bürgern neue Alternativen in der Mobilität.

Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi reagiert grundsätzlich auch positiv. Die Ergebnisse der Vorstudie seien es wert, dass man eine tiefergehende Analyse mache. „Aber der Weg ist natürlich noch weit“, so das Stadtallendorfer Stadtoberhaupt.

Von Michael Rinde

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