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Ostkreis Grapscher bekommt Bewährungsstrafe
Landkreis Ostkreis Grapscher bekommt Bewährungsstrafe
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00:18 29.03.2019
Ein Angeklagter griff einer 15-Jährigen an die Brüste sowie in die Hose und verletzte Bekannten mit Zigarette. Quelle: Peter Steffen/dpa
Neustadt

Drei Verhandlungstage und diverse Zeugenaussagen waren nötig, ehe Richter Thomas Rohner und zwei Schöffen eine Meinung über die Geschehnisse vom 15. und 16. Juli im Neustädter Bürgerpark hatten.

Nach ihrer Auffassung hatte ein Kirchhainer damals während eines Gesprächs unter vier Augen einer 15-Jährigen mehrfach an die Brüste gefasst und dabei auch versucht, mit seinen Händen unter ihren BH zu gelangen.

Zudem griff er ihr in die Hose, gelangte dabei aber nicht bis in den Schambereich, wie Rohner herausstellte und betonte, dass der junge Mann die Jugendliche dabei auch nicht festhielt.

Befragung der Zeugen bringt Gericht kaum weiter

Zuvor hatte er sie zum persönlichen Gespräch gebeten – nach eigener Aussage, weil er mitteilen wollte, dass er kein Interesse an einer „Freundschaft plus“ habe. Das Opfer indes erklärte vor Gericht ihrerseits, dass sie keine derartige Beziehung zu ihm führen wollte und ihm dies im Gespräch erläutert habe.

Die Befragung von Zeugen war für Richter und Zeugen nicht besonders erkenntnisbringend, da die fragliche Unterhaltung fernab der Gruppe stattfand, mit der die junge Frau und der Mann unterwegs im Bürgerpark waren. Eine Zeugin sei bereit gewesen, für den Angeklagten zu lügen, stellte der Staatsanwalt heraus.

Sie habe nämlich behauptet, das Gespräch habe nie stattgefunden. Dies hatte nicht einmal der Angeklagte gesagt – mit dieser Information konfrontiert, zog die Zeugin ihre Aussage dann auch zurück, so der Staatsanwalt. Eine andere Zeugin habe angegeben, der Kirchhainer und die Neustädterin hätten bei ihrer Rückkehr vom Gespräch glücklich ausgesehen – eine Meinung, die sie exklusiv hatte. Und ein dritter Zeuge habe gegenüber seiner Aussage bei der Polizei massiv zurückgerudert, so der Staatsanwalt.

„Kometen-Attacke“ 
mit brennender Zigarette

Entsprechend seien bei den Zeugen deutliche Entlastungstendenzen erkennbar gewesen – sie hätten klar versucht, den Angeklagten von den Vorwürfen reinzuwaschen. Konträr dazu habe das Opfer keinerlei Belastungstendenzen gezeigt – will heißen, sie habe neutral ausgesagt und nicht versucht, den Angeklagten zu belasten. Dies sei insgesamt entlarvend, resümierte der Staatsanwalt.

Der Angeklagte musste sich auch noch wegen Körperverletzung verantworten. Einen Tag nach der Grapschattacke saß er laut Gericht erneut im Park, als er einen Bekannten fragte, was dieser machen würde, wenn ein Komet auf ihn zuflöge. „Wahrscheinlich rennen“, lautete die Antwort – woraufhin der Kirchhainer fragte: „Warum rennst du dann nicht?“ und ihm dabei eine brennende Zigarette entgegenschnippte. Diese landete am Hals des jungen Mannes und verursachte eine Brandverletzung.

Verteidiger sieht Aussage gegen Aussage

Der Staatsanwalt forderte für die beiden Taten eine Gesamtstrafe von einem Jahr zur Bewährung. Der Verteidiger teilte mit ihm nur an einer Stelle die Meinung: Sexuelle Nötigung kam bei der Beurteilung des ersten Vorfalls im Park nicht infrage, weil keine Gewalt angewendet wurde. Außerdem sei die junge Frau in ihren Aussagen vor Gericht nicht „total glaubwürdig“ gewesen – wie es für eine Verurteilung verlangt wird, wenn Aussage gegen Aussage steht. Entsprechend forderte er für diesen Vorwurf einen Freispruch.

Zum Zigaretten-Vorfall meinte er, der Angeklagte habe weder mit den Folgen gerechnet, noch sei ein Vorsatz erkennbar. „Dass man so etwas nicht tun sollte, ist sicher richtig. Aber hier liegt höchstens eine Sorgfaltspflicht-Verletzung vor.“ Entsprechend plädierte er für eine Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Angeklagter war bereits auffällig

Richter Rohner folgte in seiner Bewertung jedoch der Meinung des Staatsanwaltes. Er glaubt ebenfalls, dass es im Park zu einem sexuellen Übergriff kam – auch wenn das Opfer erst nach Aufforderung durch die Großmutter zur Polizei ging und zunächst während des Abends im Park sogar noch mit Freunden und Täter Spaß hatte.

Zur „Kometen-Attacke“ meinte er, dass wahrscheinlich nicht die Intention bestand, jemanden zu verletzen. Dies habe der Angeklagte allerdings billigend in Kauf genommen: „Die Grenze zur Fahrlässigkeit war deutlich überschritten.“ Der Angeklagte war vor einigen Jahren bereits zweimal wegen Körperverletzungen auffällig geworden.

Er bekam nun zehn Monate ausgesetzt zur Bewährung – mit einer Bewährungszeit von drei Jahren. Zudem muss der arbeitslose Kirchhainer 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Zugunsten des Angeklagten habe nichts gesprochen, stellte der Richter noch heraus.

von Florian Lerchbacher