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Ostkreis "Es ist gut, Menschen zu helfen"
Landkreis Ostkreis "Es ist gut, Menschen zu helfen"
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13:23 04.01.2022
Tamim Abo Kweder und seine Schwester Dalia flohen aus Syrien und sind nun leidenschaftlich in der Freiwilligen Feuerwehr Neustadt engagiert.
Tamim Abo Kweder und seine Schwester Dalia flohen aus Syrien und sind nun leidenschaftlich in der Freiwilligen Feuerwehr Neustadt engagiert. Quelle: Nadine Weigel
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Neustadt

Mit geübten Handgriffen befestigen die drei Feuerwehrleute zwei Steckleiterteile aneinander. Das blinkende Blaulicht des Tanklöschfahrzeugs spiegelt sich im dreckigen Fenster der stillgelegten Fabrik am Ortsrand von Neustadt. Übungsdienst an einem kalten Montagabend im Dezember. Wie eigentlich immer mit dabei: Tamim Abo Kweder. Der 18-Jährige ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann und verpasst so gut wie keine Übungsstunde. Schon als Kind wollte Tamim zur Feuerwehr, doch er wuchs in Syrien auf.

„Ich fand Feuerwehr schon immer gut, aber in Syrien war ja Krieg, da ging gar nichts“, erklärt er in knappen Worten. Tamim redet nicht gern über die Vergangenheit. Er ist kein Mann der vielen Worte. Er ist ein junger Mann der Tat. Das war er bereits kurz nachdem er mit seiner Familie 2016 aus Syrien geflohen war.

Zuerst lebte die Familie in Damaskus, suchte dann im Libanon Zuflucht und fand schließlich in Neustadt eine neue Heimat. Für den damals 13-jährigen Tamim führte einer seiner ersten Wege – nur kurze Zeit, nachdem er in Deutschland angekommen war – zur Jugendfeuerwehr Neustadt. An diesen Abend kann sich Martina Zinser noch gut erinnern. „Er kam mit seinem Betreuer und stand ganz verschüchtert da“, sagt die Stadtjugendfeuerwehrwartin. Aber sie sagt auch: „Tamim war schon beim ersten Übungsdienst sehr interessiert und hat an diesem Abend viel mitgenommen.“

Dabei verstand Tamim damals noch kein Wort deutsch. Doch die Jungs und Mädels der Neustädter Jugendfeuerwehr nahmen ihn sofort auf und machten ihm das Ankommen leichter. Mit „Händen und Füßen“ habe er sich verständigt, erinnert sich Tamim und lächelt. Von Anfang an habe ihm die Kameradschaft gut gefallen. Auch das Deutsch klappte dann mit der Zeit immer besser. Mittlerweile ist Tamim von der Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung gewechselt, hat seinen Grundlehrgang bestanden und will bald nicht nur den Atemschutzlehrgang machen, sondern auch Maschinist und Gruppenführer werden. Seine Motivation: „Es ist gut, Menschen zu helfen.“

Auch Schwester will in Einsatzabteilung

Der 18-Jährige ist zielstrebig. Nach seinem Schulabschluss hat er eine Ausbildung als Metallbauer begonnen. Um pünktlich zur Arbeit in Rauschenberg und dem Unterricht in der Berufsschule in Biedenkopf zu erscheinen, steht er morgens um 4 Uhr auf. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Tamim.

Seine kleine Schwester Dalia hat er mit der Feuerwehrleidenschaft angesteckt. „Er hat immer erzählt, wie spannend es ist, deswegen bin ich dann mal mitgekommen“, erläutert die Zwölfjährige. Seither ist sie festes Mitglied der Jugendfeuerwehr. Ihr macht es so großen Spaß, dass sie sich wünscht, der Übungsdienst fände mehr als nur einmal in der Woche statt. Auch sie will in die Einsatzabteilung wechseln, wenn sie alt genug ist. An ihre Zeit in Syrien hat sie keine schöne Erinnerungen. „Es war hart, weil mein Vater irgendwann nach Deutschland gegangen ist, um uns zu retten. Das war nicht leicht“, erzählt Dalia.

Geschwister sind ein Gewinn für die Feuerwehr Neustadt

Für die Freiwillige Feuerwehr Neustadt sind Dalia und Tamim ein großer Gewinn. Nicht nur, weil alle davon schwärmen, dass die beiden stets interessiert sind und gute Laune verbreiten. Sie helfen auch ganz konkret mit ihren Übersetzungstalenten. Tamim hat zum Beispiel schon in der Erstaufnahmeeinrichtung die Brandschutzerziehung auf Arabisch gehalten. Und auch in einem Ernstfall konnte er als Dolmetscher helfen, wie sich Stadtbrandinspektor Frank Bielert erinnert: „Wir hatten einen Einsatz bei einer syrischen Familie und waren sehr dankbar, dass Tamim dabei war“, freut sich Bielert und erläutert den Grund: In vielen Ländern genieße die Feuerwehr nicht so ein hohes Ansehen wie in Deutschland, weil sie oftmals der Polizei oder dem Militär unterstellt sei. Deshalb sei es äußerst hilfreich gewesen, dass Tamim der betroffenen Familie alles in ihrer Muttersprache erklären und schneller Vertrauen aufbauen konnte, betont Bielert. Er hofft, dass noch mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund dem tollen Beispiel von Dalia und Tamim folgen. In einer Zeit, in der viele Feuerwehren ohnehin an Nachwuchsmangel leiden, wäre es mehr als eine Win-win-Situation. Fest steht, dass nicht nur in Neustadt, sondern in allen Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Marburg-Biedenkopf alle Menschen willkommen sind. Egal welche Sprache sie sprechen oder welche Religion sie haben. Es zählt nur der Wille, anderen Menschen helfen zu wollen.

Von Nadine Weigel

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