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Ostkreis Geldstrafe für „Brunnen-Parker“
Landkreis Ostkreis Geldstrafe für „Brunnen-Parker“
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13:58 20.10.2020
Das Auto stand nach dem alkoholbedingten Unfall abgeschlossen im Brunnen. Quelle: Foto: Polizei
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Stadtallendorf

Es war der Hingucker des vergangenen Jahres, als ein Stadtallendorfer im Oktober 2019 mit seinem SUV in den Pusteblumenkreisel gerauscht und mitten im Brunnen zum Stehen gekommen war. „Sie wissen schon, dass Sie eine lokale Berühmtheit geworden sind?“, fragte Richter Joachim Filmer den inzwischen 47-Jährigen, der sich nun vor dem Amtsgericht verantworten musste und ohne ein Miene zu verziehen der Verhandlung beiwohnte – bis auf den Moment, als ihm diese Frage gestellt wurde. Da konnte selbst er sich ein kleines Lachen nicht verkneifen.

Unmittelbar nach dem Unfall hatte der Beifahrer eines anderen Autos, das extra einige Runden drehte, um die Szenerie perfekt einzufangen, ein Video gedreht und mit den entsprechenden spöttischen Kommentaren versehen. Insbesondere die Versuche, aus dem Brunnen wieder rauszufahren, sorgten für viel Freude bei den Zuschauern. Etliche Nutzer hatten der OP Videos und Bilder per Telegram über die sozialen Netzwerke geschickt. Das Filmchen wurde im Internet der große Renner – und Richter Filmer, dem seine Tochter das Video gezeigt hatte, ahnte schon damals, dass er den Unglücksfahrer eines Tages kennenlernen würde. Kleines Schmankerl am Rande: Der Fahrer hatte seinen SUV nach dem „Abstellen“ auf dem etwas feuchten Parkplatz sogar abgeschlossen.

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Doch damit genug des Spaßigen an der Geschichte, denn abgesehen von dem ungewöhnlichen Ende ist sie alles andere als unterhaltsam: Sie dreht sich um mehrere Trunkenheitsfahrten (ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein), die Gefährdung des Straßenverkehrs, eine Unfallflucht und Beamtenbeleidigung. Eigentlich sollte „nur“ der Kreisel-Crash mit den Vorwürfen „vorsätzliches Fahren ohne Fahrerlaubnis in Tateinheit mit fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung sowie unerlaubtes Entfernen vom Unfallort“ verhandelt werden.

Damals hatte der Stadtallendorfer, dem zuvor die Fahrerlaubnis entzogen worden war, mit 2,17 Promille den vielbeachteten Unfall gebaut – und sich aus dem Staub gemacht. Dies gab er unumwunden zu. Er war knapp 100 Meter vom Unfallort entfernt von der Polizei aufgegriffen worden. Doch Richter Filmer lagen noch zwei weitere Anklageschriften vor: Eine wegen einer Trunkenheitsfahrt (weiterhin natürlich ohne Führerschein) im Juli dieses Jahres, und eine weitere wegen einer in der Folge getätigten Beamtenbeleidigung.

Der Angeklagte räumte ein, dass die Vorwürfe stimmen und ebenfalls verhandelt werden könnten: Er gab also zu, vor rund drei Monaten mit 3,02 Promille angehalten worden zu sein. Bei der nachfolgenden Befragung auf der Wache habe er Beschwerden mit der Durchblutung bekommen und deswegen die Beamten gefragt, ob sie die Handfesseln lockern könnten, erklärte er vor Gericht. Das taten sie nicht, weil sich der Angeklagte, wie Filmer aus den polizeilichen Unterlagen entnahm, zuvor nicht besonders kooperativ verhalten hatte. Folge des nicht erfüllten Wunsches: Der Mann soll die Polizisten als Schweine, Idioten, Hitler und Kurwa (polnisch für Hure) bezeichnet und außerdem gesagt haben, die deutsche Polizei sei wie die Gestapo. Welche Ausdrücke er genau verwendet habe, wisse er nicht mehr, betonte der 47-Jährige allerdings.

Sein Auto hat er übrigens noch – es steht aber abgemeldet in der Garage. Richter Filmer wollte während der Beweisaufnahme noch wissen, wie es mit dem Alkoholkonsum stehe. Er trinke Alkohol, aber nicht täglich, sondern eigentlich nur am Wochenende mit Freunden, antwortete der Angeklagte – eine Aussage, die ihm der Richter nicht ganz abnahm: Jugendliche würden beispielsweise bei 3,0 Promille zumeist im Krankenhaus landen.

Zugunsten des Mannes sprach, dass er sich vollumfänglich geständig zeigte. Es gab jedoch eine Vorbelastung: Im Juni 2019 war er wegen Trunkenheit im Verkehr, dem Fahren ohne Fahrerlaubnis und Urkundenfälschung verurteilt worden. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft stellte noch heraus, dass für die Trunkenheitsfahrt vor drei Monaten und die anschließenden Beleidigungen angesichts des Blutalkoholwerts eine verminderte Schuldfähigkeit angenommen werden müsse.

Sie plädierte für eine Gesamt-Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 35 Euro und räumte sozusagen eine Art Rabatt ein, da sie für die einzelnen Vorwürfe 80 Tagessätze (Trunkenheitsfahrt mit Kreisel-Crash), 60 Tagessätze (Unfallflucht), weitere 60 Tagessätze (zweite Trunkenheitsfahrt) und 20 Tagessätze (Beleidigung) angesetzt hatte. Richter Filmer sprach eine Strafe von 110 Tagessätzen aus und teilte mit, dass der Mann frühestens nach zwei Jahren wieder einen Führerschein bekommen dürfe.

Anschließend redete er dem Mann ins Gewissen. Drei Fahrten unter erheblichem Alkoholeinfluss innerhalb von zwei Jahren seien nicht tragbar. Von dem 47-Jährigen und seinem Fahrzeug gehe eine große Gefahr aus: Was, wenn er nicht in einen Kreisel gecrashed, sondern mit einem Fußgänger oder Fahrradfahrer zusammengestoßen wäre? „Wenn jemand so betrunken fährt, dann ist es Zufall, was passiert. Die Kontrolle über sich und sein Fahrzeug hat man jedenfalls nicht mehr.“ Der Mann könne froh sein, dass die Polizei ihn in zwei der drei Fälle aus dem Verkehr gezogen habe, bevor etwas passiert sei.

Die Reparatur des Kreisels hatte übrigens rund 20 000 Euro gekostet, wie Bürgermeister Christian Somogyi nach den notwendig gewordenen Reparaturen berichtete. Die Polizei hatte den Schaden auf 15 000 Euro geschätzt, aber eine Fachfirma habe Teile der Innenverkleidung und der Technik erneuern müssen. Dies rechnete die Stadt mit der Versicherung des Unfallverursachers ab.

Von Florian Lerchbacher