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Ostkreis Hochspannung am Storchennest
Landkreis Ostkreis Hochspannung am Storchennest
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16:55 24.04.2021
Ein Storch fliegt am über das Ohmrückhaltebecken bei Kleinseelheim
Ein Storch fliegt am über das Ohmrückhaltebecken bei Kleinseelheim Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain

Die Radenhäuser Lache ist ein Paradies für Vögel – vor allem für Weißstörche. Nirgendwo sonst im Landkreis brüten so viele der imposanten Zugvögel mit dem weißen Gefieder, den schwarzen Schwungfedern und den roten Schnäbeln. Dass durch das Gebiet auch mehrere Stromleitungen laufen, stört die Störche nicht – im Gegenteil: Gleich mehrere Storchen-Horste finden sich auf jedem der Strommasten.

Ein scheinbar harmonisches Miteinander von Natur und technischer Infrastruktur. Doch der Schein trügt. Denn die Strommasten sind für Störche nicht nur ein beliebter Nistplatz, sondern auch eine potenziell tödliche Gefahr. Naturschützer sind in Sorge, zumal es am Mittwoch nach Ostern erneut zu einer Störung brütender Störche kam.

Verbindung von Stromleitung mit Bauteilen

Auf einem der Strommasten, die der Deutschen Bahn gehören, war es zu einem sogenannten Erdschluss gekommen – also zu einer Verbindung zwischen der Stromleitung und mit der Erde verbundenen Bauteilen. Grund dafür war vermutlich ein herunterhängender Ast an einem der Storchennester. „Vielleicht ist er beim Nestbau runtergefallen“, vermutet Winfried Kräling. Er ist Vogelschutzbeauftragter der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland sowie Storchen-Beauftragter des Naturschutzbundes (Nabu) für den Landkreis Marburg-Biedenkopf.

An Strommasten an der Radenhäuser Lache nisten Störche. Wegen Reparaturarbeiten kam es am Mittwoch nach Ostern zu einer Störung der brütenden Vögel.  Quelle: Nabu

Ein Hängeisolator an der Stromleitung war beschädigt worden, die Bahn musste ihn austauschen. Solange Störche noch nicht brüten, ist das kein Problem – die Bahn darf dann auch Nester entfernen. Doch wie sich herausstellte, lag schon ein Ei im Nest, berichtet Kräling. Was tun? Bahn, Untere Naturschutzbehörde und der Ornithologe Bernd Petri mussten beraten – und entschieden, das Ei in einen Nachbarhorst zu legen.

Doch problematisch war das aus Sicht der Naturschützer nicht nur für das eine Nest. „Von so einer Störung ist nicht nur ein Storch betroffen, sondern die ganze Umgebung“, sagt Kräling. „Während der ganzen Maßnahme waren sechs bis acht Horste nicht besetzt“, berichtet der Nabu-Kreisvorsitzende Andreas Trepte. „Wenn das bei starkem Regen oder kaltem Wetter passiert, kann es passieren, dass das Gelege auskühlt.“

Vor zwei Jahren brannte ein Storchennest

Wenn die Leitungen beschädigt werden, müssen die Netzbetreiber handeln – das wissen auch die Naturschützer. „Die Bahn muss das machen, sonst liegt ihre Energieversorgung im Rhein-Main-Gebiet brach“, sagt Trepte. Solche Störungen der Störche wird es also immer wieder geben. Denn an der Radenhäuser Lache sind zwei Stromleitungen: Die kleinen Masten gehören der Deutschen Bahn. Die großen Masten gehören dem Stromnetzbetreiber Tennet, wobei die unteren Leitungen von der Firma Avacon betrieben werden. Und ausgerechnet dort nisten immer mehr Weißstörche – an jedem Mast sind drei bis vier Horste, in den angrenzenden Bäumen weitere Nester. „Störche brüten dicht an dicht“, erklärt Kräling.

Der Storchenbeauftragte Winfried Kräling steht in der Nähe von Storchen-Brutplätzen an der Radenhäuser Lache. Auf den Strommasten im Hintergrund sind mehrere Storchennester.  Quelle: Stefan Dietrich

„Das Problem wird nicht weniger, sondern Storchennester in den Masten werden zunehmen“, ergänzt Trepte. Eine Gefahr nicht nur für die Tiere. Vor zwei Jahren brannte ein Storchennest auf einem Strommast der Deutschen Bahn. Und nicht allein die Nester auf den Masten sind ein Problem. Es kommt auch immer wieder vor, dass Störche und andere Vögel an Stromleitungen zu Tode kommen. Wenn etwa Störche mit ihren rund zwei Metern Flügelspannweite beim Anfliegen zwei Leitungen oder eine Leitung und den geerdeten Strommast berühren, entsteht ein Kurz- oder Erdschluss – die Tiere sterben durch den Stromschlag.

2,8 Millionen tote Vögel im Jahr

Auch ein Zusammenstoß mit einer Freileitung kann für einen Vogel tödlich enden. Über den sogenannten Vogelschlag wird derzeit meist im Zusammenhang mit Windkraftanlagen diskutiert, doch nach Angaben der Naturschützer kommt er bei Stromleitungen weitaus häufiger vor. Laut Nabu sterben in Deutschland pro Jahr insgesamt etwa 2,8 Millionen Vögel durch Kollisionen mit oberirdischen Stromleitungen – so das Ergebnis eines Gutachtens. Bei beringten Weißstörchen sei dies die häufigste Todesursache. „Deshalb suchen wir eine Lösung, die tragfähig ist und allen gerecht wird“, sagt Trepte. „Unser Bestreben ist, dass wir hier Erdverkabelung bekommen.“ Der Kreisverband schließt sich damit einer Forderung der Nabu-Bundesarbeitsgruppe „Stromtod“ an.

Wenn die Stromleitung an der Radenhäuser Lache erneuert werde, meint Kräling, könne man sie durch unterirdische Kabel ersetzen. So sei das bereits im Jahr 2016 in einem Vogelschutzgebiet bei Fronhausen passiert, nachdem dort ein Schwarzstorch, ein Weißstorch und ein Höckerschwan an der Stromleitung zu Tode kamen. Das habe auch für die Betreiber der Stromtrassen Vorteile: Sie müssten nicht regelmäßig neue Horste auf den Freileitungsmasten abräumen und die Gefahr von Kurz- oder Erdschlüssen, also der Störung der Stromversorgung, werde gebannt.

Bahn und Tennet: Erdverkabelung ist nicht möglich

Derzeit läuft die Vorplanung für eine Erneuerung der Tennet-Trasse, die eine höhere Kapazität bekommen soll – während ein Neubau der Bahn-Stromfernleitung nach Angaben des Schienenkonzerns nicht vorgesehen ist. Doch beide Betreiber sehen Erdkabel nicht als Option. „Ich höre sehr oft: Warum legt man das nicht einfach in die Erde?“, sagt Tennet-Pressereferent Markus Lieberknecht. „Wenn es einfach wäre, dann würde das natürlich gemacht werden, aber es ist nicht einfach.“

Zunächst einmal aus rechtlichen und finanziellen Gründen: Erdkabel kämen nur zum Einsatz, wenn der Bundestag dies für den Neubau einer Stromtrasse beschließe – die Mehrkosten zahle dann die Bevölkerung. Tennet könne dies also nicht selbst entscheiden. Zum anderen aber seien für Erdkabel enorme Eingriffe in den Boden nötig. Um die Übertragungskapazität einer 380-Kilovolt-Freileitung zu erreichen, müssten zwei Gräben ausgehoben werden, die im Bau 40 bis 50 Meter breit sind und im Betrieb Schutzstreifen von 20 bis 25 Metern benötigen. „Das ist in einem Naturschutzgebiet mit diesen Gewässern aus naturschutzrechtlicher Sicht schlicht unmöglich, das würde keine Naturschutzbehörde genehmigen“, sagt Lieberknecht.

Naturschutz-Probleme sind bekannt

Auch eine Sprecherin der Bahn teilt auf Anfrage der OP mit: „Eine Verkabelung des Abschnitts im Naturschutzgebiet der Radenhäuser Lache kann nicht durchgeführt werden. Denn: Erdverkabelung des Bahnstromes beeinträchtigt die Versorgungssicherheit.“ Der Hintergrund: Das Bahnstromnetz in Deutschland ist ein „gelöschtes Netz“. Wenn es dort zu einem Erdschluss kommt, verringern sogenannte Petersen-Spulen die Folgen, indem sie einen Gegenstrom ins Netz einspeisen. Dadurch hat die Störung geringere Auswirkungen. Bei Erdkabeln ist mehr Energie nötig, um den „Löschstrom“ einzuspeisen – dadurch gerät die Erdverkabelung hier an physikalische Grenzen.

Doch auch bei Bahn und Tennet sind die Naturschutz-Probleme bekannt. „Unsere Masten sind durchaus beliebt bei Vögeln“, sagt Tennet-Pressereferent Lieberknecht. „Wir wissen, es gibt dort einige Storchen-Horste. Auch bei Wanderfalken und Dohlen sind Strommasten beliebt.“ Das dürfe man auch nicht nur negativ sehen, findet er, denn ohne die Strommasten gäbe es weniger Nistplätze. Wenn allerdings Naturfreunde an Stromleitungen Vogelschlag bemerkten, sei es wichtig, dass sie meldeten, wo das genau passiert ist. Dann könne Tennet mit Vogelschutzmarkierungen dafür sorgen, dass die Tiere die Leitungen besser erkennen.

Bahn finanziert Ersatz-Nistplätze

Auch die Bahn sorgt sich um den Vogelschutz – wie die heimischen Naturschützer bestätigen. Einerseits versuchen die Trassenbetreiber, die Störche zu vergrämen. Andererseits hat der Nabu mit Geldern der Bahn Ersatz-Nistmöglichkeiten aufgestellt – in der Hoffnung, dass die großen Vögel dann nicht auf den Strommasten nisten. Trotzdem brütet etwa ein Drittel der Störche an der Radenhäuser Lache in den Strommasten.

Nach Aussage der Bahn liegt das daran, dass in den vergangenen Jahren die Storchen-Population in Hessen und Bayern stark zugenommen habe, „sodass bisherige künstlich errichtete Brutplätze für Störche in den oft baumlosen offenen Freilandflächen nicht ausreichen, um brütenden Storchenpaare Nistmöglichkeiten anzubieten“. Nach Ansicht des Nabu-Kreisvorsitzenden Trepte spielt auch eine Rolle, dass die Nistmöglichkeiten auf Strommasten für die Tiere attraktiv sind. „Die Frage bei neuen Nistplätzen ist immer, ob sie sie annehmen. Störche sind Koloniebrüter“, erklärt Trepte.

Weißstörche sind Gewohnheitstiere

Wo schon ein Storchenpaar nistet, kommt auch das nächste hin – trotz aller Vergrämungsversuche. Die horizontalen Windräder auf den Strommasten, die sie stören sollen, blockieren die Weißstörche mit kleinen Stöckchen und bauen dann ihre Nester darauf, berichtet der Storchen-Beauftragte Kräling. Weißstörche sind offenbar Gewohnheitstiere. Das gilt jedenfalls für das Storchen-Paar, dessen Horst am Mittwoch nach Ostern entfernt wurde. „Die Störche haben an derselben Stelle ein neues Nest gebaut“, erzählt Trepte, „und machen ein Nachgelege.“

Radenhäuser Lache

Die Radenhäuser Lache wurde 1990 als Ausgleichsfläche für den Bau der Umgehungsstraße Kirchhain angelegt. Die Flächen gehören dem Nabu und der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). 22 Hektar Wiesen- und acht Hektar Wasserfläche bilden ein Eldorado für viele Vogelarten – neben dem Weißstorch etwa Bruchwasserläufer, Flussuferläufer, Großer Brachvogel, Grünschenkel, Kampfläufer, Sandregenpfeifer, Waldwasserläufer und Zwergstrandläufer.

Wer einen Vogel findet, der an einer Stromleitung verendet ist, kann dies beim Nabu melden – unter der Telefonnummer 030 / 28 49 84 55 00 oder online unter https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/gefaehrdungen/stromtod/25430.html

Von Stefan Dietrich

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