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Ostkreis Das Gedenken duldet keine Pause
Landkreis Ostkreis Das Gedenken duldet keine Pause
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11:13 09.11.2020
Die ehemalige Synagoge in Kirchhain wurde am 8. November 1938 im Inneren verwüstet. Quelle: Michael Rinde
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Kirchhain

Eigentlich hätte es am 8. November wieder einen Gedenkmarsch und eine Veranstaltung an der früheren Kirchhainer Synagoge in der Römerstraße gegeben. Eigentlich. Bis zum vergangenen Freitag suchten die Organisatoren der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Kirchhain und Amöneburg (ACK) nach einem sicheren Weg trotz Corona-Pandemie und Lockdown-Vorgaben. Es fand sich aber keiner. „Wir wollen niemanden gefährden“, sagt Hermann Köhler, Dekan des Kirchenkreises Kirchhain und Vorsitzender der ACK.

Und dennoch soll die Erinnerung an die Menschen jüdischen Glaubens, die auch in Kirchhain unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft litten, die erniedrigt, misshandelt und später teilweise ermordet wurden, wachgehalten werden. Dazu stellte die ACK der OP kurzfristig Material zur Verfügung. Es erinnert exemplarisch an die schrecklichen Schicksale. Kirchhain hat ohnehin eine sehr lebendige Erinnerungskultur, wie die Verlegung von Stolpersteinen seit 2015 zeigt.

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Bei den Gedenkveranstaltungen am 8. November beteiligt sich von jeher auch die Stadt Kirchhain beispielsweise, die jüdische Gemeinde Marburgs und weitere Institutionen des öffentlichen Lebens in der Ohmstadt.

Einst größte jüdische Gemeinde

Bis 1933 galt Kirchhain als die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde im Landkreis Marburg. Rund 60 jüdische Familien lebten dort. Dazu zählte auch die Familie Rothschild. Juda und Frieda Rothschild lebten von 1899 an in der Stadt. Sie hatten zwei Kinder, Felix und Else Rothschild. Der gesamten Familie gelang rechtzeitig vor Deportation und drohender Ermordung die Flucht ins Ausland. Aber die Vita dieser Menschen zeigt, welchen Preis sie dafür bezahlten, dass ihnen zumindest das nackte Leben blieb.

Juda Rothschild muss 1936 unter dem Druck des Naziterrors sein einst florierendes Geschäft aufgeben. Zunächst ziehen sie nach Frankfurt in ein möbliertes Zimmer. Von dort gelingt es dem Ehepaar im Oktober 1941 im Alter von 76 und 71 Jahren, eine Schiffspassage von Portugal nach Kuba zu organisieren. Ein Jahr später erhalten sie die Einreiseerlaubnis für die USA. Juda wird krank, er stirbt schon 1946. Heimisch wurde er in den USA nie, auch, weil er die Sprache nicht verstand. Seine Frau Frieda stirbt im Jahr 1960.

Felix Rothschild muss schon im Jahr 1936 flüchten. Er wurde unter anderem von einem SS-Mann schwer misshandelt. Über Frankreich flüchtete er nach Brasilien, dort wurde er jedoch ausgewiesen nach Argentinien. Der einstige Prokurist musste unter sehr harten Bedingungen seinen Lebensunterhalt sichern. 1939 arbeitet er für 10 Pesos die Woche als Helfer. Felix Rothschild stirbt letztlich in der Fremde im Alter von 62 Jahren im Jahr 1959 an den Folgen seiner Erkrankungen.

Köhler: Gedenken heißt Erschrecken

Am 8. November 1938 zerstörten Nazis-Schergen den Innenraum der großen Kirchhainer Synagoge, nur das Äußere des Gebäudes blieb weitgehend erhalten. Das Gebäude ist seit Jahrzehnten in Privatbesitz.

Hermann Köhler unterstreicht den Wert des Erinnerns und Gedenkens. Niemand werde schuldig gesprochen für etwas, was er nicht getan habe. „Aber die Folgen dessen, was Großeltern und Eltern getan und unterlassen haben, sind uns auferlegt“, schreibt Köhler. Es gehe auch darum, den Kindern heute zu erklären, warum Gedenken an die Geschehnisse von 1933 bis 1945 wichtig bleibt, erläutert der ACK-Vorsitzende. Köhler schlägt den Bogen in die Gegenwart. Gedenken heiße Erschrecken vor der Möglichkeit, schuldig zu werden – damals wie heute, aus Gedankenlosigkeit, aus Egoismus oder Angst.

Nach früheren Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ist die Ermordung von 67 einst in Kirchhain lebenden Menschen jüdischen Glaubens durch die Nazis nachgewiesen.

Von Michael Rinde