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Ostkreis Bischof: Kirchen ergeht es wie Parteien
Landkreis Ostkreis Bischof: Kirchen ergeht es wie Parteien
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09:55 28.07.2020
Bischof Dr. Michael Gerber setzt sich für kreative Lösungen in Zeiten der Corona-Krise ein, wie bei der Magdalenenoktav. Quelle: Thorsten Richter
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Amöneburg

Der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber sprach am Rande seines Besuches in Amöneburg im OP-Gespräch über Kirche in der Corona-Krise, die Bedeutung von Internetangeboten und die Zahl der Kirchenaustritte.

Es war Ihr erster Besuch bei der Magdalenenoktav in Amöneburg. Wie hat er Ihnen gefallen?

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Michael Gerber: Das war eine sehr schöne Erfahrung. Ich bin beeindruckt davon, dass hier Menschen auch unter Corona-Bedingungen Möglichkeiten gefunden haben, das Fest zu begehen.

Sie haben sich persönlich dafür stark gemacht, dass die Oktav stattfinden kann. Warum?

Es ist eine Herausforderung für Kirche und Gesellschaft, in einer solchen Krise kreativ zu werden und Lösungen für vieles zu finden. Da ist die Oktav ein Beispiel für. Die Lindaukapelle ist ja auch ein Ort, der auf eine Krise zurückgeht. Jetzt sind wir in einer anderen Form von Krise, da hat eine solche Veranstaltung eine besondere Bedeutung für die Menschen.

Wir leben jetzt seit mehr als drei Monaten im Krisenmodus. Hat die katholische Kirche im Umgang mit Corona und den Folgen alles richtig gemacht?

Wir spüren, dass Kirche aus ganz unterschiedlichen Akteuren besteht. Ich habe Priester wie Laien erlebt, die sehr einfallsreich waren. Dazu könnte ich viele Beispiele erzählen. So habe ich eine Gemeindereferentin erlebt, die am Weißen Sonntag zu den Kommunionkindern gefahren ist – insgesamt war sie gut 100 km unterwegs – und ihnen an ihrem Tag ein Geschenk vorbeigebracht hat. Ich bekomme sehr viele gute Rückmeldungen auf im Internet gestreamte Gottesdienste. Es gibt nicht die Antwort von Kirche, sondern wir spüren, dass Kirche aus ganz unterschiedlichen Akteuren besteht, die handeln.

Das Internet hat viele Kontakte in Gemeinden aufrechterhalten. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz zu Streaming und sozialen Medien aus?

Ich habe selbst gerade erst wieder drei Predigten aufgenommen für die nächsten Sonntage. Mir schreiben viele Menschen, was sie bei einzelnen Gottesdiensten im Netz bewegt haben. Wir haben Menschen, die einen guten Grund haben, warum sie nicht in die Kirche kommen. Sei es, weil sie selbst Risikopatienten sind oder weil sie sich in der Kirche in der derzeitigen Situation einfach nicht wohl fühlen, allein schon, weil sie registriert werden müssen.

Entwickelt sich mit den Netzangeboten etwas, was die Gemeindearbeit auf Dauer ergänzen sollte, auch nach der Pandemie?

Ergänzen ja, aber das Netz darf sicherlich nicht den persönlichen Kontakt ersetzen. Schauen wir auf die Hochschulgemeinde, wo die Studierenden im Moment den Tag am Bildschirm verbringen. Sie sind froh, wenn sie mal wieder persönliche Begegnungen haben. Die persönliche Begegnung zwischen Gemeindemitgliedern und Priestern wird weiterhin sehr, sehr wichtig sein. Aber sie wird ergänzt werden durch Angebote im Internet. Es gibt Rückmeldungen von Menschen, die sagen, dass sie kein regelmäßiger Kirchgänger waren, dass ihnen aber in der Krise das Onlineangebot von Messen sehr wichtig geworden ist.

Glauben Sie, dass die Krise Menschen wieder näher an ihren Glauben heranführt?

Es ist die Frage, welchen Menschen ich in einer Krise begegne. Begegne ich Menschen, die mir wirklich beistehen, denen es um mich geht und die mir durch ihren Glauben helfen? Das kann tatsächlich zum Glauben führen.

Im Juni sind die aktuellen Zahlen der Kirchenaustritte veröffentlicht worden. Rund 19.000 Menschen haben allein die katholische Kirche in Hessen verlassen. Worin sehen Sie die Gründe dafür?

Es gibt sicherlich kirchenspezifizische Gründe dafür. Aber es gibt auch gesamtgesellschaftliche. Wir erleben zurzeit, dass Kräfte, die über Jahrzehnte in dieser Republik wesentlich waren, in ihrer Bindekraft nachlassen. Denken Sie an große Volksparteien, denken Sie aber auch bitte an viele Vereine. An vielen Orten müssen Spielgemeinschaften gebildet werden, damit Sportvereine weitermachen können. Menschen gehen lieber ins Fitnessstudio statt in ihren Verein.

Zugleich verliert die Kirche durch die Austritte aber auch wichtige Einnahmen, die sie braucht.

Gerber: Das merkt nicht nur die Kirche, das merkt die ganze Gesellschaft. Denn wir als Kirche finanzieren über die Kirchensteuer viele Aufgaben, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert, denken Sie an die Denkmalpflege von Kirchen, an Bildungsangebote, und an den sozial-karitativen Bereich. Die verbleibende Zahl derer, die weiterhin die Kirchensteuer aufbringen, kann die Leistungen im bisherigen Umfang nicht stemmen. Das hat Folgen für die Gesellschaft insgesamt.

Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, spricht bei den Kirchenaustritten von einer „Erosion“. Teilen Sie diese Einschätzung?

Es ist immer die Frage, mit welchem Bild man diese Situation beschreibt. Wir haben sicherlich im Moment bei den Kirchenaustritten eine Beschleunigung, das kann man nicht leugnen. Ein gesellschaftlicher Trend verstärkt sich. Aber mir ist wichtig, dass wir die Entwicklung gesamtgesellschaftlich sehen. Mancher Parteipolitiker wird Ihnen sagen, dass seine Partei ähnliches erlebt, was die Kirchen erleben.

Die katholische Kirche geht dazu über, immer mehr Gemeinden zusammenzulegen. Im Raum Amöneburg entsteht gerade eine neue Großgemeinde. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass sich Menschen dadurch erst recht von der Kirche vor den Kopf gestoßen fühlen?

Die Erfahrung, die ich mache, ist, dass gerade Jugendliche tiefer zum Glauben finden, die vor Ort etwas erleben, aber auch im größeren Sinne vernetzt mit anderen sind. Es ist für junge Menschen wichtig, auch mit anderen vernetzt zu sein, die sie nicht aus dem Dorf kennen. Ein wesentlicher Auftrag von uns ist es, die Frage zu beantworten, wie wir die nächste Generation mit Jesus Christus in Verbindung bringen. Das ist ein Grund, warum wir diesen Weg zu größeren Gemeinden eben auch gehen.

Die Stiftsschule in Amöneburg ist aus der Region nicht wegzudenken. Doch warum braucht das Bistum eigentlich noch eigene Schulen?

Schulen wie die Stiftsschule sind ganz wichtige pastorale Orte, wo die Menschen Kirche erfahren. Es wird sicherlich noch einmal eine Herausforderung werden, zu fragen, welche Rolle diese Schulen künftig haben werden im Netzwerk Kirche. Die Stiftsschule führt zum Beispiel unterschiedliche Menschen aus dem ganzen Umland zusammen, konfessionsübergreifend. Das ist eine Chance.

Zur Person

Dr. Michael Gerber wurde im März vergangenen Jahres in sein Amt als 18. Bischof der Diözese Fulda eingeführt. Gerber wurde am 15. Januar 1970 in Oberkirch geboren. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und in Rom wurde er am 11. Mai 1997 zum Priester geweiht. Er nahm mehrere Aufgaben in der Erzdiözese Freiburg war. Dort wurde er im Jahr 2013 unter anderem Weihbischof. Gerber war vor seiner Ernennung zum Fuldaer Bischof durch Papst Franziskus unter anderem Bischofsvikar für pastorale Aus- und Weiterbildung in der Erzdiözese Freiburg.

Von Michael Rinde