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Ostkreis A49: Erst der Ausgleich, dann der Bau
Landkreis Ostkreis A49: Erst der Ausgleich, dann der Bau
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09:54 05.12.2019
Das Bild zeigt Landschaftsarchitekt Claus Rosenstein von Deges, der einen neuen Kammmolchtümpel erläutert. Quelle: Tobias Hirsch
Stadtallendorf

Neu angelegte Tümpel mit mehreren scheinbar sinnlos aufgetürmten Holzstapeln fallen am Geiersberg auf. Dass diese Teiche mit dem Bau der Autobahn 49 unmittelbar zusammenhängen, dürfte kaum einem Spaziergänger bewusst sein, der sie sieht. Jeder massivere Eingriff für ein Bauprojekt erfordert einen Ausgleich.

Gesetzliche Grundlage

Maßgebend für Ausgleichs- und Erhaltungsmaßnahmen ist das Bundesnaturschutzgesetz (abgekürzt mit „BNatSchG“). Im Paragrafen 15 heißt es unter anderem: „(2) Der Verursacher ist verpflichtet, unvermeidbare Beeinträchtigungen durch Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschafts­pflege auszugleichen (Ausgleichsmaßnahmen) oder zu ersetzen (Ersatzmaßnahmen). Ausgeglichen ist eine Beeinträchtigung, wenn und sobald die beeinträchtigten Funktionen des Naturhaushalts in gleichartiger Weise wiederhergestellt sind und das Landschaftsbild landschaftsgerecht wiederhergestellt oder neu gestaltet ist …

Für die Autobahn 49 sind die Ausgleichs- und Erhaltungsmaßnahmen entsprechend umfangreich. Nach Angaben des Unternehmens Deges sind es allein 165 für die A-49-Abschnitte zwischen Schwalmstadt und Gemünden (Felda).

Das Bund-Länder-Unternehmen „Deges“ verantwortet die Bauvorbereitungen für die A 49 und damit auch die „A+E“-Maßnahmen. Hinter den beiden Buchstaben stehen die Worte „Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen“.

Die drei Tümpel am Geiersberg sind Kammmolchteiche. Sie gleichen beispielsweise Eingriffe in die natürlichen Lebensräume der berühmtgewordenen Molche aus, wie Claus Rosenstein erläutert. Er ist Diplom-Ingenieur und Landschaftsarchitekt und bei „Deges“ für die Ausgleichsmaßnahmen mitverantwortlich. Mit einer Ausgleichsmaßnahme gab es aber doch ein auch formal entscheidendes Problem. Für die Umsiedlung von seltenen Zauneidechsen, auch in der Nähe von Niederklein, braucht Deges mehr Zeit. Die verbliebenen Tiere sollen im nächsten Frühjahr gefangen und an sicherer Stelle ausgesetzt werden. Auch deshalb entschied sich Deges, die Baumfällungen an der geplanten Trasse um ein Jahr zu verschieben. „Wir gehen von einer kleinen Population aus“, sagt Rosenstein.

Ortswechsel: Südlich von Stadtallendorf verläuft das Flüsschen Joßklein durch den Wald. An einer Stelle ist eine neue Furt entstanden. Auch dort ahnt keiner, dass die Autobahn dafür verantwortlich ist. Die Joßklein ist an dieser Stelle nun wieder durchlässiger geworden. Außerdem übernimmt es der Bundesforst, in dem Waldgebiet neue Erlenbäume zu setzen, ganz im Sinne ökologischer Aufwertung und vor allem zum Ausgleich für manches, was die Autobahn zerstören wird. Insgesamt werden nach früheren Angaben 5,4 Kilometer Fließgewässer natürlich aufgewertet. Auf die Joßklein entfallen dabei etwa 1,25 Kilometer insgesamt. Die einzelnen Vorhaben sind genau in den Planfeststellungsbeschlüssen für die Autobahn 49 beschrieben, teilweise bis in Details hinein.

Wieder ein Ortswechsel bei der kleinen Rundfahrt zu einzelnen Ausgleichsmaßnahmen rund um Stadtallendorf. Am Bruchgraben nördlich von Niederklein sind neue Feuchtflächen entstanden. „Sie sind neue Lebensräume für Amphibien und Insekten“, sagt der Landschaftsarchitekt. Es bleibt bei den Ausgleichsmaßnahmen nicht bei deren Bau. Sie müssen sich teilweise noch über Jahre hinweg entwickeln und werden entsprechend gepflegt und begleitet. Es sind Projekte darunter, die werden über 30 Jahre hinweg weiter betreut werden.

Mehr als nur ein einfacher Ausgleich

Rosenstein macht auch klar, dass die neuen umweltrechtlichen Vorgaben mehr fordern. So reicht es nicht, einen Eingriff in die Natur eins zu eins auszugleichen. „Es ist mehr erforderlich, weil inzwischen auch die entstehenden Belastungen durch den Autobahnbetrieb berücksichtigt sein müssen“.

Weitere Projekte kommen hinzu. Am Amöneburger Bekassinenloch ist nun auch die Baustraße im Rückbau. Dort sind Flächen zum Schutz des Kiebitzes entstanden. Der Steingraben zwischen Dannenrod und Schweinsberg einschließlich eines Durch­lasses wurde auch renaturiert. Dafür war eine neue Brücke an der Kreisstraße mit entsprechendem Durchlass nötig.

„Ohne Autobahn gäbe es das alles nicht“, sagt ein Deges-Mitarbeiter während der Rundfahrt entlang der Projekte, wohlwissend, dass die Autobahn der Natur an anderen Stellen noch Wunden schlagen wird. Das muss mindestens vorher ausgeglichen sein.

von Michael Rinde