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Ostkreis Bürger helfen Bürgern – nicht nur in der Not
Landkreis Ostkreis Bürger helfen Bürgern – nicht nur in der Not
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20:41 13.07.2022
Klaudia Maksa (oben) und Ines Steinz sind in Stadtallendorf für den freiwilligen Polizeidienst unterwegs.
Klaudia Maksa (oben) und Ines Steinz sind in Stadtallendorf für den freiwilligen Polizeidienst unterwegs. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Ostkreis

Sprints gäbe es für die beiden freiwilligen Polizeihelferinnen bei ihren Rundgängen nur in echten Notfällen. Ihr Motto lautet: „Spazieren statt rennen“. Denn schließlich wollen sie Zeit haben, um auf alles zu achten, was sich um sie herum so tut. Sie bleiben in Ruhe stehen, wenn Mitbürger sie ansprechen und etwas erzählen wollen. Klaudia Maksa und Ines Steinz tragen ihre Dienstkleidung beide schon jahrelang. Ehrenamtlich und nach wie vor sehr gerne. Beide sind formal bei der Stadt Kirchhain zuhause, beide sind aber auch in Stadtallendorf oder Neustadt anzutreffen.

Ein Gang durch den Heinz-Lang-Park gehört für sie immer zu ihrer Fußstreife, wenn sie in Stadtallendorf unterwegs sind. Schließlich ist der Park über Jahre hinweg eine zentrale Begegnungsstätte geworden. Zu ihm gehört außerdem der weit über die Stadt hinaus bekannte Spielplatz Piratennest. Sie sehen viel, wenn sie auf Tour sind. Beispielsweise blicken sie auf die Spielgeräte, ob sie beschmiert oder beschädigt sind. Sie schauen nach dem Wasser im Teich genauso wie nach achtlos in die Natur geworfenem Müll. „Müll ist für uns immer und überall ein großes Problem“, sagt Maksa. Illegale Müllhalden meldeten sie am häufigsten an Ordnungsämter oder Stadtwerke.

Schlechte Erfahrungen haben sie noch nicht machen müssen

Es passiert wie auf Stichwort. Am „Piratennest“ liegt ein oller, verdreckter Stofflappen. Unappetitlich und nichts für kleine Kinder. Maksa zieht sich Handschuhe an und entsorgt den großen Stofffetzen.

Schlechte Erfahrungen haben beide Frauen noch keine machen müssen. Ebenso wie die übrigen Polizeihelfer im Kreis. „Es hat noch keine schweren Vorfälle mit Polizeihelfern gegeben“, sagt denn auch Christina Frank von der Führungsgruppe der Polizei in Marburg und eine der Verantwortlichen für die Polizeihelfer dort. Ganz im Gegenteil. „Ich höre so oft, wie schön es ist, dass wir da sind, vor allem bei Veranstaltungen“, schwärmt Ines Steinz.

Für die Polizei sind die ehrenamtlichen Helfer „eine sehr gute Ergänzung“, wie Ralph Försterling feststellt. Sie seien ein Bindeglied zwischen den Bürgern auf der Straße, der Polizei und den Städten, vor allem ihren Ordnungsbehörden. Försterling leitet die Polizeistation Stadtallendorf. Ansprechpartner sein und Beobachtungen weitergeben, das ist auch die Hauptaufgabe der freiwilligen Polizeihelfer in Hessen. Laut dem hessischen Innenministerium sind landesweit 365 Polizeihelfer in 31 Städten und Gemeinden im Einsatz.

Doch es fehlt Nachwuchs in den drei Ostkreis-Städten. Im Augenblick suchen die Städte Kirchhain, Stadtallendorf und Neustadt dringend nach Verstärkung für ihre freiwilligen Polizeihelfer. Das Bewerbungsverfahren ist angelaufen. Laut Polizei wären aktuell etwa zehn Stellen zu besetzen. Die Stellenbesetzung ist Sache der jeweiligen Städte, sie zahlen schließlich auch die Aufwandsentschädigung. Die Ausstattung (pro Helfer laut Ministerium etwa 1 000 Euro) übernimmt das Land, die Schulungen die Polizei vor Ort.

Mehr als 10.000 Schritte pro Rundgang

Noch fehlt es an Kandidaten für das Auswahlverfahren. Die ersten Bewerbungsgespräche sind Mitte August in Stadtallendorf geplant.

Häufig sind Polizeihelfer bei Veranstaltungen dabei, wie zum Beispiel beim italienischen Markt. Dort sind Elena Brossat und Mustafa Türkdönmez am Samstag unterwegs. „Alles ruhig“, freut sich Türkdönmez. Brossat hat zwischenzeitlich eine Rollstuhlfahrerin angesprochen, die im Schatten ausruht und sie gefragt wie es ihr geht. Alles in Ordnung. „Wir sind eben im Fall der Fälle auch laufende Notrufsäulen“, sagt Türkdönmez.

Zurück zur Tour von Klaudia Maksa und Ines Steinz. Beiden ist ihre Routine anzumerken. Schauen, was los ist, sichtbar sein. Darum geht es vor allem. Bei diesem morgendlichen Rundgang durch den Park geht es sehr ruhig zu. Es liegt wieder Müll auf den Wegen, aber der wird wenig später ehedem vom Bauhof entfernt. Dessen Tour steht noch aus. Beide laufen bei Rundgängen deutlich mehr als die täglich empfohlenen 10.000 Schritte. „Es gibt aber auch Einsätze, wo wir viel stehen müssen, bei der Verkehrsregelung etwa“, sagt Steinz. Doch das mache ihr nichts.

Stadt Stadtallendorf koordiniert die Einsätze

Die Stadt Stadtallendorf koordiniert den Einsatz der Helfer bei Veranstaltungen für die drei beteiligten Städte. Es laufe problemlos, berichtet Fachdienstleiter Marco Sommer der OP. Anfang des Jahres sammelt er die Planungen aller Beteiligten und koordiniert die dann mit den Ehrenamtlichen. Alle könnten langfristig planen.

Die Polizeihelfer sind nie alleine unterwegs, bei jeder Tour sind es mindestens zwei Helfer. Oder auch eine Helferin und eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der jeweiligen Ordnungsbehörde. Der Draht ist eng und kurz. Auch die Polizei weiß immer, wenn Polizeihelfer ihre Arbeit machen. „Der Eigenschutz geht immer vor“, sagt Christina Frank. Steinz und Maksa bestätigen das. Für den Notfall sind sie mit Pfefferspray ausgestattet und haben das Diensthandy parat. Bei Dunkelheit sollen sie nicht unterwegs sein, so der Grundsatz.

Sie waren auch schon Retter in der Not. Kürzlich habe ein Polizeihelfer bei mehr als 30 Grad einen hechelnden Hund in einem Auto entdeckt. Da war dann die Polizei gefordert, die das Tier aus seiner Notlage befreite. „Unsere Helfer waren auch schon Ersthelfer bei Veranstaltungen“, berichtet Marco Sommer.

  • Wer Interesse hat, ehrenamtlicher Polizeihelfer zu werden, kann sich an die Polizei in Marburg, Telefonnummer 0 64 21 / 40 60, wenden.

Rechte, Ausbildung, Voraussetzungen

Aktuell sind 11 Polizeihelfer in Marburg (2 Helfer), Stadtallendorf (5), Kirchhain (2), Neustadt (1) und Gladenbach (1) ehrenamtlich im Einsatz. Außerdem sucht die Stadt Biedenkopf zwei Polizeihelferinnen oder Polizeihelfer. Die Ehrenamtlichen erhalten eine Aufwandsentschädigung von 7,50 Euro die Stunde.

Polizeihelfer haben die sogenannten Jedermannsrechte, also dieselben Rechte wie jeder Bürger auch. Polizeihelfer dürften aber auch Personalien feststellen, Gegenstände sicherstellen, den Verkehr regeln oder einen Platzverweis aussprechen. Durchsetzen müssten den dann aber bei Bedarf Polizeibeamte, erläutert Polizeihauptkommissarin Christina Frank. Sie betont erneut, dass die Helfer wirklich Helfer sind für alle und keine „Ersatz-Polizisten“.

Wer Polizeihelfer werden möchte, muss zwischen 18 und 65 Jahre alt sein und ein tadelloses Führungszeugnis besitzen. „Die Nationalität spielt keine Rolle“, sagt Christina Frank von der Führungsgruppe der Polizei in Marburg. Außerdem solle natürlich jeder fit genug für die Einsätze zu Fuß sein, sagt Frank. Vor dem ersten Einsatz erfolgt eine 50 Stunden umfassende Schulung, unter anderem in Sachen Recht, Erste Hilfe, Eigensicherung, Verkehrsbefugnissen und weiteren Themen.

Von Michael Rinde

13.07.2022
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