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Ostkreis Freude über eine fast normale Fastenzeit
Landkreis Ostkreis Freude über eine fast normale Fastenzeit
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17:00 30.04.2022
Gläubige sprechen in der Fatih-Moschee das Freitagsgebet.
Gläubige sprechen in der Fatih-Moschee das Freitagsgebet. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Er sei ein wenig traurig, meint Erkan Erdogan, dass die Fastenzeit jetzt bald ende. Für ihn war sie in jedem Fall eine ganz besondere Zeit. „Es ist ein ganz eigenes Gefühl, abends mit der Familie zusammenzusitzen und zu warten, bis es so weit ist“, erklärt er vor Beginn des Freitagsgebetes in der Stadtallendorfer Fatih-Moschee. Erdogan meint das Fastenbrechen, also den Moment, ab dem Muslime im Ramadan wieder essen und trinken dürfen. Der richtet sich nach dem Sonnenuntergang. Und der hat sich in den zurückliegenden Wochen jeden Tag um einige Minuten verschoben.

Nur wenige der rund 350 Gläubigen tragen bei diesem Gebet eine Maske, sie müssen es schließlich auch nicht mehr. Es war der erste Fastenmonat für Muslime, der durch die Pandemie nicht massiv eingeschränkt verlaufen ist. Zwei Jahre lang habe es keine Veranstaltungen in der Gemeinde gegeben, erklärt Erkan Erdogan. Er ist auch Mitglied im Moschee-Vorstand.

Jetzt trauten sich langsam wieder alle, auch in der Moschee zu beten oder das Fastenbrechen gemeinsam zu begehen. Ein gemeinsames Essen gab es bereits in der vergangenen Woche mit etwa 450 Besuchern. Am Samstag, 30. April, findet ab etwa 20.50 Uhr ein weiteres an und in Räumen der Fatih-Moschee statt. Am Sonntag gibt es dann den letzten Fastentag, bevor am frühen Montagmorgen gegen 6 Uhr mit dem gemeinsamen Gebet das eigentliche Zuckerfest beginnt.

Das Zuckerfest

Der jetzt zu Ende gehende Fastenmonat Ramadan ist eine der Säulen des Islams. Seinen Abschluss bildet immer das Zuckerfest, das „Fest des Fastenbrechens“. Es beginnt in diesem Jahr am Abend des 1. Mai und dauert drei Tage, wobei der erste Tag als der Haupttag gilt. Der Name „Zuckerfest“ hat sich historisch daraus entwickelt, dass Kinder an den Tagen des Festes viele Süßigkeiten bekommen – und eben auch häufig Süßspeisen gereicht werden. Muslime nutzen das Zuckerfest, um Freunde und Verwandte zu besuchen, aber auch, um beispielsweise Bedürftige zu unterstützen. Das Gebot zur Spende und Hilfe ist dabei nicht auf den Fastenmonat beschränkt.

Die Gemeinde der Fatih-Moschee ist bisher sehr gut durch die Corona-Pandemie gekommen, so der eindeutige Tenor der Gläubigen. Zu verdanken sei das vor allem den Einschränkungen und der Disziplin. Am Eingang wurden die Kontaktdaten elektronisch erfasst, es galt strenge Maskenpflicht (die OP berichtete) und regelmäßige Tests. Das ging teilweise auch mithilfe von Sponsoren. Görkan Özdemir spendete tausende Masken, die Gebäudereinigung Gies Desinfektionsmittel.

Natürlich habe der Krieg in der Ukraine während der Gebete und im Fastenmonat auch eine Rolle gespielt, er sei ja allgegenwärtig, sagt Erkan Erdogan. Auch die Gemeinde der Fatih-Moschee engagierte sich bei Hilfsaktionen und will das weiterhin tun. „Hilfe gibt es für jeden Bedürftigen, sein Glaube oder seine Hautfarbe spielen keine Rolle“, sagt der Stadtallendorfer. Überhaupt sei die Hilfe für ärmere Menschen für Muslime immer sehr wichtig.

Wieder Unterrichtsangebote für Kinder

Vorbeter Feyzullah Tasci kommt unmittelbar vor Beginn des Freitagsgebetes kurz bei der OP vorbei. Ihm ist es wichtig, herauszuheben, wie sehr er sich über die zurückkehrende Normalität freut. „Das habe ich so vermisst“, sagt er mit Blick auf die zahlreichen Besucher des gemeinsamen Gebetes an diesem Tag. In der Moschee gibt es seit Kurzem auch wieder Unterrichtsangebote für die etwa 160 Kinder. Auch sie hatte die Gemeinde komplett eingestellt, um Risiken zu minimieren.

Beim Gang in die Moschee vor Gebetsbeginn fällt ein Schild am Eingang ins Auge. Darauf steht der Hinweis, bitte die Mobiltelefone auszuschalten. Darunter gibt es auch eine kurze Erklärung: „Wenn Du Dich Gott zuwendest, solltest Du das Weltliche zurücklassen“. Bei diesem Freitagsgebet, dem letzten im Fastenmonat, geht es unter anderem um Frömmigkeit und auch Verzicht. Der Text der Predigt stammt wie immer vom Dachverband Ditib, von dessen Predigtkommission. Ein Gedanke ist an diesem Tag, dass der Fastenmonat auch eine Auszeit für die Seele von weltlichen Dingen sei. Vorbeter Feyzullah Tasci weist die Gläubigen vor dem Gebet nicht nur auf das gemeinsame Fastenbrechen hin. Er geht auch auf ein weiteres Element am Ende des Ramadans ein. Am Sonntag gedenken die Gemeindemitglieder ihren Toten noch einmal ganz besonders.

Von Michael Rinde