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Ostkreis „Wir müssen jetzt die Reißleine ziehen“
Landkreis Ostkreis „Wir müssen jetzt die Reißleine ziehen“
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16:00 25.02.2022
Heiko Reinhardt und seine Schwester Birgit Amrhein mit einem Teppich-Musterbuch: Der Wohnfachmarkt in der Stadtallendorfer Rathausgasse wird schließen – jedoch soll ein Beratungszentrum rund um das Thema Bodenbeläge bleiben.
Heiko Reinhardt und seine Schwester Birgit Amrhein mit einem Teppich-Musterbuch: Der Wohnfachmarkt in der Stadtallendorfer Rathausgasse wird schließen – jedoch soll ein Beratungszentrum rund um das Thema Bodenbeläge bleiben. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Stadtallendorf

„Es fühlt sich an wie eine Niederlage“, gibt Heiko Reinhardt unumwunden zu. Und es falle ihm und seiner Schwester Birgit Amrhein alles andere als leicht. Doch sind die Tage des Wohnfachmarkts, der einen der drei Betriebsteile von Farben Reinhardt in Stadtallendorf ausmacht, gezählt: „Wir müssen jetzt die Reißleine ziehen“, sagt Reinhardt.

Doch warum? Nun, der Wohnfachmarkt schwächele schon seit vielen Jahren, sei durch die beiden weiteren Standbeine des Unternehmens – das Lackierzentrum und den Malerbetrieb – quasi quersubventioniert worden. „Denn den anderen Betriebsteilen geht es sehr gut“, betont Reinhardt.

Vor rund zehn Jahren habe das Unternehmen bereits versucht, an einigen Stellschrauben zu drehen, um den Fachmarkt auf Vordermann zu bringen. „Wir haben ihn komplett auf links gedreht und modernisiert, um den Kunden auch ein hochwertigeres Sortiment in einem schöneren Ambiente zu bieten.“ Doch habe das nicht im erhofften Maß funktioniert, denn auch die Kostenseite sei durch mehr Personal entsprechend gestiegen.

Personal sei ohnehin ein Problem – nicht das vorhandene, wie Reinhardt betont, „im Gegenteil: Das ist ein Super-Team. Aber wir suchen schon seit Jahren beispielsweise für den Gardinenbereich eine Näherin, die auch im Verkauf arbeiten können“. Vergeblich.

Zusätzlich habe Corona in Verbindung mit dem Lockdown das Geschäft zusätzlich geschwächt. Denn: Während Baumärkte von Beginn an trotz des Lockdowns geöffnet bleiben durften, „wurde unser Ladengeschäft erst nach einigen Wochen als baumarkt-ähnlich eingestuft, sodass auch wir öffnen durften“, verdeutlicht Reinhardt. Dass der Fachmarkt habe öffnen dürfen sei prinzipiell zwar positiv gewesen, denn gerade während des Lockdowns hätten viele Menschen in die eigenen vier Wände investiert. „Doch kam die Öffnung für uns eigentlich zu spät. Denn dann hatte die Kundschaft nur noch die Baumärkte auf dem Schirm – und nicht uns“, sagt Reinhardt.

„Beratungsdiebstahl“ ist weiterhin ein Problem

Der Internethandel habe sein Übriges dazu getan. „Wir erleben es immer noch, dass Leute sich bei uns eine Tapete anschauen, um sie in Natura gesehen zu haben, sich dazu beraten lassen – und dann nicht wieder kommen, weil sie sie dann im Netz kaufen“, kommentiert Heiko Reinhardt. „Beratungsdiebstahl“ lautet das Stichwort in der Branche.

Ganz verschwinden soll der Fachmarkt jedoch nicht. „Wir wollen ein Beratungszentrum rund um das Thema Fußboden etablieren.“ Und auch für die Themen Insektenschutz, Plissee und Sonnenschutz wolle man die vorhandene Kompetenz des Mitarbeiters nutzen. Dazu lasse sich beispielsweise ein Teil des bisherigen Markts abtrennen, um dort den entsprechenden Raum zu schaffen.

Oder – falls jemand an der Nutzung der gesamten Immobilie interessiert ist – der Raum könnte auch am Stammsitz des Unternehmens im DAG-Gebiet entstehen.

Für die zweigeschossige Immobilie seien nämlich mehrere, ganz flexible Szenarien denkbar. „Wenn jemand kommt und sagt, er möchte die ganze Fläche haben, etwa um eine Arztpraxis einzurichten, dann ist das kein Problem.“

Flächen lassen sich ganz flexibel vermarkten

300 Quadratmeter stehen im Erdgeschoss zur Verfügung, weitere 180 im Obergeschoss. „Dort könnten theoretisch auch Wohnungen entstehen. Wir sind komplett flexibel. Es könnten auch mehrere kleine Läden entstehen.“ Wie geht es nun weiter? Im Mai und Juni soll der Ausverkauf stattfinden, dann wird geschlossen, um nicht nur den Beratungsraum aufzubauen, sondern auch vorhandene Aufträge abzuarbeiten.

Und was passiert mit den Mitarbeitern? „Inklusive Putzfrau haben wir dort acht Angestellte – und wir kündigen lediglich einer Person“, sagt Heiko Reinhardt. Der Rest wechsele entweder in einen anderen Unternehmenszweig oder gehe in Rente. „Diese soziale Komponente ist mir auch wichtig – dass dann nicht alle auf der Straße stehen.“

Von Andreas Schmidt