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Ostkreis Fahrt in die Freiheit
Landkreis Ostkreis Fahrt in die Freiheit
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19:22 23.02.2021
So viel Spaß wie Frieda Weimer (95) und Klara Böttner (86) freuen sich über ihre erste Rikscha-Fahrt mit Pflegedienstleiter Raphael Pietzsch.
So viel Spaß wie Frieda Weimer (95) und Klara Böttner (86) freuen sich über ihre erste Rikscha-Fahrt mit Pflegedienstleiter Raphael Pietzsch. Quelle: Nadine Weigel
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Kirchhain

Sie juchzen, winken, lachen. „Herrlich ist das, wunderbar“, ruft Klara Böttner. Die 86-Jährige blickt rüber zu ihrer Freundin Frieda Weimer. Tränen laufen der 95-Jährigen über ihr strahlendes Gesicht. Die Temperatur an diesem frühen Morgen in Kirchhain kriecht gerade etwas über die null Grad. Ist es nicht ein bisschen kalt? „Ach was“, wiegelt die 95-Jährige ab und wischt sich die Träne weg, „ich komme doch aus Ostpreußen, da war es viel kälter.“

Beide lachen wieder. Klara Böttner und Frieda Weimer sind glückliche Versuchskaninchen. Sie sind die ersten Bewohner im Haus Ullrich der Seniorenresidenz Römergärten, die eine Fahrt in der Rikscha wagen. Das Gefährt wurde der Kirchhainer Senioreneinrichtung vom Land Hessen zur Verfügung gestellt. Dick eingemummelt sitzen Frau Böttner und Frau Weimer in ihrer Fahrkabine und freuen sich, dass der „Chef höchstpersönlich sie fährt“, wie Klara Böttner scherzt. „Mal schauen, wie schnell er strampeln kann, aber nicht, dass wir bei 80 Sachen aus der Kurve fliegen“, sagt sie lachend.

Zufriedene Fahrgäste

Sie kann beruhigt sein. Pflegedienstleiter Raphael Pietzsch schafft keine 80 Sachen, obwohl die Rikscha einen Elektromotor hat. Mühelos, aber gemächlich tritt er in die Pedale und kutschiert die beiden rüstigen Damen über den Vorhof des Altenheims bis hin zum Rewe Parkplatz um die Ecke. Idyllisch ist das nicht, aber die beiden Freundinnen sind zufrieden. Jedes Mal, wenn sie am Eingang vorbeisausen, winken sie ihren Pflegerinnen zu, die ihnen lachend zurückwinken.

„Das ist so schön mit anzusehen, da fällt die ganze Anspannung ab“, freut sich Einrichtungsleiterin Katja Noll. Erst im November öffnete das Haus Ullrich seine Pforten. Mitten in der Corona-Pandemie. „Eine große Herausforderung“, erinnert sich die Chefin. Zwar ist die für 105 Bewohnerinnen und Bewohner ausgelegte Einrichtung gerade einmal mit 32 Menschen belegt, dennoch gab es einige wenige Corona-Fälle im Haus, die jedoch allesamt zum Glück glimpflich verlaufen sind.

Mittlerweile hat ein Großteil der Menschen im Haus Ullrich bereits die Corona-Impfungen erhalten. Auch Frau Weimer und Frau Böttner sind schon zwei Mal geimpft – und richtig froh darüber. „Ich hatte überhaupt keine Beschwerden danach, das war gar nicht schlimm“, erinnert sich Klara Böttner.

Mobilität für die Bewohner

Neben der Erleichterung über die Impfungen sollen die Bewohnerinnen und Bewohner aber nun noch eine andere Art der Freiheit wiedererlangen: die der Mobilität. Deshalb macht das Haus Ullrich auch mit bei der Aktion „Radfahren gemeinsam neu entdecken“, bei der das Land hessischen Kommunen und sozialen Einrichtungen E-Bikes und Lastenräder zum Testen zur Verfügung stellt.

Gerade in der Corona-Zeit, in der die Bewohnerinnen und Bewohner so lange ihre Kontakte einschränken mussten, sei die Rikscha „eine gute Möglichkeit, mal rauszukommen und etwas zu erleben“, so Noll.

Auch das Evangelische Altenzentrum Haus Elisabeth in Kirchhain wartet sehnsüchtig auf seine Rikscha, die wohl am 1. März geliefert wird und der Einrichtung dann kostenfrei bis Mitte Mai zur Verfügung stehen wird. „Wir freuen uns riesig, an der tollen Aktion teilnehmen zu können! So können wir unseren Bewohnerinnen und Bewohnern wertvolle Zeit schenken und eine Freude abseits vom Alltag bereiten“, so Björn Borgmann, Pflegerische Gesamtleitung im Haus Elisabeth.

Längere Tour bei höheren Temperaturen

Beide Kirchhainer Einrichtungen sind noch auf der Suche nach ehrenamtlichen Radfahrern, die Lust haben, Seniorinnen und Senioren in den Rikschas herumzufahren und ihnen nach langen Monaten mit pandemiebedingten Einschränkungen auf diesem (Rad-)Weg ein Stück Lebensqualität zu schenken.

Auch Klara Böttner und Frieda Weimer können es nicht erwarten, noch einmal eine Runde zu drehen in der Rikscha. „Wenn es ein bisschen wärmer ist, dann kann man auch schon mal eine längere Tour machen“, meint die 86-jährige Klara Böttner und drückt Einrichtungsleiterin Katja Noll die Hand, als diese den Abschnallgurt öffnet. „Das war auf jeden Fall wunderbar an der frischen Luft und der Chef ist auch wirklich sehr gut gefahren“, betont sie lachend. Langsam senkt sich automatisch das Fußbrett der Rikscha nach unten und die beiden Damen können das elektrobetriebene Gefährt wieder gegen ihre eigenen Flitzer – ihre Rollatoren – eintauschen.

Von Nadine Weigel