Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Exhibitionist auf Deutschland-Tour
Landkreis Ostkreis Exhibitionist auf Deutschland-Tour
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:09 23.01.2014
Von Marius Mayer
Ein Regionalexpress hält in Stadtallendorf. In einem solchen Zug war ein einschlägig vorbestrafter 41-jähriger Angeklagter exhibitionistisch vor einer Frau tätig geworden. Quelle: Matthias Mayer
Kirchhain

Nicht so der 42-jährige Angeklagte, der sich vor dem Kirchhainer Amtsgericht wegen Exhibitionismus‘ zu verantworten hatte. Dass der Mann zumindest kurzfristig keinen Zugang zu Wasser, Seife und Deo gehabt hatte, entging selbst den verschnupften Nasen im Gerichtssaal nicht. Gleichwohl sprühte der Angeklagte vor Lebensfreude. „Herr Richter Filmer, wie geht‘s“, grüßte er leutselig den Vorsitzenden wie einen alten Kumpel.

Und dann breitete er mit einem ungebremsten Mitteilungsbedürfnis, das fatal an die besten Zeiten des verstorbenen FDP-Politikers Jürgen Möllemann erinnerte, seine jüngste Vergangenheit und seine unmittelbare Zukunft vor dem Gericht aus.

Als gelte es, seine eigene Geburtstagsgesellschaft mit Schwänken aus seiner Jugendzeit zu unterhalten, reportierte der seit Oktober inhaftierte Mann über seine Haftzeit („läuft super, ich nehme meine Tabletten unter Aufsicht“), die soeben in Ingolstadt erfolgte Verurteilung zu einer viermonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung und die nach der Hauptverhandlung in Kirchhain noch anstehenden Prozesse, die ihn zu einer Art Handlungsreisenden in Sachen Exhibitionismus machen: Gerichtssäle in Wetzlar, Fürth, Hanau, Esslingen, Rottweil und Hann.Münden sind die nächsten Stationen seiner Deutschland-Tour.

Die Besucher im Saal hätten sich über diesen völlig überdrehten Angeklagte amüsieren können, wenn hinter diesem nicht ein ernsthaftes Krankheitsbild stehen würde. Seit vielen Jahren leidet der Angeklagte einer Manie, die ursächlich für die meisten seiner zahlreichen Straftaten sein dürfte. Allein bis 2002 sackte der Angeklagte 17 Vorstrafen ein, bis heute folgten elf weitere Verurteilungen. Und die Manie war offenkundig auch Auslöser der Straftat, wegen der er sich vor dem unter Vorsitz von Joachim Filmer tagenden Gericht in Kirchhain verantworten musste.

Angeklagter onanierte im Regionalexpress

Am 28. November 2012 hatte der Mann während einer Zugfahrt in einem Regionalexpress zwischen Neustadt und Stadtallendorf onaniert - vor den Augen einer ihm gegenübersitzenden Frau. Während eines manischen Schubes verliere er jedes Schamgefühl, mache irreale Dinge. So habe er einmal drei Monate lang Freunde freigehalten, deren Konsumwünsche befriedigte und so 80000 Euro auf den Kopf gehauen, erklärte der Angeklagte sein Verhalten und versicherte „ungefährlich“ zu sein. Die exhibitionistischen Gelüste überfielen ihn immer nur in Zügen. Warum? Das könne er sich nicht erklären.

Vor der jüngsten Straftaten-Welle hatte der 41-Jährige dank einer medikamentösen Behandlung seiner Krankheit eineinhalb Jahre straffrei gelebt. Dann setzte er die Tabletten ab, weil er nicht mehr mit den Potenzstörungen leben wollte, die von diesen Medikamenten verursacht werden. Prompt kam es zu den Rückfällen.

Ohne Medikamente: Rückfallgefahr

Diesen Zusammenhang skizzierte zumindest der behandelnde Arzt im Zeugenstand, der den Angeklagten sei 1999 kennt, ihn zeitweise in einer geschlossenen Psychiatrie-Abteilung stationär und später ambulant behandelte. Der Patient habe manische depressive Episoden und bedürfe einer ständigen medikamentösen Therapie. Das habe er seinem Patienten mehrfach sehr deutlich gesagt. Sexuelle Funktionsstörungen und der Wunsch, die Tabletten abzusetzen, seien für den Angeklagten ein stets wiederkehrendes Thema gewesen. Die angeklagten exhibitionistischen Handlungen stünden im Einklang mit der Diagnose einer manischen Enthemmung. Mit dieser gingen Unruhe, eine enorme Beredsamkeit und der große Drang, auch mal ziellos mit dem Zug durch die Gegend zu fahren, einher. Und jeder Zugfahrt setze ihn der Gefahr einer neuen Straftat aus. Ohne stetige Medikamenteneinnahme bestehe eine hohe Rückfallgefahr, sagte der Arzt, der seinem Patienten bescheinigte, im Zustand verminderter Schulfähigkeit gehandelt zu haben.

Oberamtsanwalt Reinhard Hormel beantragte eine Verurteilung wegen exhibitionistischer Handlungen, begangen im Zustand verminderter Schuldfähigkeit. Als Strafmaß fordere er eine siebenmonatige Freiheitsstrafe, die wegen des strafrechtlichen Vorlebens des Angeklagten nicht zur Bewährung ausgesetzt werden könne.

„Er ist nicht gefährlich, er ist lästig für die Allgemeinheit“, sagte Rechtsanwalt Thomas Strecker über seinen Mandanten. Dieser sei mit Blick auf seine Krankheit gefordert, mehr Einsicht zu zeigen. Da er im Zustand deutlich verminderter Schuldfähigkeit gehandelt habe, sei eine dreimonatige Freiheitsstrafe ausreichend.

„Krankheitsbedingt ewiger Wiederholungstäter“

Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen exhibitionistischer Handlungen im Zustand verminderter Schuldfähigkeit zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Das endgültige Strafmaß werde erst nach dem Abschluss der Verfahren und der Bildung einer Gesamtstrafe feststehen, erklärte Joachim Filmer. Der Richter bezeichnete den 41-Jährigen als „krankheitsbedingt ewigen Wiederholungstäter“, der keine Bagatelle-Delikte begehe. Die Folgen für die Oper könnten gravierend sein.

Als er längst nicht mehr dran war, fand der Angeklagte seine Sprache wieder und beklagte sich über das Strafmaß. „Ich dachte, in Bayern wird härter bestraft als in Hessen, mokierte er sich.

von Matthias Mayer