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15:59 01.03.2021
Yasmin Klumbies tritt für die SPD auf Platz sechs an.
Yasmin Klumbies tritt für die SPD auf Platz sechs an. Quelle: Privatfoto
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Neustadt

Immer wieder wird der Ruf laut, dass auch jüngere Menschen sich in der Politik engagieren und mehr Frauen in den Fraktionen oder Parteien vertreten sein sollten. Oft bleibt es jedoch bei der Forderung oder beim Wunsch. Die Realität sieht zumeist anders aus: Insbesondere in der Kommunalpolitik fehlt vielerorts der Nachwuchs – und die meisten Parteien freuen sich bereits, wenn sie eine Handvoll Frauen ins Rennen um Mandate schicken können.

Auch in Neustadt sind die Listen weit davon entfernt, paritätisch besetzt zu sein. Aber immerhin: Jede Fraktion hat mindestens eine junge Frau in ihren Reihen, die es in die Stadtverordnetenversammlung will. Wieso also trafen Emilia Mann (CDU), Yasmin Klumbies (SPD) und Merve Hamel (FWG) – allesamt Mütter, die alle Hände voll zu tun haben – die Entscheidungen, sich in die städtische Politik einzubringen? Und was wollen sie erreichen?

Yasmin Klumbies tritt für die SPD auf Platz sechs an. Quelle: Privatfoto

Ihr Interesse an der Politik sei immer schon groß gewesen, sagt Klumbies (29). Ein wichtiger Faktor, sich künftig auch engagieren zu wollen, sei die Geburt ihres inzwischen zwei Jahre alten Sohnes gewesen: „Der Blick in die Zukunft war auf einmal ein ganz anderer.“ Sie will also zum einen mitbestimmen, in was für einer Welt ihr Sohn aufwächst – was sie übrigens auch schon getan hat, da sie sich gemeinsam mit Hamel und der Elterninitiative für eine zweite Gruppe im Waldkindergarten Neustadt eingesetzt hatte.

Zum anderen möchte sie ihrem Sohn vorleben, dass man eben nicht nur aus dem Hintergrund kritisieren sollte: Wer mit Dingen nicht einverstanden sei oder etwas geändert haben möchte, der müsse eben auch bereit sein, sich einzusetzen. Und da sie über die Elterninitiative die Stadtverordnetenversammlung und deren Arbeit bereits kennengelernt habe, sei die Entscheidung einfach gewesen, wo sie dies tun möchte.

Merve Hamel geht auf Platz zwei der FWG ins Rennen. Quelle: Privatfoto

Hamel (30) – ihres Zeichens dreifache Mutter und von Anfang an Motor der Waldkindergarten-Initiative – erklärt indes, dass sie sich bei der Initiative für eine zweite Gruppe wie ein Bittsteller gefühlt habe, der betteln gehen musste. „Wenn ich also schon Zeit investiere, dann sollte ich das einfach dort tun, wo ich auch direkt etwas mitentscheiden kann“, sagt sie und ergänzt, dass sie auf kommunaler Ebene Einfluss auf die Stellschrauben habe. Außerdem könne sie „Sachen schlecht halb machen“. Will heißen: Nur Themen oder Anliegen anzusprechen, reicht ihr nicht: Sie möchte lieber aktiv mitbestimmen.

Emilia Mann tritt für die CDU auf Platz 10 an. Quelle: Privatfoto

„Dinge verändern macht Spaß“, sagt Mann (39) – die Mutter von zwei Söhnen (Lukas und Milan) ist. Das habe sie als Koordinatorin der Bürgerhilfe in Stadtallendorf gemerkt. Und weil sich von Begeisterung und Engagement auch andere Menschen anstecken ließen, wolle sie das nun eben auch auf politischer Ebene anstoßen. Ein Vorteil von Neustadt sei, dass der Draht ins Rathaus ein kurzer sei – was es erleichtere, Anliegen vorzubringen und Themen anzustoßen. Auch für Menschen, die sich nicht politisch engagieren: „Ich schätze die Arbeit mit der Stadt Neustadt sehr.“

Eigene Erfahrung einbringen

Sie möchte ihre Erfahrungen als Pflegefachkraft und -beraterin in das politische Leben Neustadts einbringen. Als Schwerpunkte ihres Engagements sieht sie die Seniorenpolitik: „Aber ich möchte mich auch für Familien und Frauen vor Ort einsetzen.“ Und für den Ausbau der Radwegeverbindungen. Ganz wichtig sei ihr zudem die Kooperation mit allen Vereinen vor Ort – insbesondere den sozial geprägten Initiativen wie dem Bürgerverein, dem bsj oder der Gemeinwesenarbeit, in der sie auch ehrenamtlich als Dolmetscherin aushilft.

Besonders am Herzen liege ihr, dass alle, die Hilfe benötigen, diese auch bekommen. Fun Fact am Rande: Mann kam erst 1990 aus Polen nach Deutschland und sprach kein Wort Deutsch außer „eins, zwei und Katze“, wie sie bekennt. Sie habe nie die Intention gehabt, vor vielen Menschen zu sprechen – was sich aber auch als Kommunalpolitikerin kaum verhindern lässt. Allerdings hat sie in diesem Bereich inzwischen auch ein kleines Bisschen Erfahrung gesammelt: Seit vielen Jahren ist sie Vorsitzende beim Frauenverein und sehr aktive Karnevalistin – und somit gewohnt, vor sehr vielen Menschen zu sprechen.

Klimaschutz

Hamel will sich insbesondere für den Klimaschutz einsetzen – sie steht auf Landkreis-Ebene auch auf der Klimaliste. Eine im Oktober 2020 veröffentlichte Studie von Fridays for Future habe sie wachgerüttelt: „Der Klimaschutz war, als ich aufwuchs, immer ein Thema.“ Es habe sich aber schlicht zu wenig bewegt und viele Punkte des Pariser Abkommens würden vernachlässigt oder gar übergangen – und auch Neustadt hinke beim Klimaschutz hinterher (auch wenn ansonsten viel passiere). Nun sei es aber an der Zeit, etwas zu verändern: „Ich werde die Auswirkungen auf das Klima und den Klimaschutz daher bei jedem Thema ansprechen und so viel einfordern, wie es geht.“

Ihrer Meinung nach habe allein schon ihr Wahlkampf Wirkung gezeigt, da sich auch die anderen Fraktionen nun vermehrt der Thematik annehmen würden, also nachgezogen seien. Als weiteres Thema hat sie sich die Unterstützung von Alleinerziehenden auf die Fahnen geschrieben – denen sie unter anderem die Möglichkeit der politischen Teilhabe bieten möchte. „Grundsätzlich habe ich viele Ideen für Neustadt“, sagt sie: „Viele Neustädter sehen viel weniger Potenzial in ihrer Stadt, als wirklich drinsteckt. Dabei sind sie eigentlich offen, man muss sie manchmal nur ermutigen.“ So sei auch der Slogan „Neustadt neu denken“ entstanden.

Klumbies: „Dinge des Herzens“

„Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Familie“, nennt Klumbies als ihre Themen und betont, dass diese allesamt „Dinge des Herzens“ seien. Auch sie sagt, dass gerade bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren zu wenig passiert sei. Entsprechend möchte sie sich engagieren, „bevor es zu spät ist“. Sie habe auch schon einige Ideen und Konzepte, wie sie die Themen den Menschen näherbringen möchte – insbesondere den Kindern, wie die Lehrerin für Haupt- und Realschule, die derzeit an der Grundschule in Mengsberg tätig ist, betont.

Gerade Kinder wolle sie begeistern, indem sie diese in Aktionen involviert, als sozusagen „mitnimmt“ und dadurch Interesse weckt wenn nicht gar sogar Identifikation erzeugt. Bei Erwachsen gelte es manchmal einfach nur, dieses ihrer Mündigkeit bewusst zu machen – also ihnen quasi zu zeigen, dass sie sich selber eine Meinung bilden und dann auch für Themen einsetzen können.

Die drei Frauen kennen sich

Die drei Neustädterinnen kennen sich natürlich bereits – kein Wunder bei einer Stadt der Größe Neustadts. Hamel und Klumbies setzten sich, wie erwähnt, gemeinsam für die zweite Waldkindergartengruppe ein. Sie und Klumbies hätten auf einem Flohmarkt ihre Stände nebeneinander aufgebaut und viel Spaß gehabt, berichtet Mann und ergänzt, dass einer ihrer Söhne bei Hamel in die Pfadfindergruppe geht.

Sie wolle auf jeden Fall die gute, fraktionsübergreifende Arbeit, die in Neustadt herrscht, fortsetzen, stellt Klumbies heraus. Nichtsdestotrotz spiele es trotzdem eine Rolle, für welche Fraktion man aktiv wird. Ihr hätten bei der SPD die Bestrebungen und Vorhaben zugesagt und sie sei sehr offen empfangen und direkt „auf Augenhöhe“ empfangen worden, berichtet die Speckswinklerin, die auf Platz sechs der Liste zur Kommunalwahl antritt, über die Entscheidung rund um ihre politische Heimat. Bei Hamel war der Fall schon einfacher: Es sei klar gewesen, dass sie nicht für eine der großen Parteien antreten will – und bei der FWG habe sie sich auf Anhieb willkommen gefühlt. Sie steht auf Listenplatz zwei.

„Mehr Frauen in der Politik“

Bei Mann liegt die Entscheidung über die politische Zugehörigkeit schon einige Jahre zurück: Sie hatte damals eine Reise mit der CDU Neustadt nach Berlin zum Bundestagsabgeordneten Stefan Heck gewonnen. Die Fahrt habe Spaß gemacht und sie sich gedacht: CDU – find’ ich gut. Vor zwei Jahren sei sie Mitglied geworden, nun wolle sie mitwirken. Sie steht auf Listenplatz zehn. „Ich stehe für mehr Frauen in der Politik. Man muss die Komfortzone verlassen und sich engagieren. Nur so kann man sich und Themen weiterentwickeln“, sagt sie – und spricht ihren Mitstreiterinnen quasi aus der Seele.

Hintergrund

Das Gleichberechtigungsreferat der Stadt Marburg rief im vergangenen Jahr das Mentoring-Programm „Frauen in die Politik“ ins Leben. Es war Teil des zweiten Aktionsplans für die EU-Charta. Dieser Aktionsplan umfasst zehn Schwerpunkte, einer davon ist die gleichberechtigte politische Beteiligung. Nicht nur in den Aufsichtsräten und Vorstandsetagen sind Frauen unterrepräsentiert, auch in der Politik sind noch immer zu wenig von ihnen engagiert. Und das liegt nicht an mangelndem Interesse, wie das Gleichberechtigungsreferat festgestellt hatte.
Auf dem Programm standen unter anderem eine Einführung in die Grundlagen der Kommunalverwaltung und -politik, Workshops, der Besuch von Stadtverordnetenversammlungen und vieles mehr. Die Teilnehmer bekamen einen Einblick in die Politik – und es resultierten auch Kandidaten für die Kommunalwahl aus dem Programm. Spontan erklärten einige Teilnehmerinnen, dass sie sich ein politisches Engagement vorstellen könnten. Andere erklärten, es sei zeitlich unmöglich, Familie, Job und Politik unter einen Hut zu bringen.

Von Florian Lerchbacher