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Ostkreis Auftakt mit Emotionen und erste Gewalt
Landkreis Ostkreis Auftakt mit Emotionen und erste Gewalt
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20:38 10.11.2020
Spezialkräfte laufen auf der Straße zwischen Niederklein und Lehrbach zum Einsatzgebiet an dutzenden Polizeiwagen vorbei. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Polizeibeamte wurden vereinzelt mit Steinen beworfen und mit Pyrotechnik beschossen. Verletzt wurde niemand. Als A-49-Gegner versuchten, Baumaschinen zu besetzen, kam es zum Schlagstockeinsatz. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurde, laut Polizei, eine Person leicht am Kopf verletzt. In Stadtallendorf wurde eine Frau vorläufig festgenommen, die ein Einsatzfahrzeug der Polizei mit einem Stein beworfen hatte. Bei ihr wurden die Personalien festgestellt.

Polizeieinsatz im Dannenröder Wald – Tag 1

Wann genau die eigentlichen Baumfällarbeiten beginnen, lassen die Polizei wie auch die Projektgesellschaft Deges offen. Kritik an dem Polizeieinsatz gab es gestern unter anderem von der Umweltschutzorganisation BUND, die eine Unterbrechung bis zu einer Entspannung der Corona-Krise fordert und keinen Zeitdruck sieht.

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Bis Ende Februar müssten sämtliche Baumfällarbeiten auf der A-49-Trasse abgeschlossen sein. Dann endet die Rodungssaison. Im Dannenröder Forst müssen rund 27 Hektar Bäume gefällt werden. Seit mehr als einem Jahr halten Umweltaktivisten Flächen auf der geplanten Trasse mittlerweile besetzt.

Extra aus Hagen angereist 

Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Tränen rollen ihr übers Gesicht. Monika Wöttke kann nicht fassen, was sie sieht. Hoch über ihrem Kopf in den Baumkronen hieven Spezialkräfte der Polizei einen vermummten Mann mit bemaltem Gesicht in eine Hebebühne. „Das ist doch Irrsinn! Die Leute, die das Klima schützen wollen und den Wald, die werden kriminalisiert, und den scheiß Rechten lässt man alles durchgehen“, bricht es unter Schluchzen aus ihr heraus.

Extra aus Hagen ist die Dame angereist, um sich mit den Waldbesetzern zu solidarisieren. Drei Wochen will sie bleiben, um den Kampf um den Wald zu unterstützen. „Klar, ich weiß ja auch, dass es für die Anwohner an der Bundesstraße nicht leicht ist, aber es gibt doch Alternativen zu dieser Autobahn, die weniger klimaschädlich wären“, sagt sie und wischt sich die Tränen weg.

Ja, es gab viele Emotionen gestern im Dannenröder Forst. Es war Tag X. So haben es Aktivisten auf ihren Social-Media-Kanälen gestern beschrieben und um Unterstützung gefleht: „Kommt in den Wald, um ihn zu beschützen“, hieß es da. Mehrere Hundertschaften der Polizei machten sich schon in der Morgendämmerung auf den Weg. Die Straße zwischen Niederklein und Lehrbach war komplett gesperrt. Von hier operierte ein Großteil der Einsatzkräfte. Wie bereits angekündigt, fokussierten sich Polizei und Projektgesellschaft Deges auf „vorbereitende Arbeiten“. Baumfällarbeiten gab es noch nicht. Wann der erste Dannenröder Baum fällt, wollte noch keiner benennen. Doch wenn es soweit ist, wird es wohl erst recht ernst im Wald.

Gestern fing der Tag mit Gewalt an, wie die Polizei morgens mitteilte. Beamte seien mit Steinen beworfen und Pyrotechnik beschossen worden, berichtet Polizeisprecherin Sylvia Frech im Gespräch mit der OP. Verletzt wurde dabei glücklicherweise niemand. Der Vorfall ereignete sich am Morgen im südlichen Teil des Dannenröder Forstes. Dort errichtet eine Baufirma eine Art „Logistikzentrum“, vor allem einen Platz für ihre Maschinen.

An dieser Stelle kam es auch zu einer Auseinandersetzung zwischen Waldbesetzern und Polizei am Mittag. A-49-Gegner hatten offenbar versucht, eine Baumaschine zu besetzen. Es sei ein Schlagstockeinsatz nötig gewesen, bestätigte ein Sprecher. Ein Autobahngegner wurde infolgedessen, laut Polizei, leicht am Kopf verletzt.

Die Beamten waren auf Auseinandersetzungen vorbereitet. „Wir gehen davon aus, dass wir nicht nur passiven Widerstand wie im Herrenwald erfahren, sondern auch aktiv angegriffen werden“, sagt Polizeisprecherin Sylvia Frech. Es seien Spezialkräfte und besondere Ausrüstung vor Ort gebracht worden, auch, um sich den Weg freimachen zu können.

Keine klare Distanzierung gegen Gewalt

Die Polizei schätzt, dass auf den Wegen im besetzten Forst rund 400 Barrikaden stehen, teilweise meterhoch und teilweise mit Beton im Boden verankert. Auch gestern hatte die Polizei im nördlichen Teil mit zahlreichen tiefen Löchern in Wegen zu kämpfen, die mit einem Bagger wieder aufgefüllt werden mussten.

Beim Versuch, Wirtschaftswege im Dannenröder Wald herzurichten, hatte es schon im Frühherbst erheblichen Widerstand von Autobahngegnern gegeben. Aktivisten hatten sich auch gestern zum Teil unter Barrikaden gelegt. Sie wurden dort auch liegengelassen, weil sie für die gestrigen Arbeiten nicht im Weg waren. Lediglich eine Handvoll Aktivisten, die sich in Baumhäusern und auf Tripods verschanzt hatten, wurden von Polizeikletterern und mit Hilfe von Hebebühnen auf den Boden zurückgeholt.

Begleitet wurden diese Arbeiten von Trommelgruppen und unter lautstarken „Danni bleibt“ und „Wald statt Asphalt“-Rufen. Die Bodenstrukturen im Camp „Drüben“ – im nördlichen Dannenröder Forst – wurden unter lautstarkem Protest abgebaut. Laut Aktivisten-Sprecherin Lola Löwenzahn bestehe dieses Baumhausdorf seit mehr als einem Jahr. Deshalb hätten dessen Bewohner eine sehr emotionale Bindung zum Wald, und zu sehen, wie ihre Küche, ihre Schlafstätte, ihr Zuhause zerstört werde, schmerze deshalb sehr.

„Das ist ein Angriff auf unsere Utopie – auf unsere Art des Zusammenlebens“, sagt Löwenzahn im Gespräch mit der OP. Deshalb sei es auch legitim, den Wald mit „verschiedenen Protestformen“ zu verteidigen. Dazu zähle für manchen individuellen Bewohner eben auch Gewalt, räumte die Sprecherin auf Nachfrage ein. Eine andere Sprecherin betonte: „Eines können wir versprechen: Ihr werdet euch an dieser Räumung die Zähne ausbeißen.“

Laut der Projektgesellschaft Deges geht es in den nächsten Tagen im Forst vor allem darum, Wirtschaftswege für schwere Maschinen wie zum Beispiel Harvester zu befestigen. Etwa 2,5 Kilometer Weg müssen dafür mit Schotter hergerichtet werden. Deges ist für die Bauvorbereitung für die A 49 verantwortlich und handelt im Auftrag des Landes Hessen. Das wiederum ist vom Bund beauftragt.

Hintergrund

Die Besetzung von Teilen des Dannenröder Waldes begann Ende September vergangenen Jahres mit gerade einmal drei Baumhäusern. „Quidditch Field 2“ hieß jenes erste Camp. Unterstützung kam aus einem Quartier in einem Bauwagen in den ersten Wochen. Die Zahl der Baumhäuser wie auch der Unterstützer wuchs innerhalb weniger Wochen. Inzwischen gibt es mehr als 100 teils massive Baumhäuser, Plattformen und Zelte im Wald mit einer unbekannten Zahl Bewohner aus dem In- und Ausland. Die Polizei ging am Montag von elf bewohnten Camps aus.

Im Kern geht es bei dem Konflikt um eine Fläche von 27 Hektar Wald, die gefällt werden sollen. Der Dannenröder Forst hat einen Umfang von mehr als 1 000 Hektar. Allerdings wird die Trasse der A 49 den Forst durchschneiden. Insgesamt geht es um rund 85 Hektar Bäume, die auf der Trasse gefällt wurden oder werden. Die Teilstücke im Herrenwald (rund 49 Hektar) und im Maulbacher Wald (3,5 Hektar) sind bis auf kleinere Restflächen erledigt.

Von Nadine Weigel und Michael Rinde