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Ostkreis Erst Back-Stopp, dann Neustart
Landkreis Ostkreis Erst Back-Stopp, dann Neustart
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17:58 21.02.2020
So wie auf diesem gestellten Foto soll es ab Ende der Woche vielleicht wieder sein: Dann kann Frank Bubenheim in seiner Backstube die Produktion wieder aufnehmen. Quelle: Andreas Schmidt
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Wohra

Bäckermeister Frank Bubenheim sitzt an seinem Esstisch. Seine Hände sind in Bewegung. Jedoch kneten sie diesmal nicht Brot- oder Brötchenteig, sondern einander. Denn: Seit Freitag wird in seiner Backstube nicht mehr produziert, sämtliche Filialen in Wohratal, Kirchhain und Stadtallendorf – insgesamt sechs an der Zahl – sind geschlossen.
Was ist passiert?

Die Antwort auf diese Frage bewegt den 55-Jährigen sichtlich, denn sie fußt auf einer Tragödie. „Das ­Veterinäramt hat die Backstube geschlossen“, gibt Bubenheim zu. Denn die Kontrolleure hätten in einem Teil der Backstube Mäusekot gefunden. Doch das ist nur der Schlusspunkt, der auf eine Reihe teils tragischer ­Begebenheiten zurückzuführen ist. Denn, das versichert Frank Bubenheim: „Hygiene ist uns extrem wichtig, und unsere Produkte waren auch in Ordnung.“

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Büroarbeit alleine erledigt

Doch warum dann die Schließung? „Dazu muss ich ausholen“, erläutert der Bäckermeister. 2016 sei seine Frau zunächst schwer erkrankt und dann recht schnell verstorben. Die hatte sich jedoch um das Büro des Betriebs gekümmert. Der Bäckermeister verarbeitete seine Trauer, fand jedoch niemanden, der die Bürokratie ordentlich im Griff hatte. „Also musste ich mich selbst kümmern“, erzählt er im OP-Gespräch.

Was sich so einfach anhört, bedeutet im Alltag: Spätabends in die Backstube, dort bis in die frühen Morgenstunden hart arbeiten, einige Stunden schlafen – „und dann den Papierkram erledigen“, so der Bäcker. Gut 70 Stunden verbrachte Bubenheim so mit Arbeit – also fast doppelt so lang wie ein normaler Angestellter.

Doch es kam ein weiterer Schlag hinzu: Ein Mitarbeiter der Backstube erkrankte ebenso wie eine Fahrerin, die mit einem der Bäckerei-Mobile unterwegs war. „Der Mann war für die Kuchen und Torten zuständig“, sagt Bubenheim – für die Cafés, die der Bäcker betreibt, also unerlässlich. Und da der Markt quasi leergefegt ist, fand der Bäcker auch hier keinen Ersatz.

Es kamen noch weitere Vorfälle hinzu: In der Backstube fiel ein Ofen aus, der Froster ging kaputt „und eines der Bäcker-Mobile hatte einen Getriebe­schaden“, fasst der Bäcker zusammen. „Es gab in diesem Jahr bisher keinen Tag, an dem es nicht irgendeine Katastrophe gab.“ Er versuchte alles zu kompensieren, schuftete „gefühlt rund um die Uhr“. Ein Lichtblick: Seine Putzfrau interessierte sich stark für das Thema Kuchen, „also habe ich ihr viele Dinge gezeigt, sodass sie mir in der Backstube helfen konnte“, sagt der Bäckermeister.

Zwei Filialen 
werden geschlossen

Doch genau das stellte sich im Nachhinein als Fehler heraus, denn: Die Zeit, die die Frau als Aushilfskraft arbeitete, ­fehlte letztlich zum Putzen – sodass es während der Kontrolle des Veterinäramts am Freitag zum ­Mäusekot-Fund kam.
„Mein erster Gedanke war, ­alles hinzuschmeißen, denn einen Job als angestellter Bäcker finde ich bestimmt“, sagt Bubenheim.

Doch dann habe er zwei Nächte drüber geschlafen – und ausgebremst vom verordneten Back-Stopp Zeit gefunden, über die Situation nachzudenken. Mit dem Ergebnis, je eine Filiale in Kirchhain und in Stadtallendorf zu schließen, um so sein Arbeitspensum zu reduzieren. Im Büro arbeitet seine neue Lebensgefährtin mit, und der Kammerjäger war in der Backstube auch schon zugange.

Doch es gab noch mehr, was zu der Entscheidung beigetragen hat: „Mich haben in den vergangenen Tagen bestimmt 150 Leute angerufen, um zu erfahren, was los ist“, erzählt er. Zudem trage er Verantwortung für mehr als 30 Angestellte, „von denen einige schon seit 20 Jahren hier arbeiten“. Und die stehen hinter „ihrer“ Firma, denn: „Heute waren um die 20 Mitarbeiter hier, um beim Putzen der Backstube mit anzupacken. Das war schon überwältigend.“
Und: Die Solidarität im Ostkreis insgesamt ist groß. Im Parlament in Wohra war die – vorübergehende – Schließung Thema, in verschiedenen Facebook-Gruppen wird das Logo der 
 Bäckerei gepostet und zur Solidarität und Hilfe aufgerufen.

Wann kann Bubenheim also wieder backen? „Wenn das Veterinäramt kommt und feststellt, dass wir die Mängel beseitigt haben“, fasst der Bäckermeister zusammen. Das könne noch in dieser Woche geschehen.
Für den 55-Jährigen ist klar, dass die Schließung „ein Warnschuss zur richtigen Zeit“ gewesen sei. Er versichert, aus dem Fehler gelernt zu haben – und blickt nun positiv nach vorne.

von Andreas Schmidt     

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