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Ostkreis Die Stimmbänder bleiben in Form
Landkreis Ostkreis Die Stimmbänder bleiben in Form
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16:00 10.06.2021
Lea (von links, 6 Jahre), Ida (5 Jahre) und Marie (7 Jahre) proben virtuell gemeinsam mit Chorleiterin Jessica Harris.
Lea (von links, 6 Jahre), Ida (5 Jahre) und Marie (7 Jahre) proben virtuell gemeinsam mit Chorleiterin Jessica Harris. Quelle: Thorsten Richter
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Erksdorf

Auf einem Baum, da saß ein Kuuuckuck ... so beginnt ein Kinderlied. Vielen ist der Refrain mit dem Zungenbrecher „Simsalabimmbammbasaladusalabim“ bestimmt noch geläufiger. 15 ganz jungen Sängern vom Kinderchor Erksdorf geht das ganze Lied leicht über die Lippen. So ist es online zu hören. Jessica Harris, die langjährige Chorleiterin, strahlt in den Bildschirm ihres Tabletcomputers. Sie freut sich an diesem Freitagnachmittag, ein Kind nach langer Pause mal wiederzusehen. „Wie schön, dass Du wieder da bist“, ruft sie ihm zu. Und bekommt von dort ein strahlendes, fast verlegenes Lächeln zurück.

Singen ist in der Pandemie mehr als ein Problem. Es birgt große Risiken, was es Chören beinahe unmöglich macht, zu proben. Aber eben nur beinahe. Der Kinder-, der Maxi- und der Jugendchor des MGC Erksdorf probt online. Dank des Übertragungsdienstes „Zoom“ sehen sich Kinder, Jugendliche und Chorleiterin Harris einmal in der Woche am späten Nachmittag zumindest virtuell. Jan Fisbeck hat die Technik im Hintergrund übernommen. Er schaltet die Mikrofone der Teilnehmer zum Beispiel stumm, hilft virtuell bei Fragen. Fisbeck gehört zu einem siebenköpfigen Team, das sich beim MGC um den Nachwuchs kümmert. Seit einigen Monaten läuft der virtuelle Probenbetrieb. Wobei natürlich die Onlineprobe eine klassische Chorprobe nicht ersetzt.

Proben sind ungezwungen und fröhlich

Beim Kinderchor geht es an jenem Freitag, als die OP online dabei ist, sehr ungezwungen und fröhlich zu. Hinter den Onlineproben steckt zuallererst das Ziel, dass sich die Kinder auch mal sehen können. Das kommt sichtbar gut an, da wird sich via „Zoom“ herzlich gegrüßt. Aber es fehlt auch nicht an Ernsthaftigkeit. Jessica Harris fragt in die Runde an den Bildschirmen nach Freiwilligen. Wer will stellvertretend mit ihr mal die Tonleiter durchgehen? Marie erklärt sich bereit. „Viel höher geht es nicht“, lobt Harris am Ende.

Ein wichtiges Ziel der Chorproben via Laptop, Tablet oder PC: Das Repertoire der Chöre lebendig halten. An diesem Nachmittag gibt es ein kleines Wunschkonzert. Jetzt entscheiden vor allem die Kleinen, was sie anstimmen möchten. Ihre Chorleiterin greift zur Gitarre. „Heut ist so ein schöner Tag“, hallt es durch den Äther.

Die virtuelle Probe hält nicht nur das Textgedächtnis der jungen Sänger auf Trab. Es geht auch um die Werkzeuge, die bewegt werden müssen. „Als ich das erste Mal nach langer Zeit wieder gesungen habe, da habe ich meine Gesichtsmuskeln danach gespürt“, bekennt Jan Fisbeck. Stimmbänder und Muskulatur brauchen die regelmäßige Probe. Die Kinder freut es.

Am Ende folgt das Schlussritual bei den Kindern. So, wie bei der Chorprobe bis zur Pandemie eben üblich. „Für heute ist jetzt Schluss, auf Wiedersehen und Tschüss...“, hallt es aus dem Lautsprecher.

Auf die Kleinen folgt die Jugend

Es folgt nach kurzer Pause die Probe beim Jugendchor. Und da ist der Altersunterschied natürlich schnell sichtbar. Das Liedgut ist anspruchsvoller. Jetzt geht es nicht um den totgeschossenen Kuckuck und den Jägersmann, sondern eben um Klassiker von John Denver und John Lennon zum Beispiel. Doch zunächst singen die Jugendlichen „Wire to wire“. Wieder gibt es auch ein Solo und dieses Mal auch eine Einzelkritik von der Gesangsexpertin. „Hör noch mal auf den Ton. Die Höhe stimme nicht“, sagt Harris. Ein Mädchen bekommt auch ein persönliches Feedback nach dem Auftritt auf der „Zoom“-Bühne. „Wenn wir uns wiedersehen, dann bist Du nicht mehr in der zweiten Stimme...“ Wenige Minuten später geht es gemeinsam um Gesangstechnik. Darum, von der Brust- in die Kopfstimme zu wechseln. Die Jugendlichen lassen sich auf eigenen Wunsch auf „Imagine“ ein. Jessica Harris informiert über den Inhalt des Songs, es gehe vor allem um Gleichheit.

Jan Fisbeck ist sehr zufrieden mit dem Ablauf und den Ergebnissen der Online-Chorproben. Entscheidend sei neben dem Spaß für die Kinder und Jugendlichen, dass die Chöre singfähig blieben. „Ich glaube, das schaffen wir“, freut er sich.

Noch etwas ist bemerkenswert: Während andere Chöre damit zu kämpfen haben, dass ihnen in der Zwangspause Mitglieder abhanden kommen, haben Kinder-, Maxi- und Jugendchor Zuwachs bekommen. „Sie haben sich alles online angeschaut und wollen jetzt dabei bleiben“, freut sich Fisbeck. Drei Neuanmeldungen gibt es.

Von Michael Rinde