Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Erinnerung an nicht gelebtes Leben
Landkreis Ostkreis Erinnerung an nicht gelebtes Leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:58 24.10.2020
Hans Schohl aus Anzefahr hat das neue Denkmal für den Neustädter Rathausmarkt entworfen. Quelle: Katja Peters
Anzeige
Anzefahr

In Japan, vor allem in Kobe, ist Hans Schohl ein Star-Künstler. Regelmäßig stellt er bei der dortigen Biennale aus, einige seiner Skulpturen haben sowohl die Stadt als auch Unternehmer angekauft. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt „Auf den Schultern der anderen“ zusammen mit ihm und vielen Kindern mit und ohne Behinderung umgesetzt. Sie entwarfen in einem Workshop unter dem Motto „Auf den Schultern der anderen“ Tierfiguren, die nun riesengroß aus Stahl an der Fassade des Tokiwa Lake Museums in Ube hängen.

Ähnlich soll die Skulptur vor der neuen Stadthalle in Neustadt entstehen. „Das steckt aber noch in den Kinderschuhen“, sagt Hans Schohl. Die mehrteilige Skulptur rund um eine Sage über den Junker Hans soll mithilfe von Kindern entworfen werden. „Allerdings konnten die dafür notwendigen Workshops aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden“, erklärt der Künstler aus Anzefahr. „Wir müssen warten, bis die Zeiten anders sind“, ergänzt er noch. Bürgermeister Thomas Groll freut sich schon auf die vielen Ideen: „Mir war wichtig, kein Kunstwerk von der Stange zu erhalten, sondern etwas mit Neustadt-Bezug, mitgestaltet von denen, die das Kultur- und Bürgerzentrum zukünftig nutzen – Kinder, wegen des Familienzentrums, und Menschen mit Handicap, da die Hephata ihr Büro dort beziehen wird.“

Anzeige

Bank der Erinnerung vor dem Rathaus

Schon fast fertig und in einem ähnlichen Prozess entstanden, ist das Denkmal, das vor dem Neustädter Rathaus aufgestellt werden soll. Dabei war immer das Ziel, eine würdige Form des Gedenkens an die ermordeten Neustädter Juden zu finden, kein „Zeigefinger- oder Schlussstrichmahnmal“. Bei einem Treffen mit städtischen Vertretern, Fraktionsvorsitzenden und Mitgliedern der jüdischen Gemeinde war vor etwa zwei Jahren die Idee der „Erinnerungsbank mit einem Lesepult“ geboren. Alle hatten sich im Atelier von Hans Schohl getroffen. „Das war ein ganz tolles Gespräch“, erinnert er sich.

Die Bank soll ein Ort des Verweilens, des Aufenthalts und des Gesprächs schaffen. Auf dem geschwungenen Lesepult aus Metall soll ein Buch mit acht Seiten zum Umblättern liegen, aus bedruckten Aluminiumplatten. „Wir möchten imaginierte Lebenswege von Juden aus Neustadt erzählen. Wie wäre deren Leben verlaufen, wenn sie nicht verschleppt und umgebracht worden wären?“, erklärt Hans Schohl, der bereits den möglichen Lebensweg von Hans Lilienfeld verfasst hat. Der wurde am 10. April 1930 in Neustadt geboren und wuchs in der Hindenburgstraße 7 auf. Er starb mit 14 Jahren im Konzentrationslager in Auschwitz. „Aber mein Hans Lilienfeld zieht nach der Befreiung nach Kaiserslautern, arbeitet als Einzelhandelskaufmann, liebt Kochsendungen und ist Fußball-Fan. Er erlebt 1954 die Weltmeisterschaft am ersten eigenen Grundig-Fernseher und kauft sich mit 40 Jahren sein erstes eigenes Auto – einen VW Käfer. Nach dem Tod seiner Frau Charlotte kehrt er im Jahr 2000 zurück nach Neustadt und feiert nächstes Jahr seinen 91. Geburtstag.“ So hätte es passieren können.

Jeder kann sich Lebensläufe ausdenken

Vereine, Schulklassen, aber auch Einzelpersonen sollen sich nun weitere Lebensläufe ausdenken. Nicht für Hans Lilienfeld, aber für die vielen anderen ehemaligen jüdischen Mitmenschen aus Neustadt. „Über diese Geschichten soll dann Geschichte vermittelt werden“, sieht Hans Schohl das Gesamtwerk nicht nur als Denkmal, sondern auch als Wissensvermittler. Eigentlich sollte es im kommenden Monat fertig sein. Aber das Biegen des Metalls erwies sich als komplizierter als vorher gedacht. Derzeit wird die geschwungene Ecke in Magdeburg in Einzelteilen hergestellt. Nächster geplanter Einweihungstermin ist Ende Januar 2021, am Holocaust-Gedenktag. „Für mich symbolisiert das lang geschwungene Pult eine Art Band der Erinnerung. Wir müssen uns an die Vergangenheit erinnern, um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen“, sagt Bürgermeister Thomas Groll. An der einen Seite der Bank soll eine Platte angebracht werden. Darauf werden folgende Worte von Immanuel Kant stehen: „Der Mensch hat keinen Preis. Der Mensch hat Würde.“

Von Katja Peters