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Ostkreis Weit mehr als nur ein Aufhübschen
Landkreis Ostkreis Weit mehr als nur ein Aufhübschen
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10:59 10.10.2021
Jede Menge Eigenleistung war nötig, damit Erfurtshausen über einen außergewöhnlichen Spielplatz verfügt.
Jede Menge Eigenleistung war nötig, damit Erfurtshausen über einen außergewöhnlichen Spielplatz verfügt. Quelle: Florian Lerchbacher
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Erfurtshausen

„Eigentlich wollten wir das Dorf nur hübsch machen“, erinnert sich Dr. Annette Schick zurück an das Jahr 2010, als Erfurtshausen in die Dorferneuerung aufgenommen wurde. Das ist an vielen Stellen auch gelungen, doch heute weiß die Vorsitzende des Arbeitskreises Dorferneuerung, dass hinter der Teilnahme an solch einem Förderprogramm viel mehr steckt: „Es ist ein wichtiger Prozess, der einem Dorf guttut, der die Gemeinschaft belebt beziehungsweise wiederbelebt.“ Vor elf Jahren habe niemand daran gedacht, dass das marode Backhaus plötzlich ein moderner und doch traditioneller Dorfmittelpunkt werden könnte. Das Projekt spukte zwar in so manchen Hinterkopf umher, doch eigentlich wollte sich niemand wirklich herantrauen. Im Laufe der Jahre kam es jedoch zu einem Umdenken, ein Konzept entstand, die Idee entwickelte sich – und am Ende warfen die Erfurtshäuserinnen und Erfurtshäuser all ihre Pläne über den Haufen, gingen das Backhaus an und verfügen nun über ein, so Schick, „Begegnungszentrum“ (die OP berichtete ausführlich).

Für das größte Projekt waren Kürzungen und sogar Streichungen an anderen Stellen nötig. Einzig am Spielplatz „Im Weimer“ wurde nicht gespart, stellt Schick heraus – dafür aber verhandelt.

Die Spielgeräte hatte ein renommierter Spielplatzentwickler entworfen, der weltweit und eigentlich eher in Metropolen tätig ist und Anlagen baut. Doch dann kam Erfurtshausen, traditionell ein Dorf der Eigenleistung, ließ sich die Geräte einfach als Bausätze liefern, und die Bürgerinnen und Bürger übernahmen den Aufbau. „Mit ehrenamtlichen Engagement lässt sich Geld sparen, das an anderen Stellen zum Einsatz kommen kann, und so lässt sich eben auch mehr umsetzen“, sagt Schick mit verschmitztem Lächeln.

Beim ehemaligen Friedhof mussten dann aber doch Abstriche gemacht werden. Eigentlich sollte dort ein Rundweg mit Infos rund ums Dorf entstehen. Doch nach den Einsparungen waren nur noch ein Landschaftsfenster und eine Bouleanlage umsetzbar. Außerdem bauten sich die Erfurtshäuserinnen und Erfurtshäuser am Backhaus eine Halle, in der Vereine ihre Ausrüstung lagern können, gestalteten das Wartehäuschen an der Bushaltestelle neu und ließen Bildstöcke und Wegkreuze sanieren. „Sanieren – nicht reparieren“, hebt Schick noch einmal hervor und verweist auf Worte des Restaurators: Wenn beispielsweise an einer Ecke Stein fehle, dann wurde dieser bewusst nicht ersetzt: Dies seien Gebrauchsspuren. Dafür habe er aber auch „Fehlsanierungen“ behoben: Es seien früher teilweise falsche Nägel genutzt worden, die – für den Laien nicht sichtbare – Schäden angerichtet hätten.

Auch private Bauprojekte wurden gefördert

Neu gestaltet wurde auch der Kirchplatz, auf dem zwar eine Mauer gebaut wurde, die nie geplant war und auch eher wie ein ungewollter Abschluss wirkt. Viel wichtiger ist Schick jedoch, dass dort auch historisches Pflaster zum Einsatz kam – das sei zwar schwer zu begehen, aber deswegen auch dort genutzt worden, wo kaum jemand darübergehen muss. Ebenfalls am Herzen liegt der Vorsitzenden des Arbeitskreises, dass sich auf den gepflasterten Plätzen wiederkehrende Gestaltungselemente finden, als auch vor dem Bürgerhaus: „Das ist wie ein roter Faden.“

Auch an Eigenheimen sei so einiges passiert, berichtet Schick und zählt einige private Bauprojekte auf, die über die Dorferneuerung gefördert und dadurch teilweise so überhaupt erst möglich wurden: Ein Haus erstrahlt beispielsweise in neuem Glanz und hat nun einen Balkon, bei einem anderen wurde eine Scheune zurückgebaut und durch einen Garten ersetzt.

Ein Punkt, den die Erfurtshäuserinnen und Erfurtshäuser noch nicht umgesetzt haben, ist das Thema „Älter werden im Dorf“. Das Amt für Regionalmanagement hatte die Dorferneuerung begleitet und den Punkt im ursprünglichen Konzept festhalten lassen – und im Laufe der vergangenen elf Jahre sei immer deutlicher geworden, wie wichtig er sei, so Schick. „Klassische Großfamilien“ lebten kaum noch im Dorf und viele Häuser würden auch nur noch von einer oder zwei Personen bewohnt, insofern werde noch immer mit dem Gedanken des Mehrgenerationenwohnens gespielt.

Ein Ansatz, den auch Bürgermeister Michael Plettenberg gut findet und darauf verweist, dass quasi mit dem Ende der Dorferneuerung in Erfurtshausen die Großgemeinde Amöneburg in die Dorfentwicklung – also quasi die überarbeitete Dorferneuerung – eintritt. Allerdings, so wirft er ein, war er Anhänger des alten Förderkonzeptes. In diesem Zusammenhang spricht er ein Thema an, das auch schon die Stadtverordneten umtrieb: das Ausweisen eines Baugebietes. Erfurtshausen brauche ein solches Gebiet, da es viele Bauwillige gebe – in der Dorfentwicklung heißt das Credo jedoch „Innen- vor Außenentwicklung“. Wie es weitergeht, steht daher noch nicht fest.

582 000 Euro flossen dank Dorferneuerung

Rund 582 000 Euro flossen während der Dorferneuerung nach Erfurtshausen – 312 000 Euro davon als Fördermittel. Und weil der Heimat- und Verschönerungsverein, der die Trägerschaft über das Backhaus übernahm, 25 000 Euro beisteuerte, wurde auch der einst von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Kostenrahmen von 570 000 Euro nicht über- sondern sogar unterschritten. „Darauf kann man stolz sein“, freut sich Plettenberg und stellt heraus, dass noch ein weiteres zukunftsweisendes Projekt durch die Dorferneuerung beziehungsweise eine Machbarkeitsstudie auf den Weg gebracht wurde: das Bioenergiedorf Erfurtshausen.

Insgesamt sei die Dorferneuerung ein voller Erfolg gewesen. Die Menschen hätten gezeigt, dass sie flexibel sind, sich der Entwicklung anpassen können und so nicht gebetsmühlenartig ihr einst entwickeltes Konzept abgearbeitet hätten. Der Wechsel von den ursprünglichen Plänen hin zum Backhaus-Projekt habe an mancher Stelle wehgetan, aber sich voll und ganz gelohnt, resümiert auch Schick – die großes Lob von Plettenberg für ihren Einsatz als Arbeitskreis-Vorsitzende erhält: „Sie hat das großartig gemacht.“

Am Sonntag feiert Erfurtshausen den Abschluss der Dorferneuerung, die eigentlich schon 2019 endete – coronabedingt verspätet und in kleinem Rahmen. Treffpunkt ist um 11 Uhr „Im Weimer“ am Bildstock. Dann geht es zu den umgesetzten Projekten, ehe um 12.15 Uhr am Bürgerhaus Gruß- und Schlussworte gesprochen sowie Bratwurst, Kaffee und Kuchen gereicht werden. Im Laufe der nächsten Tage soll jeder Haushalt im Dorf eine Abschlussbroschüre erhalten.

Von Florian Lerchbacher

09.10.2021
09.10.2021