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Ostkreis Von Gräbern und Schriftstücken
Landkreis Ostkreis Von Gräbern und Schriftstücken
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16:58 10.08.2021
Stiller Protest: Claudia Wilhelm erinnert auch nach dem Abräumen des Grabfeldes mit Blumen und persönlichen Gegenständen an ihren 1984 verstorbenen Vater.
Stiller Protest: Claudia Wilhelm erinnert auch nach dem Abräumen des Grabfeldes mit Blumen und persönlichen Gegenständen an ihren 1984 verstorbenen Vater. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Erfurtshausen

Auf einem jüngst eingeebneten Grabfeld des Erfurtshäuser Friedhofs stehen Blumen, ein Grablicht und ein kleiner Engel. Hingestellt hat diese Gegenstände Claudia Wilhelm – als stillen Protest und als Erinnerung an ihren Vater. Verstorben war er im Jahr 1984, als sie Anfang 20 war. „Ich hatte eine sehr emotionale Bindung zu dem Grab“, sagt die ehemalige Erfurtshäuserin, die inzwischen in Ober-Ofleiden wohnt – und erklärt so, warum sie mehrere Jahre mit der Stadt gerungen hatte. Allerdings vergeblich.

Im Jahr 2018 habe sie eine Nachricht von der Stadt erhalten, dass das Grabfeld eingeebnet werden soll, berichtet sie. Daraufhin sei sie ins Rathaus zur Friedhofsverwaltung gegangen und habe nach einer Verlängerung der eigentlich auf 30 Jahre festgelegten Liegezeit gefragt – die seit einigen Jahren im Stadtgebiet möglich ist, allerdings, wie Bürgermeister Michael Plettenberg auf OP-Anfrage betont, auch abgelehnt werden kann, „wenn Hinderungsgründe“ vorliegen.

Sie habe die Auskunft erhalten, dass die Grabfelder aufgrund der beengten Verhältnisse auf dem Friedhof benötigt würden – und habe daraufhin einen Antrag auf Umbettung gestellt, da auch ihre Mutter in Erfurtshausen begraben liegt und sie die Eltern sozusagen wieder zusammenführen wollte, sagt Wilhelm. Daraufhin sei aus dem Rathaus ein „sehr unpersönliches Schreiben“ mit einer Ablehnung gekommen, „weil keine ausreichenden Gründe vorlägen“, berichtet Wilhelm. „Maßgeblich sind dafür die Regelungen der Friedhofsordnung“, sagt Plettenberg.

Die Ober-Ofleidenerin legte Widerspruch ein – von dessen Eingang die Stadt zunächst nichts habe wissen wollen. Letztendlich kam es zu einem Termin beim Anhörungsausschuss in Widerspruchsangelegenheiten beim Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Der Mitarbeiter des Kreises habe ihr gesagt, dass sie eigentlich „keine Chance“ habe – aber gleichzeitig auch an die Stadt appelliert, die Umbettung doch einfach zuzulassen, da sie sich schließlich um alles kümmern und auch alle Kosten tragen würde. Doch von der Stadt sei in der Folge wieder ein Nein gekommen. „Wir haben beim Hessischen Städte- und Gemeindebund extra ein Rechtsgutachten eingeholt“, erklärt Plettenberg. Der Magistrat habe letztendlich beschlossen, „dem Widerspruch nicht abzuhelfen, da keinerlei Rechtswidrigkeit des ablehnenden Bescheides erkennbar gewesen ist“.

Nach Rücksprache mit ihrem Anwalt habe sie aufgegeben, erinnert sich Wilhelm. Im Frühling dieses Jahres sei dann die Nachricht gekommen, dass das Grabfeld nun ebenso wie das benachbarte Feld eingeebnet werde – bis auf ein Grab, wie sie später feststellte. Sie habe also erneut bei der Stadt angerufen und nachgefragt, warum ein Grab bleiben durfte, während das ihres Vaters entfernt wurde. „Mir wurde gesagt, dass man mir dies aus Datenschutzgründen nicht mitteilen könne. Ich wollte also wissen, nach welchem Paragrafen eine solche Ungleichbehandlung erfolgen kann – aber bekam auch darauf keine Antwort. Ich bekomme einfach keine Erklärung“, ärgert sich Wilhelm und moniert, mit ausgesprochener Arroganz von oben herab behandelt worden zu sein.

„Das Nutzungsrecht des betroffenen Grabfeldes ist bereits im Jahr 2014 satzungsgemäß abgelaufen. Für dieses Grabfeld sind keine schriftlichen Anträge auf Verlängerung der Nutzungsrechte bei der Friedhofsverwaltung eingegangen“, antwortet Plettenberg auf Nachfrage dieser Zeitung und betont, dass die Verwaltung das Grab erst abgeräumt habe, als der Widerspruchsbescheid Rechtskraft erhalten habe. Eine Ungleichbehandlung habe es nicht gegeben – für das eine Grab habe eben ein schriftlicher Antrag auf Verlängerung des Nutzungsrechts vorgelegen, für das Grab von Wilhelms Vater aber eben nicht. Entsprechend habe die Verwaltung nicht einmal eine Entscheidung darüber getroffen, sondern nur den Antrag auf Umbettung. Aus der Akte ergebe sich, dass Wilhelm den Wunsch auf Verlängerung eben nur „mündlich bei der Friedhofsverwaltung angesprochen haben muss“.

„Die Tatsache, dass die Angehörige keine Ruhe finden kann und sich mit ,ihrem Fall’ an die Presse wendet, zeigt, wie individuell und schwierig Trauer sein kann. Deshalb tut es einem als Verantwortlichen für die Friedhofsverwaltung im Einzelfall wirklich leid, dass man aufgrund bestehender Regelungen nicht alle persönlichen Befindlichkeiten berücksichtigen kann“, resümiert Plettenberg – und betont, dass die Friedhofsverwaltung auch noch „gezwungen“ sein werde, die Ober-Ofleidenerin darauf hinzuweisen, dass sie auf der ehemaligen Grabstelle keine Gegenstände und Blumenschmuck mehr ablegen solle, da „ansonsten eine kostenpflichtige Abräumung erfolgen muss“. Sein Rat: Sie möge auf das Grab der Mutter persönliche Gegenstände legen, um auch ihrem Vater gedenken zu können.

Von Florian Lerchbacher