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Ostkreis Entlastung der Anwohner ist gemeinsames Ziel
Landkreis Ostkreis Entlastung der Anwohner ist gemeinsames Ziel
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07:58 15.10.2020
Frauke Nahrgang (links) und Ute Badenhausen-Klös diskutierten über Für und Wider der A49. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Ja49? Keine A 49? Die Meinungen gehen auseinander und die Diskussionen nehmen zu – wobei an vielen Stellen dem Begriff „Diskussionen“ alles andere als Ehre gemacht wird. Vornehmlich geht es nur noch darum, möglichst laut und markant seine Position zu vertreten, Sachargumente kommen oftmals zu kurz oder gar nicht mehr zum Tragen. Aus diesem Grund hat die Oberhessische Presse eine Befürworterin des Autobahn-Weiterbaus und eine Gegnerin an einen Tisch gebracht, um Auge in Auge und sachlich über die Thematik zu diskutieren.

Ute Badenhausen-Klös ist gebürtige Josbacherin, hat die vergangenen fast 60 Jahre in dem Rauschenberger Stadtteil gelebt und unmittelbar mitverfolgt, „wie Verkehr, Lärm und Gefahren massiv anstiegen“. Für sie ist klar: Die Autobahn 49 muss kommen und für Entlastung sorgen. Den Weiterbau der Autobahn und das Fällen von rund 49 Hektar Bäumen noch verhindern will derweil Frauke Nahrgang, die vor 69 Jahren in einem Bunker im Herrenwald zur Welt kam und sich um die „grüne Lunge“ der jungen Stadt im Grünen sorgt. Wenn die Politiker nicht so lange an einem „überholten Plan“ festgehalten hätten, dann gäbe es für verkehrsgeplagte Ortschaften der Region wahrscheinlich schon eine Umgehung und kaum jemand würde noch die Autobahn fordern.

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Eine Gemeinsamkeit ist, dass beide Frauen den Anwohnern verkehrsstarker Straßen Entlastung wünschen. Eine Umgehungsstraße wäre aber für Josbach auch nicht die Lösung gewesen, sagt Badenhausen-Klös. Das Dorf sei im Norden und Süden von Wald umschlossen: „Und für eine sinnvolle Ortsumgehung müsste man auch an den Wald gehen“, erklärt sie. „Ich bin kein Straßenplaner. Ich weiß nur, dass Ortsumgehungen ohnehin vom Tisch sind – aber es einen Alternativvorschlag gibt,“ entgegnet Nahrgang. Gemeint ist der Ansatz, den die Amöneburger Familie Forst in Wiesbaden vorgestellt hat (die OP berichtete).

Das würde vielleicht Entlastung für die Region bringen, aber nicht für die Autobahnen 5 und 7, so Badenhausen-Klös, die auf Staus auf den Strecken, unnötige Abgase und Lärm und aus der Masse an Verkehr resultierende Unfälle verweist – allesamt Punkte, die in der Nähe dieser Straßen wohnende Familienangehörige bemängelt hätten. Auch für die würde die A49 Entlastung bringen, sagt die Josbacherin, was die Stadtallendorferin zu einer anderen Thematik bringt: Die Planung der Autobahn vor vielen Jahrzehnten sei in einer Zeit geschehen, als kaum jemand über den Klimawandel gesprochen habe – die Zeichen aber auch nicht so deutlich gewesen seien. Auch sie habe damals nicht darüber nachgedacht: „Aber jetzt wissen wir, dass wir unser Klima kaputtmachen. Und da sollen wir noch guten und gesunden Wald roden?“, fragt Nahrgang und hinterfragt einen Appell von Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel, die Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro aufgefordert hat, die Abholzung des Regenwaldes zu stoppen. Diese Ansicht solle sie lieber erstmal in ihrem Heimatland vorleben und zumindest den Dannenröder Forst retten – die Hoffnung für den Herrenwald hat Nahrgang bereits aufgegeben.

Der Dannenröder Forst sei nichtsdestotrotz ein Nutzwald und Bäume würden auf jeden Fall fallen, wirft Badenhausen-Klös ein: „Ob jetzt oder in fünf Jahren – wo ist der Unterschied?“, fragt sie und bringt die Ausgleichsmaßnahmen ins Spiel. Vorteil bei Aufforstungen sei, dass ganz genau geprüft werde, welche Baumarten geeignet seien, wie sie anwachsen – und was vielleicht noch gebraucht werde.

Einen über Hunderte Jahre gewachsenen Wald könne dies nicht ersetzen, entgegnet Nahrgang. Die Schenken zu Schweinsberg hätten mit viel Feingefühl einzelne Bäume entnommen. Ausgleichsflächen mit Bäumen, die „in Reih’ und Glied stehen“, könnten dies nicht kompensieren – ganz zu schweigen vom Aufwand, der für das Großziehen notwendig sei. „Die Art, wie gepflanzt wird, sagt nichts darüber aus, wie der entstehende Wald später aussieht“, sagt wiederum Badenhausen-Klös, deren Vater Forstwirt war. Es gebe schließlich Pflegearbeiten und der ein oder andere Baum werde im Lauf der Zeit herausgenommen – von „Reih’ und Glied“ sei später nichts mehr zu sehen. Doch Nahrgang sorgt sich auch um das komplexe Leben in einem alten Wald insgesamt: Lebensräume würden zerstört und es komme zu einer Verinselung: „Und das in Zeiten des ständigen Artensterbens. Die Menschen müssen anders mit ihren Ressourcen umgehen.“

Das treffe auch auf das Thema Wasser zu: Die A-49-Trasse führe durch ein Wasserschutzgebiet – und Bauarbeiten würden das Trinkwasser gefährden, moniert Nahrgang. „Ich kann nachvollziehen, dass Sie Angst um die Wasserversorgung haben, aber auch ich habe Ängste: Josbach bekommt sein Wasser aus einer Quelle, die keine 100 Meter von der B3 entfernt liegt. Was ist, wenn dort ein Unfall passiert? Ich sehe jeden Tag Tanklaster am Dorf vorbeirauschen...“, antwortet Badenhausen-Klös.

Einig sind sich die beiden Frauen, dass sie mit Gewalt einhergehende Proteste wie die Attacke auf den Polizeiwagen am Wochenende verurteilen. Insgesamt habe sie großen Respekt vor den Baumbesetzern, die sich für das Klima und den Wald einsetzen. „Ich finde das großartig“, sagt Nahrgang und betont, dass der Klimawandel nicht nur Menschen im Landkreis etwas angeht. Badenhausen-Klös lehnt Protestler aus anderen Gebieten Deutschlands ab: Sie habe das Gefühl, deren Ziel sei eine „deutschlandweite totale Veränderung“. Diese ist ihr aber „zu weit weg“ – es gehe schließlich vornehmlich darum, regionale Probleme zu lösen.

Überzeugen konnte keine der Frauen ihr Gegenüber von den eigenen Argumenten, aber das war auch nicht Ziel des Gesprächs. Sie wünsche sich für die Zukunft, dass ihre Enkel gefahrlos ihre auf der anderen Seite der Bundesstraße lebenden Großeltern besuchen können und die Anwohner vom Lärm entlastet werden, resümiert Badenhausen-Klös. Der Weg dorthin führt für sie über die Autobahn. Nahrgang wünscht sich, dass sich die Bundespolitik mehr an den Klimazielen des Pariser Abkommens orientiert und ein Umdenken stattfindet – dass Merkel eine Forderung an Bolsonaro stellt, die Deutschland auch vorlebt, also auf das Abholzen von Wäldern für Autobahnen verzichtet.

Von Florian Lerchbacher und Michael Rinde