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Ostkreis Eismann-Zwillinge vermissen Live-Auftritte
Landkreis Ostkreis Eismann-Zwillinge vermissen Live-Auftritte
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18:00 01.01.2021
Bassist Werner (vorn) und Leadgitarrist Gerhard Eismann in ihrem Studio.
Bassist Werner (vorn) und Leadgitarrist Gerhard Eismann in ihrem Studio. Quelle: Bodo Ganswindt
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Mardorf

Gestern noch „Fun, Fun, Fun“ heute „Highway to Hell“. Auch die heimische Rockszene leidet unter dem Coronavirus. Das traditionelle Jahreskehraus-Spektakel der Rockband „Softeis“ im Kirchhainer Bürgerhaus fällt aus – sang- und klanglos nach 20 Jahren am Stück.

Die Herzen schlagen für die gute alte Rockmusik

Livestreaming vom Spiel in leerer Halle? „Das ist nicht unser Ding“, sagt Bassist Werner Eismann, „der Kontakt zum Publikum ist das Elixier, das uns belebt.“ Also heißt es: warten auf bessere Zeiten. Gerade mal zwei Konzerte hat die Band um die Zwillinge Gerhard und Werner Eismann in diesem Jahr gegeben. Sonst sind es 15 bis 20 – und zwar bundesweit. „Zum Glück müssen wir nicht davon leben“, betonen sie. Werner ist noch bis zum Jahresende im Betreuungsangebot der Stadt Marburg beschäftigt. Überdies ist er als Fotokünstler tätig. Nächstes Jahr geht er in Rente. Dann haben er und sein Bruder Gerhard das in der Rockmusik beziehungsreiche Alter von 64 erreicht. Man denke nur an den legendären Beatles-Song „When I‘m 64“.

„Ich habe lange Zeit in einer minimal bürgerlichen Existenz gelebt und nie den Mut gehabt, Profimusiker zu werden“, sagt Werner, „die Kinderbetreuung lag und liegt mir immer noch am Herzen.“ Gleichwohl habe ihn die Musik auch im Beruf immer wieder begleitet.

Leadgitarrist Gerhard ist ein paar Jahre als Profi unterwegs gewesen. In der Ukraine war er in Lviv als Studiomusiker gefragt. Mit der Band „Escapade“ ist er durch Russland getourt. „Wir spielten dort fast jeden Abend vor bis zu 15 000 Fans“, erinnert er sich. Ein Open-Air-Konzert vor 10.000 Fans in Paris zählte zu den weiteren Highlights seiner Profikarriere, die er schließlich aus persönlichen Gründen aufgegeben habe.

Mit Softeis begab er sich in das etwas ruhigere Fahrwasser der Semi-Professionalität. „Ich habe mit 35 Jahren das Studium der Pädagogik aufgenommen, aber nebenher immer noch Musik gemacht.“ Inzwischen hat er seit Jahren einen Fulltime-Job als Musik- und Kunstlehrer an der Wollenbergschule Wetter.

Die Herzen der Eismänner schlagen nach wie vor für die gute alte Rockmusik, und dabei insbesondere für ihre Vorbilder von Deep Purple. „Wir machen uns schon Gedanken, wie es weitergehen soll“, räumt Werner ein. Nach der Absage des Neujahrskonzertes hoffen sie auf ein Open-Air im Sommer. Sie gehen ihrer Passion noch immer mit Spaß und Freude nach. Die großen Träume sind zwar ausgeträumt, doch der Funke in ihnen ist noch längst nicht verglüht.

Authentizität zeichnet sie seit Jahren aus

Die Authentizität, die sie über all die Jahre auszeichnet, ist geblieben. Sie wollen und können sich nicht verstellen. Aufgesetztes liegt ihnen nicht. „Wir sind, wie wir sind“, sagt Gerhard. Sie arbeiten stets und ständig an ihrer musikalischen Weiterentwicklung. In ihrem Mardorfer Studio entsteht derzeit eine CD mit digitaler Technik. Drei Titel haben sie mit Sänger Ronny Moucka und Schlagzeuger Michael Walter schon eingespielt.

Die Zeile „Rock‘n‘Roll will never die“ hat für die Eismänner noch immer große Bedeutung. Allerdings sieht Werner in der Musik diverse Parallelentwicklungen, die möglicherweise dazu führen, dass der Rockmusik nur noch eine Nische bleibt. Etwas optimistischer äußert sich Gerhard: „Die große Chance der Rockmusik ist das Live-Erlebnis, und dafür wird es immer ein Publikum geben. Man kann auch mit kleineren Zutaten Brötchen backen.“

Sie fühlen sich noch lange nicht als Rock-Opas, wenn auch das Haupthaar analog zum Beatles-Song ein wenig lichter wird. „Solange ich meine Gitarre halten kann, will ich damit auf die Bühne“, sagt Werner, „dieses Verlangen zieht sich bisher durch mein Leben.“ Dem pflichtet auch Bruder Gerhard bei: „Ich empfinde es als ein Geschenk, dass wir unsere Musik so lange machen können, und das bei aller Unterschiedlichkeit der Charaktere in unserer Band.“ The Beat goes on!

Von Bodo Ganswindt