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Ostkreis Ein letztes Mal gibt’s Momberger Brot
Landkreis Ostkreis Ein letztes Mal gibt’s Momberger Brot
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08:00 30.10.2021
Ein letztes Mal stehen Rita und Arnold Lotz heute hinter (und vor) den gut gefüllten Auslagen ihrer Bäckerei.
Ein letztes Mal stehen Rita und Arnold Lotz heute hinter (und vor) den gut gefüllten Auslagen ihrer Bäckerei. Quelle: Privatfoto
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Momberg

„Es gibt kein hartes Brot – hart wird es erst ohne Brot“, zitiert Bäckermeister Arnold Lotz ein altes Sprichwort, das in Momberg nun aktueller denn je wird. Denn heute ist das letzte Mal, dass die Bäckerei Lotz im Herzen des Neustädter Stadtteils geöffnet hat. Ab Montag müssen sich die Momberger in Bus oder Auto setzen, wenn sie frisches Brot oder frische Brötchen auf dem Tisch haben wollen.

Nach 107 Jahren ist Schluss: Zum einen, weil die Gesundheit nicht mehr so mitspielt, wie Arnold und Rita Lotz es gerne hätten, zum anderen aber auch, weil nicht nur die Inhaber, sondern auch die Gerätschaften so langsam in die Jahre kommen, wie die beiden betonen: „Der Schaden an unserem 74 Jahre alten Dampfbackofen hat die Entscheidung, unser Geschäft zu schließen, beschleunigt“, erklärt der Bäckermeister voller Bedauern. Denn auch wenn in den vergangenen Jahren nur noch mittwochs und samstags gebacken wurde: Das Familienunternehmen liegt den Eheleuten natürlich immer noch sehr am Herzen. „Es tut uns sehr leid. Es fühlt sich an, als würden wir die Menschen im Stich lassen. Aber es geht einfach nicht mehr“, erklärt Rita Lotz. „Der Großvater erstellt’s, der Vater erhält’s, beim Enkel zerfällt’s“, fügt ihr Mann hinzu.

Das Brot wurde mit dem Handwagen ausgefahren

Im Jahr 1914 hatte Karl Lotz das einstige Pfarrhaus in der Neuen Straße gekauft, um dort gemeinsam mit Ehefrau Helene eine Bäckerei zu betreiben. Das Brot fuhr er damals mit dem Handwagen aus, doch schon einen Monat später wurde der Momberger eingezogen und musste in den Krieg.

„Mein Opa war hier in der Region sehr beliebt. Manchmal hat er das Brot an notleidende Menschen auch verschenkt: Er erkundigte sich beispielsweise, wann Züge mit Gefangenen in Treysa ankommen würden. Dann fuhr er mit dem Pferdewagen dorthin und verteilte Brot“, berichtet Arnold Lotz. Im Jahr 1959 übergab er den Betrieb an Friedrich Lotz, das jüngste der vier Kinder. Dieser erweiterte die Bäckerei, die fortan auch andere Waren anbot.

Im Jahr 1987 verstarb Friedrich Lotz, woraufhin Ehefrau Irene noch zwei Jahre lang die Bäckerei betrieb, ehe Sohn Arnold übernahm – der bei seinem Vater Bäcker gelernt und 1979 seine Meisterprüfung abgelegt hatte. „Ich half schon als Kind“, erinnert sich der heute 67-Jährige zurück. Beispielsweise habe er die Zuckerglasur auf die fertigen „Amerikaner“ auftragen dürfen.

Doch es gibt noch viel mehr Historisches aus der Momberger Bäckerei zu berichten, so zum Beispiel davon, wie Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Blechkuchen zur Familie Lotz brachten, um diesen dort gegen Entrichten eines Backlohns fertigstellen zu lassen.

Oder von Mehlbüchern, die Menschen bekamen, wenn sie in Mühlen ihr Korn ablieferten: „Die konnten sie in den Bäckereien vorzeigen, dann kostete sie das Brot nur noch die Hälfte“, so Lotz. Besonders gerne erinnert er sich aber an die Dienstage nach der Momberger Kirmes zurück. Wenn er früh morgens bereits im Backraum stand und dann leicht bis schwerer angetrunkene Mitmenschen vom „Beerdigen“ des Kirchweihfestes vorbeikamen, um zu frühstücken.

Sie hätten dann helfen wollen – was aber natürlich nicht wirklich möglich oder sinnvoll gewesen wäre, sagt der Bäckermeister lachend. Also habe er ihnen einfach etwas Mehl mit Wasser gegeben, das sie zu einem „toten Teig“ kneten konnten: „So hatten sie wenigstens etwas zu tun.“

Doch nicht nur in den eigenen Momberger Räumlichkeiten bot das Familienunternehmen die Waren an: Traditionell fuhren die Bäckermeister auch in Nachbarorte wie Speckswinkel oder Treysa – zunächst mit dem Pferdewagen, später dann im P4, Goliath und letztlich einem modernen Verkaufswagen.

Das habe er aber aus gesundheitlichen Gründen einstellen müssen, berichtet Arnold Lotz – der früher bis auf montags täglich in der Backstube stand, nach einer Erkrankung sich dann aber nur noch auf Mittwoch und Samstag beschränkte und in den vergangenen elf Jahren nicht nur von seiner Frau, sondern auch von Sohn Christian Unterstützung bekam.

„Ohne seine Hilfe hätten wir schon früher aufhören müssen“, betonen die Eheleute und ergänzen, dass von einst 124 eigenständigen Bäckereien nur noch ein gutes Dutzend tätig sei.

Veränderungen im Ess- und Kaufverhalten

Die Veränderungen in Ess- und Kaufverhalten habe den Kleinstbetrieben über die Jahre geschadet, sagt Arnold Lotz. Früher habe er noch Sechspfünder gebacken, später nur noch Vier- und dann Dreipfünder. „Die Familien wurden immer kleiner – und damit ging auch die Nachfrage nach großen Broten zurück. Irgendwann kamen noch Spezialbrote dazu. Am Ende habe ich nur noch maximal Zweipfünder angeboten.“

Ein letztes Mal stehen Arnold, Rita und Christian Lotz heute im Back- beziehungsweise später im Verkaufsraum. Von 7 bis 12 Uhr besteht noch einmal die Möglichkeit, frisches Momberger Brot und frische Brötchen zu erwerben, danach endet eine 107 Jahre alte Tradition – sehr zum Bedauern zahlreicher Bürger. „Das tut mir sehr leid. Damit verlieren wir das letzte Stück Lebensmittel-Infrastruktur“, kommentiert Ortsvorsteher Jörg Grasse. Vor allem sei man nicht nur zum Einkaufen in die Bäckerei gegangen, sondern auch, um mit den Mitmenschen auch mal ein Schwätzchen zu halten.

„Gerade für unsere Senioren ist das tragisch, denn sie haben nun nichts mehr, wo sie zu Fuß hingehen und Nahrungsmittel kaufen können“, ergänzt Anke Stark und stellt heraus, dass sie „für später“ noch jede Menge Brötchen aus der Heimat eingefroren habe: „Wir werden die Bäckerei vermissen.“

Von Florian Lerchbacher

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