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Ostkreis Rodungen im Herrenwald gehen unter Protest weiter
Landkreis Ostkreis Rodungen im Herrenwald gehen unter Protest weiter
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20:29 12.10.2020
Polizeikräfte nähern sich einem Aktivisten, der auf einen Baum geklettert war, um Rodungsarbeiten zu verhindern. Quelle: Nadine Weigel
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Stadtallendorf

Drei Harvester, also große Baumfällmaschinen, waren gestern wieder im Herrenwald im Einsatz, dieses Mal südlich der Bundesstraße 454. Doch der Tag begann für die Polizei zunächst vor dem Werktor des Süßwarenherstellers Ferrero an der Kreisstraße 92. Gegen 7.30 Uhr begann die Blockadeaktion am Hauptwerkstor. Einige der Protestierer setzten sich an der Zufahrt auch direkt vor Lastwagen, die auf das Gelände fahren wollten. „Wir fordern, dass mehr Güterverkehr von der Straße auf die Schiene kommt“, so eine Aktivistin. Die Aktion sorgte auf der Facebookseite der OP für Unverständnis. Hunderte Kommentatoren verurteilten die Aktion zum Teil scharf.

Währenddessen bezog die Polizei mit großem Aufgebot an der Niederrheinischen Straße Position. Sie sperrte den dieses Mal sehr großen Sicherheitsbereich rund um das Gelände für die Baumfällarbeiten ab. Es folgte eine vorsorgliche Durchsuchung der Rodungsfläche, um auszuschließen, dass sich dort noch Menschen aufhalten.

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Währenddessen löste sich die Blockieraktion am Ferrerogelände auf. Ein Teil der Blockierer zog zu einer spontanen Kundgebung in die Innenstadt weiter. Auch die Fällarbeiten verliefen nicht reibungslos am gestrigen Tage. Einer kleinen Gruppe von Autobahngegnern gelang es dann doch, durch die Absperrungen zu dringen und auf Bäume zu klettern. Einsatz für die Höhenretter eines Spezialeinsatzkommandos. Die inzwischen in Stadtallendorf schon mehrfach eingesetzten Fachleute holten die Baumbesetzer wieder auf den Boden herunter. „Wir haben Platzverweise ausgesprochen“, erklärte eine Polizeisprecherin gegenüber der OP.

Währenddessen blieb der überraschende Angriff von vermummten Extremisten auf ein Polizeifahrzeug auch beim Einsatz gestern ein dominantes Thema bei den Einsatzkräften, wie Sprecherin Sylvia Frech berichtet. Nur durch glückliche Umstände war keiner der vier Beamte im Fahrzeug durch die Steinwürfe verletzt worden. Die Polizei veröffentlichte am Sonntag ein mutmaßliches Bekennerschreiben im Netz. „Wir haben unsere Kräfte sensibilisiert, auf die eigene Sicherheit zu achten“, sagte Frech gegenüber der OP. Sie appellierte nochmals an alle Autobahngegner, friedlich zu bleiben und sich von Gewalttaten zu distanzieren.

Es blieb aber nicht völlig friedlich: Gegen 12.30 Uhr gab es eine Konfrontation zwischen zwei Personen und Polizeibeamten. Zunächst kontrollierte die Polizei nach eigenen Angaben eine Gruppe von 14 Personen nahe des militärischen Sicherheitsbereichs der Bundeswehr, der ohnehin für Zivilisten gesperrt ist. Bei der Kontrolle flüchteten ein Mann und eine Frau. Sie versteckten sich in einer nahegelegenen Kuhle und folgten der Aufforderung nicht, aus der Kuhle herauszukommen. Als die Polizei den Mann aus seinem Versteck ziehen wollte, schlug dieser unvermittelt zu und traf einen Beamten mit der Faust im Gesicht. Bei der anschließenden Festnahme kam es zu einem Gerangel. Die Polizei setzte Pfefferspray ein. Zwei Polizeibeamte erlitten hierbei Verletzungen. Der Angreifer blieb bis auf die Auswirkung des Pfeffersprays unverletzt. Bei ihm und allen durch das Pfefferspray Betroffenen wurden noch vor Ort die Augen ausgespült. Gegen den Mann wurde Anzeige erstattet. Alle übrigen kontrollierten Personen erhielten einen Platzverweis.

Sperrungen auf der Niederrheinischen Straße

Bilanz des gestrigen Tages und der Baumfällarbeiten: Rund einen Hektar habe man südlich der B 454 gestern gefällt, erklärte Deges-Sprecher Michael Zarth. Die Projektgesellschaft Deges ist für die Bauvorbereitung verantwortlich. Zarth ging gestern Abend davon aus, dass die Arbeiten in dem jetzt begonnenen Areal in den nächsten Tagen fortgesetzt werden. Autofahrer müssen sich darauf einstellen, dass die Niederrheinische Straße, die Kreisstraße 12, dann erneut in beide Richtungen etwa ab der Scharnhorststraße gesperrt wird.

Von Nadine Weigel, Florian Lerchbacher und Michael Rinde

Standpunkt

Mäßigt Euch! 

Die A 49 spaltet die Bevölkerung. Die Emotionen kochen hoch. Vermummte werfen Steine auf ein Polizeifahrzeug und beschädigen es stark. Die Insassen bleiben unverletzt. Zum Glück! Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte ein Stein die Scheiben durchschlagen.
Jeder darf gegen die A 49 protestieren – oder dafür. Das ist das Schöne an der Demokratie. Sie muss und kann das aushalten. Aber der Protest muss unbedingt friedlich bleiben. Steine auf Polizisten? Das ist aufs Schärfste zu verurteilen. Mäßigung ist angesagt. In allen Bereichen, auf allen Ebenen. Auch verbal. So mancher Kommentator, der online den Aktivisten den Tod wünscht, sollte sich dringend auf seine Kinderstube zurückbesinnen. Denn nicht nur Polizisten sind Menschen, Aktivisten sind es eben auch. Hass und Gewalt sind nie ein guter Ratgeber. Für niemanden.

Von Nadine Weigel