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Ostkreis Ein Versuch, miteinander zu reden
Landkreis Ostkreis Ein Versuch, miteinander zu reden
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07:58 12.10.2020
Bei der Räumung im Dannenröder Forst wurde ein Aktivist von Polizisten weggetragen.
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Dannenrod

„Du sprichst ganz anders mit uns, als die.“ Dieser Satz fiel im September beim Polizeieinsatz an einer Planierraupe auf der Rudolfswiese im Danennröder Wald. Ein Teilnehmer der Sitzblockade vor der Baumaschine hatte sich an einen Polizeibeamten mit besonderen Aufgaben gewandt. Den sogenannten Kontaktbeamten. Das ist im Fall des A-49-Einsatzes ein jüngerer Polizist mit einer speziellen Schulung, eigens abgestellt dafür, mit Waldbesetzern und Demonstranten in einen Dialog zu kommen. Alles begann schon weit im Vorfeld, bevor sich die Situation rund um Räumung und Rodung zugespitzt hatte und es zu Zusammenstößen von Waldbesetzern und Polizei gekommen war.

Gute Erfahrungen in Frankfurt

„Unser Beamter ist zunächst einmal einfach in den Wald gegangen und hat sich dort vorgestellt“, sagt Michael Bornhausen. Er ist Hauptsachgebietsleiter beim polizeipsychologischen Dienst und für den Einsatz eines Kontaktbeamten wie auch der „Communicatoren“ zuständig. „Communicatoren“ haben im laufenden Polizeigeschehen eine andere Aufgabe als der Kontaktbeamte. Sie sind auch für den direkten Dialog vor Ort da, sei es bei Baumbesetzungen, sei es bei Demonstrationen. Allerdings übernehmen sie auch klare Ansagen, etwa, wenn es gilt, eine Räumung anzukündigen und zum letzten Mal darum zu bitten, ein Baumhaus zu verlassen. Oder zu warnen, dass bitte keine scharfen Gegenstände gezogen werden, wenn sich Polizisten der Höhenrettereinheit einem Baumhaus nähern.

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„Communicator“ wie auch der Kontaktbeamte überbringen mitunter sehr konkrete Angebote der Polizei. So gab es im Stadtallendorfer Herrenwald beispielsweise bei Beginn der Rodungen die Aufforderung, die Baumhäuser freiwillig zu verlassen. Im Gegenzug verzichtete die Polizei auf die Identifizierung von Besetzern. Vier Protestierer machten davon Gebrauch.

Es ist erst das zweite Mal, dass die hessische Polizei auf einen Kontaktbeamten setzt. Zum ersten Mal geschah das bei den Auseinandersetzungen um den Bau der Startbahn Nordwest vor Jahren. Dort gab es ein Hüttendorf. Und ausgerechnet in dessen Nähe fand sich ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Dem damaligen Kontaktbeamten gelang es, die Hüttendorf-Bewohner zu überzeugen. Mit ihm an der Spitze verließen sie ihr Protestcamp und kehrten dorthin nach der Bombenentschärfung auch zurück. Der Polizei blieb eine gewaltsame Räumung erspart.

Wie sich der Einsatz des Kontaktbeamten dieses Mal entwickelt, lässt sich noch nicht vorhersagen. Michael Bornhausen macht klar, worum es der Polizei bei diesem Ansatz vor allem geht: „Wir wollen deeskalieren.“ Die Polizei habe zunächst kein Problem mit irgendjemandem von den Protestierern und Demonstranten.

Spielregeln im Fokus

„Wir sind dafür da, dass alle Spielregeln von allen Seiten eingehalten werden“, beschreibt Bornhausen die Funktion der Polizei in diesem noch lange dauernden Einsatz rund um die A49. Das Einhalten der Spielregeln hat dabei ganz unterschiedliche Gesichtspunkte. Mal musste die Polizei Baumhäuser im Herrenwald oder Maulbacher Wald mit Spezialkräften räumen, mal musste sie aber auch verhindern, dass es Demonstranten gelingt, in den Herrenwald einzudringen.

„Communicator“ oder der Kontaktbeamte sind nicht an Festnahmen beteiligt. „Die Rollen sind klar verteilt, für den Einsatz sind andere Einheiten zuständig“, sagt Michael Bornhausen. Was nicht heißt, dass nicht auch die „Communicator“ eine Dienstwaffe tragen oder plötzlich mitten im Geschehen stehen, wenn Autobahngegner und Polizei unmittelbar aufeinandertreffen. Nachdem der Kontaktbeamte vor fast zwei Monaten erstmals im Dannenröder Wald aufgetaucht war, um mit Besetzern zu sprechen, dauerte es wiederum einige Tage, bis es eine Antwort gab. Schließlich sehen sich die dortigen Autobahngegner nicht als geschlossene Gruppen, sondern als Individuen mit gleichen Zielen. Im Dannenröder Wald musste offenbar ausdiskutiert werden, ob man mit der Polizei einen solchen Dialog will oder nicht. Einige Waldbesetzer wollen diese Kommunikation. Andere aber auch überhaupt nicht, so die Sicht der Polizei.

„Es gibt verschiedene Gruppen bei den Besetzern, darunter ist derzeit auch eine, die nicht mit uns reden will“, sagt Bornhausen. Aber es gibt gegenseitige Kontakte. Mal war es der junge Polizeibeamte, der den Waldbesetzern mitteilte, dass ein Einsatz bevorsteht, etwa, als die Polizei Waldarbeiter abschirmte, die Wege in Ordnung brachten. Außerdem gab es auch Nachfragen beim Kontaktbeamten seitens einzelner Besetzer zum Auftauchen von Polizeibeamten, sagt die Polizei. Ziel sei und bleibe es mit den Gesprächsangeboten dazu beizutragen, dass kein Mensch in den Einsätzen verletzt werde. „Dieses Angebot bleibt bestehen, auch gegenüber Personen, die das bisher noch ablehnen“, betont Bornhausen.

„Kommunikation findet nicht statt“

Die Sicht einiger Waldbesetzer im Dannenröder Wald auf den Kontaktbeamten ist allerdings eine andere. So schildert es zumindest „Fussel“, so sein Deckname, der OP so. „Fussel“ betont dabei, dass er Eindrücke von verschiedenen Waldbesetzern wiedergebe, die um ihre Erfahrungen vor dem Telefonat mit der OP gebeten worden seien. Im Hambacher Forst, bei der Besetzung und Räumung vor zwei Jahren, da habe es auch Kontaktbeamte gegeben. Das habe zwar auch nicht funktioniert. „Doch waren die wenigstens feinfühliger“. Eine Kommunikation, so wie sie die Polizei beschreibe, „die findet hier quasi nicht statt.“ Es sei ein Unding, dass ein Kontaktbeamter mit der Dienstwaffe am Gürtel vor Besetzern stehe und mit ihnen diskutieren wolle. Zwar rufe jener Beamte immer wieder an. „Er erfährt aber nichts“, sagt Fussel.

Noch schlechter ist das Meinungsbild einzelner Waldbesetzern, so fasst es der A-49-Gegner im Dannenröder Wald zusammen, von den „Communicatorn“. Die seien bei den bisherigen Rodungen und Einsätzen der Polizei immer sehr aggressiv gewesen, hätten meist nur Anweisungen überbracht. Von einem Dialog könne man nicht sprechen, da „wird ein falsches Bild gezeichnet.“

Von Michael Rinde