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Ostkreis Ehrenamtlerin aus Leidenschaft
Landkreis Ostkreis Ehrenamtlerin aus Leidenschaft
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18:58 18.10.2020
Rosemarie Lecher ist jetzt stolze Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande.
Rosemarie Lecher ist jetzt stolze Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Quelle: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

„Das Ehrenamt ist eine Leidenschaft“, sagt Rosemarie Lecher – und ein Blick auf ihren Lebenslauf zeigt, dass sie diese Worte auch lebt: Unter anderem ist sie in Kirchhain seit dem Jahr 1997 als Stadtverordnete (und zwischenzeitlich als Stadträtin) tätig, sitzt seit 2001 im Kreistag, gehörte und gehört auch weiterein verschiedenen Gremien wie dem Denkmalbeirat oder der Frauenkommission an, ist Notfall-Voraushelferin, war viele Jahre Mitglied des Kreisvorstandes der CDU (für Elternarbeit und Frauen), ist Vorstandsmitglied der Kommunalpolitischen Vereinigung Marburg-Biedenkopf und der Frauen-Union, war als ehrenamtliche Richterin aktiv und leitet seit 1989 die Gymnastikgruppe 50plus beim VfR Niederwald. Zudem engagierte sie sich in verschiedenen Elternbeiräten und ist Fördermitglied zahlreicher Vereine wie der Bürgergarde Kirchhain, dem Städel-Verein Frankfurt, dem Deutschen Roten Kreuz, aber auch der Aktionsgemeinschaft „Schutz des Ohmtals“. Trotz dieser langen Aufzählung sei noch einmal betont: Es handelt sich tatsächlich nur um einen Auszug aus dem Überblick über ihr Engagement.

Die inzwischen 71-Jährige, die jüngst ihre Goldene Hochzeit mit Ehemann Erich feierte, wurde dafür mit der Ehrennadel der Stadt Kirchhain in Bronze und in Silber ausgezeichnet, nahm den Landesehrenbrief und die Ehrenmünze des Kreises entgegen – und nun aus den Händen ihres Parteikollegen Dr. Stefan Heck in seiner Funktion als Staatssekretär das Bundesverdienstkreuz am Bande. Für die Übergabe hatte sich die Kirchhainerin die Dienstvilla des Ministerpräsidenten ausgesucht, von der sie fast noch mehr schwärmt als von der erhaltenen Auszeichnung.

Und ein bisschen scheint es auch so, als würde sie sich über die Würdigung ihres Engagements freuen, aber es eigentlich für selbstverständlich halten, dass man sich ins gesellschaftliche Leben einbringt. Sie habe früh gemerkt, dass mit Bürgerinitiativen vergleichsweise wenig zu erreichen sei, sagt sie: Aus diesem Grund habe sie sich einst entschieden, sich politisch zu engagieren. „Vor Ort kann man etwas Konkretes bewirken“, erklärt die Mutter zweier (inzwischen erwachsener) Kinder ihren Weg in die Stadtpolitik, auf den sie sich Ende der 1990er-Jahre gemacht hatte – also nach vielen Jahren in verschiedensten Elternvertretungen.

Ein Schlüsselerlebnis war die Wiedervereinigung beziehungsweise der Fall der Mauer. „Die Chance auf Wiedervereinigung war einmalig“, erinnert sie sich – und da die CDU die einzige Partei gewesen sei, die dieses Ansinnen unterstützt habe, sei ihr die Wahl einfach gefallen. Die Grünen seien überhaupt nicht infrage gekommen, und das, obwohl Lecher seit dem Jahr 1984 der Aktionsgemeinschaft „Schutz des Ohmtals“ angehört und sich in den 1990er-Jahren gegen das Waldsterben einsetzte. Den Weiterbau der Autobahn 49 befürwortet sie übrigens inzwischen: Verschiedene Trassen seien abgewogen und das ganze Projekt durch alle gerichtlichen Instanzen gegangen. Den Projektgegnern ruft sie zu, dass man manchmal im Leben eben verliert und Niederlagen irgendwann auch anerkennen muss: „Inzwischen haben sie sich verrannt.“

Eine Prämisse ihrer politischen Arbeit: „Man kann eine andere Meinung haben als jemand anderes und über Themen diskutieren. Das muss dann aber so passieren, dass man sich anschließend noch in die Augen schauen kann“, erklärt sie und stellt heraus, dass es nahezu unmöglich sei, den eigenen Willen zu 100 Prozent durchzudrücken. Es gelte, sich auf Kompromisse einzulassen und darauf zu einigen.

Dazu passt auch ihre Einstellung, dass das Leben alles andere als eindimensional, sondern vielseitig ist – ganz so wie Lecher selber, die sich politisch vor allem für das Wohl der Kinder und Frauenrechte einsetzt. Der Abtreibungsparagraf sei ihr beispielsweise einst ein Dorn im Auge gewesen: „Frauen sollen selbst bestimmen, was sie mit ihrem Körper machen.“ Und dann habe sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angestrebt. Ein Thema, auf das sie aus eigener Betroffenheit stieß: In den 1970er-Jahren arbeitete sie für die Uni Marburg und organisierte beispielsweise in den USA oder Norwegen Kongresse. „Ich dachte, mir gehört die Welt – und es sei auch problemlos möglich, nach dem Kinder kriegen weiterzuarbeiten. Ich konnte nicht verstehen, dass Frauen zu Hause bleiben“, erinnert sie sich und betont: „Doch dann holte mich die Realität ein.“

Obwohl sie nur die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Büro verbringen musste und den Rest zu Hause tätig sein durfte, sei ihr bald bewusst geworden, dass es so nicht weitergehen könne. Just nach einer Beförderung strich sie die Segel an der Uni und widmete sich der Familie: Sie selber sei Schlüsselkind gewesen und habe dies als belastend empfunden – daher sei irgendwann klar gewesen, dass es ihren Kindern nicht so gehen solle. Ihre Hoffnung sei gewesen, dass sie wieder arbeiten gehen könne, wenn die Kleinen in den Kindergarten gehen – aber da die Einrichtungen damals nur von acht bis zwölf Uhr geöffnet waren, sei auch dies unmöglich gewesen. Also setzte sich Lecher in der Folge für längere Öffnungs- und Betreuungszeiten und später auch für ein Essensangebot ein. „Oftmals war ein langer Atmen vonnöten“, hebt sie hervor – und eigentlich hätten sie und ihre Kinder nie etwas vom Erfolg ihres Einsatzes gehabt. „Aber der Mensch ist keine Insel. Man hilft anderen – und andere helfen einem“, sagt sie und bedauert, dass heutzutage viel Ich-Bezogenheit herrsche – und sogar die Demokratie etwas Fragiles sei: „Wir müssen dafür kämpfen. Heute mehr denn je.“

Ans Aufhören denkt die 71-Jährige übrigens noch nicht. Allerdings würde sie es gerne sehen, wenn sich mehr jüngere Menschen politisch einbringen. Insbesondere das Engagement für Kinder und Jugendliche sollten Jüngere übernehmen: „Ich würde aber gerne noch beratend zur Seite stehen, wenn das gewünscht wird.“ Sozusagen als „Elder States(wo)man“ – eine Vorstellung, die Lecher gefällt.

Von Florian Lerchbacher